Alltag

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Inhaltsverzeichnis

Alltag in den Widerstand bringen

Intro

Petra fährt mal wieder zu einer Demo. Immerhin hat sie ein eigenes Schild gebastelt und sich einen schönen Spruch ausgedacht. Während sie in der U-Bahn sitzt, wird sie deshalb immer wieder angesehen, ab und zu sprechen andere Mitfahrerinnen1 sie an. Schnell ergeben sich Gespräche darüber, was sie mit der Parole eigentlich sagen will. Auf der Demo ist das anders. Gespräche mit Passantinnen gibt es so gut wie keine. Das verhindern z.B. die Reihen martialisch aussehender Polizistinnen rings um die Demo. Oder die Reihen mehrheitlich uniformierter Demoteilnehmerinnen, die sich hinter Transparenten verbergen, deren Aufschriften ohne Szenewissen völlig unverständlich bleiben. Und Flugblätter hat auch kaum eine. Warum auch? Die meiste Zeit beziehen sich die Demonstrantinnen eh auf sich. Ach ja, irgendwie ist dieser Rahmen ganz schön unkommunikativ, denkt sicht Petra und latscht weiter. Auf dem Rückweg, wieder in der U-Bahn, vergleicht sie die Situationen. Und irgendwann rattert es in ihrem Kopf: Wenn mein Schild allein zu viel mehr politischen Gesprächen führt, wozu brauche ich dann diese blöde Demo? Ab diesem Tag nimmt Petra immer mal wieder ein einfaches Schild mit, wenn sie unterwegs in der U-Bahn ist - mit einem Spruch zu Themen, über die sie gerade diskutieren will. Und das klappt meistens erstaunlich gut. Die Geschichte, basierend auf einer ,wahren' Gegebenheit, macht einige sehr grundsätzliche Aspekte von „Widerstand im Alltag“ deutlich: Auch ohne hohen Aufwand lassen sich interessante Effekte erzielen; kleine Aktionen schaffen intensive Kommunikation. Was für eine Protestkultur könnte sich entwickeln, wenn viele Menschen solche Alltagsaktionen machen würden, anstatt nur auf selbstbezüglichen Demonstrationen mitzulatschen oder Events zu besuchen?

Versuch einer politischen Einleitung

Alltag und Politik zu trennen, ist falsch - aus vielen Gründen. Nicht nur deshalb, weil der Alltag zum Leben dazugehört und sich die Frage stellt, warum wir gerade da, wo wir den größten Gestaltungsspielraum haben, auf emanzipatorische Ziele verzichten sollten. Zudem kann eine zumindest teilweise Überwindung von Herrschaftsverhältnissen und Zwängen (z.B. marktorientierte Reproduktion, Abhängigkeit von Staat, Arbeitgeberin oder Vermieterin) erhebliche Gewinne an Handlungsfähigkeit bringen. Den Alltag zum Ort von kreativem Widerstand und visionärer Debatte zu machen, ist vor allem deshalb schlau, weil er immer und überall vorhanden ist. Der Stress materieller Reproduktion, die Diskriminierung nach Geschlecht, Hautfarbe, Alter, Leistungsfähigkeit bzw. -willigkeit, die willenlose Ergebenheit gegenüber Autoritäten und Institutionen, das Streben nach Macht und Profit, die totale Konkurrenz bis in jedes Spiel hinein - all das begegnet uns immer und überall. So grauselig das ist, es ist auch die Chance, Widerstand zu leben, direkte Aktion zur Alltagsgestaltung zu machen und so auszubrechen aus der permanenten Ohnmacht, aus dem Ausgeliefertsein gegenüber Zuständen, die wir sonst nur zu besonderen Ereignissen angreifen ... wie andere Weihnachten feiern. Widerstand im Alltag ersetzt die großen, breit öffentlich angelegten Aktionen nicht, sondern ist eine eigene Form der Auflehnung gegen Herrschaft und Verwertung. Und sie hat viele Facetten:

Was dieser Text will

Leider wird Widerstand oft auf öffentliche, massenwirksame Aktionen reduziert - vieles fällt dabei unter den Tisch. Diese Broschüre beschäftigt sich daher ausdrücklich mit den kleinen Eingriffen und Interventionen gegen Herrschaft, die ohne größeren Aufwand überall im eigenen Alltag möglich sind. Sie versucht, Grundlagen kreativen Widerstands sowie Erfahrungen, Anregungen, Aktionstechniken und konkrete Tipps für die Verbindung von Alltag und Widerständigkeit zu vermitteln. Mit dem Heft verbunden ist die Hoffnung, Debatten und den gegenseitigen Austausch rund um kreativen Widerstand zu fördern. Wahrscheinlich haben Du und andere bereits eigene Erfahrungen oder Einfälle, die hier völlig fehlen oder unterbelichtet werden. Ein Ort dafür ist ein offenes Wiki zu Widerstand im Alltag, auf dem alle Menschen eigenständig ihre Ideen eintragen können (www.deu.anarchopedia.org/ index.php/Projekt:Widerstand_im_Alltag). Auf jeden Fall freuen wir uns über Feedback, neue Ideen und Kritik. Und kommen auch gerne in Deine Stadt, wenn Bedarf an Workshops, Trainings oder Seminaren zu Direct Action besteht. Ansonsten: Nicht abwarten auf ferne Umwälzungen ... loslegen mit der „Revolution“ im Alltäglichen ... Wir wünschen uns, dass Widerstand sich nicht in seltenen Aktionen erschöpft, die völlig abgekoppelt vom restlichen Alltag sind („Wochenend-Aktivismus“, Eventhopping), als mehr oder minder spektakuläre Einzelereignisse im Raum stehen und damit häufig Kompensation für den ganzen Mist sind, dem wir ausgesetzt sind. Die Kluft zwischen Widerständigkeit und Leben ist aufhebbar. Wir gehen davon aus, dass jede Situation in unserem Leben Möglichkeiten bietet, Kritik und Gegenpositionen zu Sexismus, Verwertung, Umweltzerstörung, Rassismus, Lohnarbeit oder Schulzwang zu vermitteln. Ansatzpunkte für kreativen Widerstand und direkte Interventionen finden sich immer und überall.


Grundeinstellungen für den widerständigen Alltag

Wie immer gibt es natürlich keine Patentrezepte mit objektiver Gültigkeit und garantiertem Erfolg, wohl aber einige Anhaltspunkte und Erfahrungswerte, die Dir helfen können, mehr und mehr Widerständigkeit in den Alltag zu bringen. Dazu gehört z.B. die passende Ausstattung, Situationskomik und Schlagfertigkeit, Frechheit, aufmerksame Wahrnehmung, eine aufgeweckte „Standardeinstellung“, gute Vorbereitung, der Umgang mit Ängsten und materielle Unabhängigkeit. Im Mittelpunkt aller hier vorgestellten Aspekte steht immer, die eigenen Handlungsmöglichkeiten zu erweitern.

Handlungsmöglichkeiten ausdehnen

a. Wissen um Aktionsmethoden
Es ist hilfreich, viele Aktionsmöglichkeiten zu kennen und auch das Know-how zu haben, um diese umsetzen zu können. Dazu gehört, sich die Grundmuster von Direct Action bewusst zu machen und sich typische Techniken anzueignen (mehr dazu in Kapitel 2). Viele Anregungen zu kreativem Widerstand mit Alltagsbezug finden sich darüber hinaus in den Broschüren „Kommunikation subversiv“ und „Die Mischung macht's" (Download und Bezug über http://www.aktionsversand.de.vu).

b. Die passende Ausstattung
Unvorbereitet zu sein ist zwar eine sichere Erkennungsmelodie für Linke, passt aber nicht zu einer phantasievoll-widerständigen Alltagspraxis. Ob längere Reise, Schulbesuch oder Gang ins autonome Zentrum - Materialien und kleine ,Helferlein' erweitern Deine Handlungsmöglichkeiten. Vieles kann der widerständigen Verwendung überführt werden: Mit Kreide, Edding und einem Sortiment unterschiedlichster Aufkleber können Teer und Beton, Klos, Haltestellen, sexistische Zeitungen oder die sonstige Umgebung umgestaltet werden. Kleine Flyer oder Fakes (Fälschungen, z.B. perfekte Nachahmungen von BGS-Broschüren) können in Zeitungen eingelegt werden. Mit Urkunden oder Glückwunsch-Kärtchen (z.B. „Sie haben gerade einen Menschen sexistisch diskriminiert“) ist es für Dich vielleicht einfacher, auf Unterdrückungssituationen zu reagieren. Und beim Kontakt mit BGS, Polizei oder anderen Autoritäten „dürfen“ Konfetti und andere ,klamaukige' Dinge nicht fehlen. Was mensch mit sich schleppt, hängt von der Umgebung und den jeweiligen Bedürfnissen ab. Sehr praktisch ist eine Direct Action Tasche oder ein Fach im Rucksack mit der passenden Ausrüstung (immer schnell griffbereit!). Ein paar Dinge, die dazu gehören könnten:

c. Aktionsplattformen für dauerhafte Handlungsfähigkeit
Drei Straßen weiter wird ein besetztes Haus geräumt. Der Protest Deiner WG beschränkt sich darauf, der Polizei ein paar Parolen entgegen zu rufen. Eigentlich hattet ihr sogar ein paar gute Ideen - aber der Baumarkt war schon geschlossen. Das zurückbleibende Gefühl von Ohnmacht ist ,hausgemacht'. Denn neben mentalem Know-how und Übung in direkter Aktion hängt spontane Handlungsfähigkeit oft auch davon ob, ob hilfreiche Materialien verfügbar sind. Ansonsten ist das Ereignis, auf das Du reagieren wolltest, möglicherweise schon vorbei. Angesichts dieser einfachen Erkenntnis verwundert es, dass es in politischen WGs oder Zentren oft schon an den grundsätzlichsten Utensilien mangelt, um auf Unvorhergesehenes schnell reagieren zu können. Fast alles kann zum Aktionsmaterial werden, abhängig von Deinen Ideen - daher nur ein paar Beispiele, was ständig verfügbar sein sollte: Seifenblasen, Wasserbomben und -pistolen, Bettlaken und Spraydosen (für schnell hergestellte Transparente), Mars-TV (ein als Fernsehbildschirm ausgeschnittenes Transparent), Aufkleber und Einleger (z.B. für Produkte in Läden), Kreide, Sekundenkleber, ,Hassi` (d.h. eine Motorradhaube zur Maskierung), Handschuhe, Verkleidungen, Megaphon, Kleister, Pinsel, Stadtpläne und präzise Karten, Aktionsfahrräder und vieles mehr. Ein erster Schritt könnte sein, in Deiner Wohnung, WG oder anderen Räumlichkeiten eine Kiste mit Aktionsmaterialien zusammen zu stellen oder eine Ecke dafür zu reservieren. Für größere Sammlungen bieten sich Kellerräume an; sind diese von außen begehbar und gibt es mehrere Schlüssel, kann auch eine Gruppe von Menschen darauf zugreifen. Wenn es überall in Deiner Stadt solche kleinen Ecken gäbe, könnte das die Protestkultur beleben - vor allem dann, wenn die unterschiedlichen Menschen miteinander kooperieren. Die einzelnen Orte können je nach Interesse ganz unterschiedliche Schwerpunkte setzen: vom Chemielabor über Sabotage-Keller bis hin zur Verkleidungs-Ecke (z.B. für verstecktes Theater). Eine mögliche Weiterentwicklung sind Direct Action Plattformen. Das sind Orte, wo Aktionsutensilien von allen gleichberechtigt genutzt werden können. Dort könnten auch Rechner mit E-Mail- und Fax-Presseverteilern untergebracht werden, damit Aktionen gegenüber Medien kommuniziert werden können. Denkbar ist, Arbeitsplätze für bestimmte Tätigkeiten einzurichten (Schablonen-Tisch, PC zum spurenfreien Erstellen von Texten usw.). Besser als private Räume dürften für eine Direct Action Plattform politische oder soziale Zentren mit durchgehenden oder mindestens regelmäßigen Öffnungszeiten sein. Vorteile: Viele Menschen können die Plattform nutzen, um Aktionen vorzubereiten. Zudem erschwert die öffentliche Zugänglichkeit der Polizei, Einzelne zu kriminalisieren, weil unklar bleibt, welche Nutzerinnen was getan haben - gerade dann, wenn richtig viel abgeht.


Aufmerksamkeit und Sensibilität steigern

Es ist gar nicht nötig, auf Demonstrationen zu gehen oder auf Events zu warten, um politisch aktiv werden zu können. Herrschaft durchzieht die Gesellschaft bis in den letzten Winkel. Patriarchale Logiken, Zweigeschlechtlichkeit, Rassismus, Erziehung und Kinderdiskriminierung oder rechte Ideologien prägen den Alltag. Wer aufmerksam durch den Tag wandelt, wird genug Situationen finden, wo Unterdrückung zu kritisieren ist. Wer die Umgebung intensiv „abscannt“ und die eigene Sensibilität erweitert, bemerkt tausend Stellen, an denen kleine Zeichen gegen das genormte Dasein hinterlassen werden können. Diese grundsätzliche Aufmerksamkeit ist einer der wichtigsten „Ausrüstungsgegenstände“ für den Widerstand im Alltag.

a. Der Situations-„Scan“
Wer Konzentration und Sensibilität „hochfährt“, in die Situation eintaucht und aufmerksam beobachtet, hat viele Vorteile. Das „Scannen“ der Umgebung deckt oft neue Möglichkeiten auf, kreativ oder witzig in Situationen einzugreifen oder die Umwelt zu verändern. Es hilft, Details in der Umgebung oder dem Verhalten anderer wahrzunehmen. So entdeckt mensch z.B. neue Stellen, um Aufkleber oder gefälschte Hinweise anzubringen. Oder Ansatzpunkte, in ein Gespräch einzugreifen. Wer dazu noch genau sucht bzw. mit klarem Willen, Kreativität und widerständiger Grundeinstellung durchs Leben wandert, dürfte mit der Zeit immer neue Möglichkeiten finden, Unsinn zu stiften, Normalität zu durchbrechen. Neben der spontanen Aktionsfähigkeit gibt es noch weitere Anwendungsgebiete und gute Gründe für das aufgeweckte Agieren:

Aufgrund sozialer Zurichtung und der ständigen Präsenz von Bevormundung, Zwängen und Normierungen (z.B. die Orientierung auf Konsum statt Selbstorganisierung) ist dieses „Scannen“ bei vielen Menschen leider verschüttet; mensch trottet mit wenigen Ausnahmen im Dämmerzustand vor sich her und nimmt all die interessanten Details um sich herum kaum wahr. Die Wahrnehmung wieder zu schärfen, den Blick für Aktionsmöglichkeiten zu entwickeln ... all das kann gezielt geübt werden.

b. Herrschaftsbrille
Die meisten Menschen sind nicht irritiert, wenn Kinder im Bus oder Zug von Erwachsenen zurecht gewiesen, belehrt, bestraft oder gewalttätig angegangen werden (alles kommt ständig vor). In weiten Teilen der Gesellschaft besteht kein Bewusstsein für so offensichtliche und häufige Diskriminierungen aufgrund des Alters. Es ist „normal„. Auch in ,linken' Kreisen werden solche oder subtilere, verschleierte Formen von Herrschaft nur von wenigen überhaupt als solche wahrgenommen. Auch Menschen, die in einigen Bereichen Herrschaft sehr genau durchschauen, können in anderen “blind„ sein für eigenes Dominanzverhalten. Viele Frauen nehmen Männer mackerig, angeberisch oder unsensibel wahr, was die entsprechenden Männer häufig gar nicht mitbekommen. Und vielleicht fällt mir gar nicht auf, wie ich mich z.B. subtil ausgrenzend gegenüber Migrantinnen verhalte. Es wäre nun zwar schön, die Herrschaftsbrille einfach so aufsetzen zu können. Statt dessen können verschiedene Prozesse helfen, Herrschaft zu erkennen:

Vorbereitung, Reflektion und ständiges „Training“

a. Ängste bearbeiten
Direkte Intervention und Widerstand im Alltag wollen geübt sein und setzen Mut und Entschlossenheit voraus. Ich muss entschieden handeln können, wenn andere diskriminiert werden. Dem stehen häufig verinnerlichte Ängste entgegen. Sich die Abläufe in Unterdrückungssituationen und die eigenen Hemmungen bewusst zu machen oder mit anderen darüber zu reden, kann hilfreich sein. Wichtig ist ein offener Umgang mit Ängsten und „Filmen„ (d.h. tief sitzende Bilder, Gefühle oder Erfahrungen, die in bestimmten Situationen hochkommen), die sich aus der eigenen Zurichtung auf normgerechtes, angepasstes Verhalten, oder beispielsweise Autoritätshörigkeit ergeben. Gerade Ängste führen in Unterdrückungssituationen oder bei illegalen Aktionen nämlich oft zu Blockaden. Daher sollte ihre 'Bearbeitung' nicht an den Rand gedrängt oder als lästiger Ballast behandelt werden. Schon der Raum für diese Auseinandersetzung muss möglicherweise erst aktiv erobert werden, da Mackerigkeit und versachlichte Atmosphäre auch in politischen Szenen dominieren.

b. Trainings
Widerstand im Alltag setzt voraus, dass ich als konkrete Person agiere und mich anderen stelle, ich kann nicht in einer anonymen Masse verschwinden. Das schafft einige ,Anforderungen`: Ich muss in der Lage sein, meine Position überzeugend und verständlich darzustellen oder auf Fragen einzugehen - d.h. ich muss geübt sein in politischer Debatte und Kommunikation. Zudem muss ich fähig sein, auch Widersprüche oder kritische Fragen nicht zu übergehen, sondern als Ausgangspunkt für eine intensivere Debatte zu begreifen.

Ansonsten gilt: Jedes Gespräch, jede Alltagssituation bietet Chancen, sich in „Schlagfertigkeit“, Situationskomik, direkter Intervention und politischer Debattenkultur zu üben. Das ist gut vereinbar mit dem Versuch, den langweiligen WG-Alltag umzukrempeln, bunter und frecher zu machen - am besten sofort...


Was ist Direct Action?

Medien, wissenschaftliche Abhandlungen, Werbung oder alltägliche Stammtischgespräche ... sie alle wiederholen Tag für Tag, dass es angeblich nur zwei Geschlechter gibt, dass Regierungen notwendig sind oder dass Arbeit die eigene Identität ausmacht. Dieses Geflecht von unterschiedlichsten Kommunikationsprozessen kann als Diskurs bezeichnet werden. Die darüber verbreiteten Normierungen, Rollen- und Denkmuster sind so mächtig, weil sie kein Außen und keine Opposition kennen, sondern jeden gesellschaftlichen Winkel durchziehen. Die Allgegenwart solcher Diskurse führt dazu, dass Herrschaft verinnerlicht wird und etwas anderes kaum noch denkbar erscheint. Ohne direkten Zwang füllen Menschen die ihnen zugewiesenen Rollen aus und verhalten sich konform. Herrschaft im demokratischen Zeitalter reproduziert sich sehr stark über Diskurse. Kreativer Widerstand versucht daher, in die Diskurse einzugreifen und die Köpfe der Menschen zu erreichen, um Normalität zu hinterfragen. Die Menge zerschlagener Fensterscheiben oder anwesender Polizistinnen ist dafür nicht entscheidend: Zentrales Anliegen von kreativem Widerstand ist es, Kommunikation zu erzeugen, „Erregungskorridore“ zu schaffen. Es geht darum, Normalität zu durchbrechen - und das setzt andere Protestformen voraus: Ein perfekt formuliertes Flugblatt stößt nicht auf großes Interesse, wenn es einfach wortlos oder mit einem Standardspruch verteilt wird. Auch Demonstrationen oder Mahnwachen (in ihrer üblichen Form) sind viel zu sehr Teil des als normal Erlebten, um irritierende Wirkung zu entfalten. Daher ist es nötig, mittels phantasievoller Widerstandsformen (z.B. Sabotage, Straßentheater, Kommunikationsguerilla) die gewohnten Alltagsabläufe durcheinander zu bringen. Damit kann ein Aufmerksamkeitsmoment bei den angesprochen Personen geschaffen werden, das sich in Irritation, Belustigung, Ärger oder Neugier ausdrücken kann. Wo das gelingt, entsteht eine Ebene, die mit Kommunikation über politische Positionen bis hin zu gesellschaftlichen Utopien gefüllt werden kann. Das ist auch das Spannende: Aktionsmomente zu entwickeln, die visionäre Diskussionen eröffnen ... also dazu führen, dass in der Straßenbahn, im Laden oder in der Innenstadt über andere Gesellschaftsentwürfe debattiert wird. Wie solche intensiven Kommunikationsräume geöffnet werden können ist eine Frage, die immer wieder neu gestellt werden muss, um Aktionsformen beständig weiter zu entwickeln.

Typische Techniken
Wer sich einmal typische Formen direkter Aktion angeeignet hat, kann vieles später ohne großen Aufwand in den Alltag einbinden. Hier werden grob einige dieser Methoden vorgestellt (viel mehr Anregungen und Beispiele gibt es unter http://www.direct-action.de.vu):

Sabotage

Sabotage umfasst die bewusste Zerstörung bzw. Beschädigung von Herrschaftssymbolen, Produkten oder Objekten, die mit Herrschaft und Verwertung in Zusammenhang stehen. Manchmal steht sie im Mittelpunkt, manchmal ist Sabotage ein gern gesehener „Nebeneffekt“ - wichtig ist jedoch die Vermittlung, um nicht einfach als Vandalismus definiert zu werden. Aufkleber für sexistische Zeitungen oder umweltschädigende Produkte verbinden Sabotage und politischen Inhalt. Relativ unauffällige Utensilien, die sich für Kleinsabotage im Alltag anbieten: Sekundenkleber zum Verkleben von Schlössern oder Parkuhren, Kartoffeln für den Auspuff von Verfassungsschutz- oder Polizeifahrzeugen ...

Kommunikationsguerilla

Kommunikationsguerilla (KG) umfasst u.a. Fakes, die im Namen anerkannter Autoritäten absurde Positionen verbreiten, zu unsinnigen Handlungen aufrufen, Absagen von Wahlveranstaltungen, Veränderungen an Plakaten, Jubelorgien bei Politikerveranstaltungen usw. Verbindendes Element all dieser Aktionsformen ist der subversive Umgang mit Kommunikation, Öffentlichkeit und Medien. KG will die in einem Kommunikationskanal transportierten Botschaften und Codes (nach einem bestimmten System verschlüsselte Information) entwenden oder verfremden, versucht also Herrschaft aufzudecken und zu unterlaufen, indem sie in bestimmte Kommunikationsprozesse interveniert, die Hierarchien stützen. Wichtig ist die subversive Absicht - viele Techniken der KG unterlaufen nicht per se Herrschaft - als auch ein Gespür dafür, inwieweit die Form eines Kommunikationsvorgangs seinen Inhalt festschreibt, wie die Interaktion von Menschen einer bestimmten Ordnung unterworfen wird. Damit am Ende nicht Verarschung, sondern zielgenaue Herrschaftskritik steht, sollten KGs gut durchdacht sein! Einige der grundlegenden Methoden der KG seien hier kurz vorgestellt:

a. Verfremdung
Die gewohnte Erscheinung von Ereignissen, Bildern und Vorstellungen wird verändert. Die daraus resultierende Verwirrung bewirkt eine Distanz, die eine Reflektion darüber verursacht, was am gerade Erlebten nicht stimmt und wie „normal“ der normale Verlauf der jeweiligen Situation wirklich ist. Wenn auf einem Geldschein eine besonders prägnante Passage des „Kapitals“ zu lesen ist und das Zahlungsmittel so einen neuen Zweck erhält oder ein authentisch wirkendes Etikett auf einem Produkt mich fragt, warum ich dafür zahle, werden ritualisierte Ereignisse oder Konventionen verändert und die eigentlichen Normalzustände hinterfragbar gemacht.

b. Überidentifizierung
Die gesellschaftlichen Verhältnisse werden (zumindest in den Metropolen) nicht mittels permanentem offenem Staatsterror aufrechterhalten, sondern durch einen stillen Konsens breiter Bevölkerungsteile getragen. Die Ideologien, die Herrschaft legitimieren und die ein hohes Identifikationspotential bilden, sind allerdings nicht widerspruchsfrei. Das kann per Zuspitzung verdeutlich werden: Durch die totale Zustimmung, das kompromisslose Befolgen der Paragraphen der Macht (was meist groteske Effekte erzielt), werden Brüche und Paradoxien bloßgestellt. Anwendungsgebiete im Alltag könnten sein: Das offensive Bejubeln von Unterdrückungssituationen oder Kriegsspielzeug, verstecktes Theater an Ladenkassen oder das Einfordern übertriebener Repression, wenn die Polizei dich oder andere drangsaliert.

c. Sniping, Subvertising
Sniping (meint übersetzt „Schnippeln“) ist das Anbringen von Zeichen im öffentlichen Raum, das Modifizieren und Kommentieren von Hinweisschildern, Zeitungen, Telefonzellen, Werbeträgern, Plakaten oder Denkmälern. Die Waffen der Sniperinnen sind Sprühdosen, Farben, Filzschreiber, Aufkleber, portable Kleister-Sets und verwandte Bastelutensilien. Ihre Ziele sollen nicht mit platten Sprüchen oder plumper Zerstörung umgestaltet werden, sondern mittels subtilen Eingriffen, deren Wirkung oft viel eindringlicher ist. Subvertising meint das Anbringen eigener oder gefälschter Werbungen - also die erweiterte Form. Von Barbiepuppen, die in aufgeklebten Spruchblasen plötzlich gegen das Patriarchat wettern, über Software und CDs, die zum Ladendiebstahl freigegeben wurden bis hin zu seltsamen Schildern an Klos, welche Einteilung in männlich und weiblich hinterfragen. Im Alltag gibt es unzählige Anwendungsgebiete für Subversion.

d. Verstecktes Theater
Diese in Südamerika entstandene Methode geht zurück auf die Konzeption des „Theater der Unterdrückten“ nach Augusto Boal. Verstecktes Theater will etwas anderes als der etablierte Theaterapparat: Die Trennung von Zuschauerinnen und Akteurinnen, von passiver Masse und aktiven ,Auserwählten' soll aufgehoben werden. Verstecktes Theater kann vieles sein: Von überzogener Zustimmung bei BGS-Kontrollen, der gespielten Verweigerung des Zahlens in Läden bis hin zu kleineren Szenen an Kassen, an denen mehrere Leute beteiligt sind. Auch hier kann Herrschaftskritik geübt werden - allerdings in verdeckter Form, d.h. das Theater sollte authentisch wirken, gerade um jenseits der bei klar erkennbaren Aktionen gängigen Einordnung („Linke Spinner“) zu kommunizieren. Stoff für die Erarbeitung der Szene können rassistische Übergriffe, sexistische Anmachen, Arbeits- und Konsumterror, soziale Ausgrenzung, Vertreibung, Armut oder Kontrolle liefern. Die Szene muss, um ihre Wirkung entfalten zu können, an einem belebten Platz gespielt werden - in der U-Bahn, im Kaufhaus, in der Einkaufspassage, auf dem Konzert, in einer Kneipe oder an vergleichbare Orten. Die Spielenden präsentieren sie mit der Absicht, die Beiwohnenden zur Intervention zu bewegen, zum Eingreifen in eine Situation, die Unterdrückung greifbar offen legt. Wer einmal die Grundprinzipien und ein ,Feeling' für verstecktes Theater entwickelt hat, kann damit im Alltag agieren ... auch ohne fest eingeprobte Szenen. Schon allein oder zu zweit, kombiniert mit genügend Improvisationsgeschick, lässt sich in vielen (Unterdrückungs-)Situationen verstecktes Theater anwenden.

Eine Person schiebt einen vollen Einkaufswagen an die Ladenkasse und fragt laut, gut verständlich „Ich habe kein Geld, aber essen will ich trotzdem. Kann ich das einfach so mitnehmen?“ Vielleicht erzielt schon diese Handlung die erhoffte Wirkung, z.B. irritierte Empörung, Nachfragen und andere Reaktionen, die als Einstieg in die Debatte genutzt werden können. In der Schlange hinter der Kasse stehen weitere Personen, die - scheinbar unabhängig voneinander - in das Geschehen eingreifen und dabei unterschiedliche Positionen beziehen, um den Aufmerksamkeitskorridor zu erweitern: Vom Part des skeptischen „Aber wenn alle das machen würden“ bis hin zu „Geh doch arbeiten“. Ziel ist, dadurch möglichst weitere Unbeteiligte in intensive Gespräche einzubeziehen - ohne den Anspruch, Einigkeit zu produzieren: Gerade kritische Einwände sind hilfreich, z.B. um deutlich zu machen, dass die Aufhebung von Eigentum eine grundsätzliche Veränderung der Rahmenbedingungen voraussetzt.


Ideen für Alltagsaktionen und widerständige Stadtrundgänge

Unterwegs ist mensch im Alltag ja ohnehin sehr viel - warum also nicht ganz nebenbei die Umwelt umgestalten, Sand ins Getriebe streuen und an vielen Stellen kleine Fragezeichen im Gefüge der Normalität hinterlassen? Parkuhren, Mülleimer, Telefonzellen, Zeitungen und Produkte in Läden bieten Möglichkeiten, z.B. mit Aufklebern, Spuckis, Edding, Flyern, kompaktem Kleister-Set oder Sekundenkleber kreativ zu werden. All das ist mit geringem Aufwand verbunden, unauffällig und auch gut alleine durchführbar - dabei durchaus mit Masseneffekten. Hier nur ein kleine Sammlung von Ideen - wer die eigene Umgebung beobachtet, wird mit der Zeit schnell eigene Einfälle bekommen und immer neue Orte finden für Eingriffe in die herrschende Normalität ...

Zigarettenautomaten
Zigarettenautomaten bieten sich an, um dort Zettel oder Aufkleber anzubringen:

Leuchtreklamekästen
Immer mehr dieser Kästen stammen aus einer einheitlichen Produktion (französische Firma). Entsprechend gleich ist auch der Trick, wie die Kästen mit den über 1 Meter hohen, von hinten beleuchteten Plakaten aufzukriegen sind. Das klappt nämlich mit einem simplen Plastikrohr. Die richtige Größe hat das graue Schutzrohr um Elektrokabel, dass z.B. in Wände verlegt wird, damit hinterher das Stromkabel dort durchgezogen werden kann. Es hat ca. 12mm Durchmesser und passt bei den Leuchtreklamekästen, die unten an der Seite ein Loch zum Öffnen haben. Reinstecken (verschwindet etliche Zentimeter im Inneren, deshalb sollte das Teil ruhig 30cm lang sein) und dann zur Außenfläche hin drehen (also wenn die links ist, gegen den Uhrzeigersinn). Dann geht der Kasten auf, das Plakat kann ausgetauscht oder verändert, die Sicherung ausgeschaltet werden ...

Telefonzellen
In Telefonzellen ist fast immer Platz, um Aufkleber oder gefälschte Anzeigen zu montieren. Tipp: Wer die fast immer vorhandenen, freien Werbeflächen ausmisst, kann passgenaue Zettel entwerfen und diese unter der Plexiglasfläche anbringen, um die „Haltbarkeit“ zu erhöhen. Wichtig ist, den passende Schraubenzieher nicht zu vergessen.

Im Laden
Regale voller Produkte schaffen viele Möglichkeiten, den normalen Ablauf von Konsum zu stören oder anderweitig zu nutzen; ein paar Ideen:

Zeitungen
Zeitungen eignen sich, um Flyer einzulegen oder Fakes (Fälschungen), die optisch an Beilagen erinnern und nicht als “Fremdkörper" erscheinen - am besten mit Bezug zur jeweiligen Zeitung.

Weitere, ungeordnete Ideen

Beispiel: Kommunikationsguerilla gegen Überwachung und Kontrolle
Nachdem in Gießen die Gefahrenabwehrverordnung verabschiedet wurde, fanden sich auf Parkuhren, Telefonzellen, Zigarettenautomaten und Papierkörben Hinweiszettel auf angebliche Überwachungskameras. In Telefonzellen war zu lesen: „Diese Telefonzelle wird überwacht - bitte nur staatstreu formulieren!“; auf Papierkörben „Dieser Papierkorb wird kameraüberwacht - bitte angepasst wühlen!“. Vorlagen für die aufgekleisterten Überkleber und Informationen zur Gefahrenabwehrverordnung finden sich unter www.abwehr-der-ordnung.de.vu.

Hilfreiche Methoden

Eine Möglichkeit sind verabredete Stadtrundgänge, die mit einem lockeren Brainstorming kombiniert werden, bei dem alle in die Runde werfen, was für Unsinn mensch mit konkreten Plakaten, Produkten und Schildern machen könnte. Damit können die Wahrnehmung für Aktionsmöglichkeiten trainiert und gleichzeitig Ideen für eine spätere oder sofortige Umsetzung gesammelt werden.

Es kann aber auch Sinn machen, erst einmal wie beschrieben einfach ,nur` zu brainstormen, d.h. den Rahmen einer vorbereitenden Übung zu erhalten, damit eine lockere Atmosphäre gegeben ist. Denn für Einsteigerinnen kann der Wurf ins kalte Wasser auch Ängste verstärken und Hemmungen schaffen, wenn das Ideensammeln sofort mit einer Aktion verbunden ist. Daher sollte Sensibilität für dies Problematik aufgebracht werden.


Direkte Intervention im Alltag

Direkte Intervention meint ein unmittelbares Eingreifen, wenn andere diskriminiert oder - auf welche Weise auch immer - eingeschränkt werden. Damit ist weniger Gewalt, sondern ein sich Sich-Positionieren zu den Vorgängen gemeint, dass auch auf andere wirkt und diese ermutigt, nicht wegzuschauen. Ziele sind die Beendigung oder zumindest Offenlegung einer Unterdrückungssituation bis hin zum Anstoß einer Reflektion über das eigene Verhalten bei den kritisierten Personen. An dieser Stelle sind einige Ideen gesammelt, wie mit konkreten, sich oft wiederholenden Situationen umgegangen werden könnte. Weitere können gerne hinzukommen (oder eingetragen werden auf http://www.deu.anarchopedia.org/index.php/Projekt:Widerstand_im_Alltag).


Szenarios und Beispiele für Eingriffsmöglichkeiten

a. Personen- oder Fahrkartenkontrollen
Ausweiskontrollen nach rassistischem Schema in Bahnhöfen oder Zügen, Polizeiattacken in der Öffentlichkeit oder Fahrkartenkontrollen in öffentlichen Verkehrsmitteln sind häufig anzutreffende Unterdrückungssituationen. Handlungsmöglichkeiten könnten sein:

b. Diskriminierung und Anmache aufgrund von Herkunft, Alter oder Geschlecht

c. 'Robuste' Methoden
Nicht alle Situationen lassen sich über Kommunikation, verstecktes Theater oder Ablenkungsmanöver klären. Bei einer bestimmten ,Qualität` von Übergriff (z.B. offene Schlägerei) ist das unmittelbare Ziel, gewaltförmiges Verhalten zu beenden. Dann kann auch begrenzte Gewalt sinnvoll sein. Ziele dabei sollten immer sein, die Gewaltsituation aufzulösen und der kommunikativen Intervention Nachdruck zu verleihen. Wer eine bereits entwaffnete Person in Überzahl krankenhausreif prügelt, übt damit selbst Gewalt „von oben„ aus, d.h. handelt aus einer Herrschaftsposition. Wichtig ist, das eigene Verhalten immer zu reflektieren und nicht leichtfertig zu Gewalt zu greifen. Oft genügt es, selbstsicher und offensiv aufzutreten, um Diskriminierung und Gewalt zu stoppen, weil die Täterinnen es nicht mögen, aus ihrer Anonymität gerissen zu werden.

Grundsätzlicher Hinweis
Bei Interventionen ist es wichtig, immer darauf zu achten, wie dein Verhalten auf die Betroffenen wirkt, sensibel zu sein, Kommunikation mit dem „Opfer“ zu suchen, deine Aktion zu erklären oder nachzufragen, ob das okay ist.


Beispiele und Übungen

Beispiel: Parodie auf G8-Camp
Auf dem Anti-G8-Camp 2006 entwickelte sich ein absurder Zwist zwischen Israel-Fans und -Gegnerinnen, ausgelöst durch Transparente (und deren Entfernung), die zum Teil platte politische Forderungen aufwiesen. Der Konflikt wurde sehr mackerig ausgetragen. Dabei bahnte sich irgendwann eine Schlägerei zwischen Menschen an, die sich den unterschiedlichen Lagern zuordneten. Spontan griffen Außenstehende mit einer neuen Aktionsform ein, die für direkte Intervention im Alltag gut geeignet ist - das „Covern“, d.h. eine Situation, die kritisiert wird, daneben mit absurden Bezügen nachahmen: Drei Menschen inszenierten spontan ein Wortgefecht und eine „Schlägerei“ darum, ob Mickey Mouse, Donald oder Dagobert Duck cooler seien. Mit interessanter Wirkung: Das Restgeschehen ,fror' ein, die Aufmerksamkeit der Israel-Fans und -Gegnerinnen, bereits vermittelnden Menschen sowie zahlreicher Zuschauerinnen richtete sich auf das Theater. Und viele verstanden die Bezüge ...

Hilfreiche Methoden
Nachstellen konkreter Situationen per Rollenspiel, Theater der Unterdrückten oder Improvisationstheater inklusive gemeinsamer Reflektion kann helfen, sich auf Direkte Interventionen lebhaft vorzubereiten. Eine besonders ,lustige' und dynamische Methode: Ein paar Leute spielen eine Theaterszene, die anderen stehen locker um sie herum. Wer eine Idee hat, um mit der Situation umzugehen, kann das Geschehen anhalten (und gegebenenfalls zurück spulen) und sich einwechseln. Positive Wirkungen der Methode könnten sein:


Direktes Handeln in der Schule

„In der Schule lernt man fürs Leben, nicht für die Lehrerinnen!“ Leider stimmt dieser Satz, denn die Hauptaufgabe der Schule ist nicht die Wissensvermittlung, sondern die Konditionierung der Schülerinnen auf ein herrschaftskonformes Leben. Deshalb sind Herrschaft und Autorität hier deutlich spürbar. Doch das macht Schule spannend: Es gibt viele Möglichkeiten, Unterdrückung zu thematisieren, um aus jeder Schulstunde eine Aktion zu machen.

„Thomsen! Die Vokabeln für heute!“ „Äh, also...“ „Wie, Sie haben sie nicht gelernt?“ „Äh doch, aber...“ „Aber Sie können sie nicht! Das ist nicht gelernt! Thomsen, Thomsen, was soll ich mit ihnen nur machen! Ständig zu spät, und dann ihre Haare! Aber ihr Bruder ist ja auch nix geworden. So Lena, zeigen sie diesem Sauhaufen hier mal, wie das geht!“

Wege aus der Hilflosigkeit
Eine typische Situation, die zeigt, wie Schülerinnen in scheinbar ausweglose Situationen gedrängt werden. Die erste Reaktion darauf ist häufig Empörung in der Pause, eventuell wird noch eine „Vertrauenslehrerin“ eingeschaltet. Das führt dann meistens zu nichts, weil die typischen Beschwerdeinstanzen (Schülerinnenvertretung (SV), „Vertrauenslehrerinnen") keine Durchsetzungsmöglichkeiten haben. Selbst an meiner Schule, wo die SV-Menschen echt bemüht waren, aus ihrer systemimmanenten Handlungsunfähigkeit auszubrechen, ist dies kaum gelungen. Der einzige Punkt, wo das klappte, war die Schülerinnenzeitung, in der Fälle wie oben gnadenlos ausgewalzt und mit allen Klopperkommentaren von Schulleitung, Lehrerinnen etc. veröffentlicht wurden. Dies führte allerdings nicht zu weniger Herrschaft, sondern lediglich zu Privilegien: Nur der individuelle Handlungsspielraum für die Zeitungsmacherinnen erweiterte sich. Daran zeigt sich, dass Schulzeitungen gut und wichtig für Gegenöffentlichkeit sind, aber nicht per se bessere Verhältnisse schaffen. Und SV-Menschen müssen schon sehr frech und abgebrüht sein, um ihren Job so wenig ernst zu nehmen, das sie damit ernsthaften Widerstand leisten, und nicht nur die tolle demokratische Fassade der Schule schönen.

Wieder handlungsfähig werden
„Thomsen! Sie sind schon wieder 3 Minuten zu spät!“ „Ja, aber natürlich. Es gibt in meinem Leben ja auch mehr, als mich sinnlos anschreien zu lassen.„ “Haben Sie die Hausaufgaben?“ „Aber Herr Meier, sie wissen doch, das ich aus Prinzip keine Hausaufgaben mache, weil ich Dinge verstehen möchte, und nicht nur sinnlos auswendig lerne.“ „Und äh letzte Stunde, wo waren sie da?“ „Am Strand in der Sonne. Wann ich Latein lerne, kann ich mir aussuchen, wann die Sonne scheint, leider nicht.“ „Äh ja, dafür gibt es jetzt aber einen Strich!“ „OK, wenn sie sich dann besser fühlen. Sie dürfen das nächste Mal aber gerne mitkommen. Am Strand ist genug Platz für alle.“

Repression in Kommunikation wandeln

Solchen Gesprächsansätzen liegt zugrunde, dass sie Absurditäten thematisieren, die sonst auch vorhanden sind, aber wie selbstverständlich hingenommen werden. Und dadurch, dass mensch diesen Herrschaftsquatsch thematisiert, läuft gleichzeitig die Repression ins Leere. Erst recht passiert dies, wenn mensch auch noch Repression einfordert: „Machen Sie jetzt einen Strich? Wird davon der Unterricht besser? Bringt Ihnen das Spaß?“ „Ist ihre Note - nicht meine! Die Note sagt nix über meine Fähigkeiten aus, aber sehr viel über Ihre.“ etc. Die Möglichkeiten in der Schule Herrschaft und Repression zu thematisieren, sind schier unendlich.

Unterdrückung thematisieren
Ein weiterer spannender Ansatz ist die Thematisierung konkreter Unterdrückungsmaßnahmen. Zum Beispiel im Unterricht demonstrativ das Frühstück auspacken, mit Serviette, Kaffeetasse, Besteck und darauf warten, dass die Leerkraft zu pöbeln anfängt. Dann fragen, warum es sinnvoll sei, nicht zu essen, wenn mensch Hunger habe. „Dann können Sie sich nicht auf den Unterricht konzentrieren!“ „Mit Hunger bin ich aber noch weniger in der Lage, mich zu konzentrieren.“ „Aber wenn das Alle machen würden!“ „Dann könnten alle viel besser lernen! Zumal ich nicht sehe, dass Frühstück den Unterricht behindert, sondern erst Ihr Ausrasten den Unterricht unterbrochen hat.“ Und dann lässt sich wunderbar einsteigen in generelle Herrschaftskritik, weil ja offensichtlich sei, dass das Essverbot dem Unterricht schade und nur zur Disziplinierung diene.

Zu Risiken und Nebenwirkungen
Lehrerinnen sind unter ihrer Charaktermaske Menschen! Nie vergessen! Es geht nicht darum, einem Menschen seinen Beruf zur Hölle zur machen, sondern Herrschaft zu thematisieren. Bitte immer eine Grenze zwischen Menschen platt machen und Herrschaftskritik ziehen. Und zu viele Schulerinnen sind Radfahrerinnen. Egoistische kleine fiese Radfahrerinnen, die nach oben buckeln und nach unten treten. Nix tun sie lieber als auf schwache Menschen einzuprügeln (mobben). Dies zeigt sich leider auch an als gesellschaftlich „schwach“ konstruierten Lehrerinnen, die im Unterricht oft mit gnadenlosem Psychoterror überzogen werden. Das darf durch herrschaftskritisches Handeln nicht gestärkt werden. Vielmehr muss es immer Ziel sein, Schwächere zu stützen, Herrschaft zu thematisieren und abzubauen, statt neue Ungleichheiten zu schaffen.


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