Alltag
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Alltag in den Widerstand bringen
Intro
Petra fährt mal wieder zu einer Demo. Immerhin hat sie ein eigenes Schild gebastelt und sich einen schönen Spruch ausgedacht. Während sie in der U-Bahn sitzt, wird sie deshalb immer wieder angesehen, ab und zu sprechen andere Mitfahrerinnen1 sie an. Schnell ergeben sich Gespräche darüber, was sie mit der Parole eigentlich sagen will. Auf der Demo ist das anders. Gespräche mit Passantinnen gibt es so gut wie keine. Das verhindern z.B. die Reihen martialisch aussehender Polizistinnen rings um die Demo. Oder die Reihen mehrheitlich uniformierter Demoteilnehmerinnen, die sich hinter Transparenten verbergen, deren Aufschriften ohne Szenewissen völlig unverständlich bleiben. Und Flugblätter hat auch kaum eine. Warum auch? Die meiste Zeit beziehen sich die Demonstrantinnen eh auf sich. Ach ja, irgendwie ist dieser Rahmen ganz schön unkommunikativ, denkt sicht Petra und latscht weiter. Auf dem Rückweg, wieder in der U-Bahn, vergleicht sie die Situationen. Und irgendwann rattert es in ihrem Kopf: Wenn mein Schild allein zu viel mehr politischen Gesprächen führt, wozu brauche ich dann diese blöde Demo? Ab diesem Tag nimmt Petra immer mal wieder ein einfaches Schild mit, wenn sie unterwegs in der U-Bahn ist - mit einem Spruch zu Themen, über die sie gerade diskutieren will. Und das klappt meistens erstaunlich gut. Die Geschichte, basierend auf einer ,wahren' Gegebenheit, macht einige sehr grundsätzliche Aspekte von „Widerstand im Alltag“ deutlich: Auch ohne hohen Aufwand lassen sich interessante Effekte erzielen; kleine Aktionen schaffen intensive Kommunikation. Was für eine Protestkultur könnte sich entwickeln, wenn viele Menschen solche Alltagsaktionen machen würden, anstatt nur auf selbstbezüglichen Demonstrationen mitzulatschen oder Events zu besuchen?
Versuch einer politischen Einleitung
Alltag und Politik zu trennen, ist falsch - aus vielen Gründen. Nicht nur deshalb, weil der Alltag zum Leben dazugehört und sich die Frage stellt, warum wir gerade da, wo wir den größten Gestaltungsspielraum haben, auf emanzipatorische Ziele verzichten sollten. Zudem kann eine zumindest teilweise Überwindung von Herrschaftsverhältnissen und Zwängen (z.B. marktorientierte Reproduktion, Abhängigkeit von Staat, Arbeitgeberin oder Vermieterin) erhebliche Gewinne an Handlungsfähigkeit bringen. Den Alltag zum Ort von kreativem Widerstand und visionärer Debatte zu machen, ist vor allem deshalb schlau, weil er immer und überall vorhanden ist. Der Stress materieller Reproduktion, die Diskriminierung nach Geschlecht, Hautfarbe, Alter, Leistungsfähigkeit bzw. -willigkeit, die willenlose Ergebenheit gegenüber Autoritäten und Institutionen, das Streben nach Macht und Profit, die totale Konkurrenz bis in jedes Spiel hinein - all das begegnet uns immer und überall. So grauselig das ist, es ist auch die Chance, Widerstand zu leben, direkte Aktion zur Alltagsgestaltung zu machen und so auszubrechen aus der permanenten Ohnmacht, aus dem Ausgeliefertsein gegenüber Zuständen, die wir sonst nur zu besonderen Ereignissen angreifen ... wie andere Weihnachten feiern. Widerstand im Alltag ersetzt die großen, breit öffentlich angelegten Aktionen nicht, sondern ist eine eigene Form der Auflehnung gegen Herrschaft und Verwertung. Und sie hat viele Facetten:
- Direkte Intervention: Jede Herrschafts- bis Gewaltausübung zwischen Menschen kann und sollte Ort der direkten Intervention sein - nicht auf andere warten, nicht denken „das könnte ja auch ...“ und nicht die Polizei rufen, wenn es auch direkt geht. Dieses unmittelbare Eingreifen schafft die Chance für kleine Prozesse bis hin zu visionären Debatten. Doch so einfach ist das nicht: Sich bei sexistischen Übergriffen, rassistischen Pöbeleien oder Kontrollen des Bundesgrenzschutz (BGS) im Bahnhof, bei den ewigen Maßregelungen von Kindern (z.B. im Zugabteil oder Wartezimmer) anders zu verhalten, bedarf der Vorbereitung, am besten des Trainings.
- Direkte Aktion: Sozusagen die erweiterte Fassung der direkten Intervention ist die Idee, in die alltägliche Normalität einzugreifen - also selbst den Anlass für Debatten zu erzeugen. Das Spektrum ist hier genauso breit wie bei direkten Aktionen zu politischen Fragen: Verstecktes Theater, Kommunikationsguerilla, Kleinsabotage, Militanz usw. Wichtig ist immer, dass die Aktion zielgenau ist, Inhalte vermittelt und visionäre Debatte/Herrschaftskritik mit der Detailkritik verbindet.
- Alternativen im Alltag aufbauen: Wo Alternativen zu Markt und Staat, zu Herrschaft und Diskriminierung entstehen und offensiv ausgerichtet sind (Öffentlichkeitsarbeit, Offenheit, Aktionen), können sie Normalität ebenfalls in Frage stellen, Reibungsflächen schaffen. Zudem bilden sie Ausbruchspunkte für die eigene Einsortierung im markt- und herrschaftsförmigen Alltag. Wo Umsonstläden das Schenken organisieren, wo offene Häuser und Projekte mit gleichen Möglichkeiten für alle entstehen, Plätze der Eigentumslogik entrissen und öffentlich zugänglich werden, wo kooperative und offene Formen des Lebens und der Politik entstehen, da kommen Widerstand und Vision zu einer spannenden Mischung zusammen.
Was dieser Text will
Leider wird Widerstand oft auf öffentliche, massenwirksame Aktionen reduziert - vieles fällt dabei unter den Tisch. Diese Broschüre beschäftigt sich daher ausdrücklich mit den kleinen Eingriffen und Interventionen gegen Herrschaft, die ohne größeren Aufwand überall im eigenen Alltag möglich sind. Sie versucht, Grundlagen kreativen Widerstands sowie Erfahrungen, Anregungen, Aktionstechniken und konkrete Tipps für die Verbindung von Alltag und Widerständigkeit zu vermitteln. Mit dem Heft verbunden ist die Hoffnung, Debatten und den gegenseitigen Austausch rund um kreativen Widerstand zu fördern. Wahrscheinlich haben Du und andere bereits eigene Erfahrungen oder Einfälle, die hier völlig fehlen oder unterbelichtet werden. Ein Ort dafür ist ein offenes Wiki zu Widerstand im Alltag, auf dem alle Menschen eigenständig ihre Ideen eintragen können (www.deu.anarchopedia.org/ index.php/Projekt:Widerstand_im_Alltag). Auf jeden Fall freuen wir uns über Feedback, neue Ideen und Kritik. Und kommen auch gerne in Deine Stadt, wenn Bedarf an Workshops, Trainings oder Seminaren zu Direct Action besteht. Ansonsten: Nicht abwarten auf ferne Umwälzungen ... loslegen mit der „Revolution“ im Alltäglichen ... Wir wünschen uns, dass Widerstand sich nicht in seltenen Aktionen erschöpft, die völlig abgekoppelt vom restlichen Alltag sind („Wochenend-Aktivismus“, Eventhopping), als mehr oder minder spektakuläre Einzelereignisse im Raum stehen und damit häufig Kompensation für den ganzen Mist sind, dem wir ausgesetzt sind. Die Kluft zwischen Widerständigkeit und Leben ist aufhebbar. Wir gehen davon aus, dass jede Situation in unserem Leben Möglichkeiten bietet, Kritik und Gegenpositionen zu Sexismus, Verwertung, Umweltzerstörung, Rassismus, Lohnarbeit oder Schulzwang zu vermitteln. Ansatzpunkte für kreativen Widerstand und direkte Interventionen finden sich immer und überall.
Grundeinstellungen für den widerständigen Alltag
Wie immer gibt es natürlich keine Patentrezepte mit objektiver Gültigkeit und garantiertem Erfolg, wohl aber einige Anhaltspunkte und Erfahrungswerte, die Dir helfen können, mehr und mehr Widerständigkeit in den Alltag zu bringen. Dazu gehört z.B. die passende Ausstattung, Situationskomik und Schlagfertigkeit, Frechheit, aufmerksame Wahrnehmung, eine aufgeweckte „Standardeinstellung“, gute Vorbereitung, der Umgang mit Ängsten und materielle Unabhängigkeit. Im Mittelpunkt aller hier vorgestellten Aspekte steht immer, die eigenen Handlungsmöglichkeiten zu erweitern.
Handlungsmöglichkeiten ausdehnen
a. Wissen um Aktionsmethoden
Es ist hilfreich, viele Aktionsmöglichkeiten zu kennen und auch das Know-how zu haben, um diese umsetzen zu können. Dazu gehört, sich die Grundmuster von Direct Action bewusst zu machen und sich typische Techniken anzueignen (mehr dazu in Kapitel 2). Viele Anregungen zu kreativem Widerstand mit Alltagsbezug finden sich darüber hinaus in den Broschüren „Kommunikation subversiv“ und „Die Mischung macht's" (Download und Bezug über http://www.aktionsversand.de.vu).
b. Die passende Ausstattung
Unvorbereitet zu sein ist zwar eine sichere Erkennungsmelodie für Linke, passt aber nicht zu einer phantasievoll-widerständigen Alltagspraxis. Ob längere Reise, Schulbesuch oder Gang ins autonome Zentrum - Materialien und kleine ,Helferlein' erweitern Deine Handlungsmöglichkeiten. Vieles kann der widerständigen Verwendung überführt werden: Mit Kreide, Edding und einem Sortiment unterschiedlichster Aufkleber können Teer und Beton, Klos, Haltestellen, sexistische Zeitungen oder die sonstige Umgebung umgestaltet werden. Kleine Flyer oder Fakes (Fälschungen, z.B. perfekte Nachahmungen von BGS-Broschüren) können in Zeitungen eingelegt werden. Mit Urkunden oder Glückwunsch-Kärtchen (z.B. „Sie haben gerade einen Menschen sexistisch diskriminiert“) ist es für Dich vielleicht einfacher, auf Unterdrückungssituationen zu reagieren. Und beim Kontakt mit BGS, Polizei oder anderen Autoritäten „dürfen“ Konfetti und andere ,klamaukige' Dinge nicht fehlen. Was mensch mit sich schleppt, hängt von der Umgebung und den jeweiligen Bedürfnissen ab. Sehr praktisch ist eine Direct Action Tasche oder ein Fach im Rucksack mit der passenden Ausrüstung (immer schnell griffbereit!). Ein paar Dinge, die dazu gehören könnten:
- Edding: Unverzichtbar für spontane Veränderungen auf Plakaten, in Toiletten, an Behörden usw.
- Tesakrepp: Zum Befestigen von Spontan-Plakaten oder für Beschriftungen
- Konfetti: Autoritätspersonen oder Mackerinnen können durch Konfetti lächerlich und dadurch weniger bedrohlich gemacht werden
- Parfüm: Es kratzt an ihrer Autorität und dürfte peinlich wirken, wenn BGS-Beamtinnen oder Polizistinnen "plötzlich“ anfangen, nach Rosenblüten zu „duften“
- Leere Plakate: Sind in Kombination mit Edding immer gut, um spontan auf Situationen reagieren zu können, z.B. um bei einer rassistischen Kontrolle im Bahnhof den Beamtinnen zu folgen mit gehobenen Plakat (Aufschrift: „Hier findet eine rassistische Kontrolle statt“)
- Mars-TV Transparent: Ein als Fernsehbildschirm ausgeschnittenes Transparent verschafft Euch die Möglichkeit, in jeder Situation zur Mars-TV Reportage-Einheit zu mutieren und Ereignisse aus der Sicht von Wesen aufzugreifen, welche keine Herrschaft kennen. Denkbare Situation: Bei Fahrkartenkontrollen interviewt Ihr Fahrgäste und Kontrolleurinnen, was der Sinn vom Bezahlen ist, ob die Züge dadurch schneller fahren, was der gigantische Kontrollaufwand bringt usw.
- Aufkleber: Immer ein paar Aufkleber dabei haben, um sexistische Magazine zu kommentieren oder Produkte zu entwerten („Dieses Produkt ist entwertet - alles für alle statt Eigentum“)
- 8mm-Innenvierkantschlüssel: Das Werkzeug um in Zügen und Bahnhöfen an Sprechanlagen zu gelangen, Türen zu öffnen usw.
- Einleger: Zettel für Zeitungen oder Bücher, die sich kritisch mit den Inhalten auseinander setzen oder über Möglichkeiten informieren, ohne Geld und Eigentum zu leben
- Flugblätter: Da Begegnung mit rassistischen Kontrollen oder Erziehungsattacken gegenüber Kindern so alltäglich sind, macht es Sinn, immer ein paar Flugblätter mit thematischem Bezug mitzuschleppen
- Kreide: Optimal um Wege und Straßen mit Sprüchen zu verschönern oder auf Herrschafts-Durchgriffe in der Öffentlichkeit zu reagieren. So können Polizeifahrzeuge eingerahmt und kommentiert oder einzelne Polizistinnen mit Spruchblasen auf dem Boden bestückt werden. Gilt praktischerweise nicht als Sachbeschädigung, weil es von allein wieder abgeht. Tipp: Hält besonders gut auf Rost, also z.B. Containern
- Ereigniskarten: Die Monopolykarte „Sie kommen aus dem Gefängnis frei„ einstecken - hilft zwar nicht gegen Festnahmen, ist aber lustig. Andere Möglichkeiten: Kärtchen mit ,Lob' für das schönste Wegsehen das Tages, z.B. einsetzbar als Anti-Preis für ignorantes Verhalten gegenüber Übergriffen
- TV B Gone: Klein, unauffällig und nur für spezielle Orte einsetzbar ist der Infrarotstrahler am Schlüsselring. In ihm sind viele Frequenzen der Ein-/Ausschaltimpulse für Fernsehgeräte gespeichert. Richtet mensch nun das Gerät auf solche und drückt den einzigen Knopf, den das Gerät hat, so dauert es meist ein paar Sekunden - und dann ist der Fernseher aus. Oder an. Das bietet interessante Chancen, z.B. auf Wahlpartys, im Unterricht oder wo auch immer das Aus des Fernsehgaffens erwünscht sein kann. Wer sich auf der anderen Seite keinen Breitbild-Plasma-Bildschirm leisten kann oder will, aber doch mal Interesse an einem Film hat, kann sein Sofa vor ein TV-Geschäft schieben und dann durch die Scheibe den schönsten der dortigen Fernseher anvisieren. Bislang ist das Gerät nur in den USA erhältlich, aber Briefe von dort kommen auch hier an. Mehr unter www.tvbgone.com
- Kleidung: Ein T-Shirt mit einem gut verständlichen und ebenso lesbarem Spruch kann bereits ausreichen, um in der U-Bahn oder anderswo in der Öffentlichkeit angesprochen zu werden und in politische Debatten einzusteigen
- Trillerpfeife: damit mensch auch hörbar intervenieren kann
- Schildchen: ein Plastikschildchen (anheftbar an Jacke, Pullover) und verschiedene, bedruckte Papierkärtchen für unterschiedliche Situationen ... z.B. um sich „seriös“ zu geben (als Sicherheitsdienst, Parteimitglied, Journalistin etc.). Oder um Schwarzfahren offensiv zu kommunizieren („Ich fahre schwarz, weil Mobilität nicht vom Geldbeutel abhängen sollte“). Das schafft auch den juristischen Vorteil, dass du eigentlich nicht mehr der Leistungserschleichung bezichtigt werden kannst.
- Zollstock o.ä. zum direkten Ausmessen von Plakaten, die du verändern möchtest
c. Aktionsplattformen für dauerhafte Handlungsfähigkeit
Drei Straßen weiter wird ein besetztes Haus geräumt. Der Protest Deiner WG beschränkt sich darauf, der Polizei ein paar Parolen entgegen zu rufen. Eigentlich hattet ihr sogar ein paar gute Ideen - aber der Baumarkt war schon geschlossen. Das zurückbleibende Gefühl von Ohnmacht ist ,hausgemacht'. Denn neben mentalem Know-how und Übung in direkter Aktion hängt spontane Handlungsfähigkeit oft auch davon ob, ob hilfreiche Materialien verfügbar sind. Ansonsten ist das Ereignis, auf das Du reagieren wolltest, möglicherweise schon vorbei. Angesichts dieser einfachen Erkenntnis verwundert es, dass es in politischen WGs oder Zentren oft schon an den grundsätzlichsten Utensilien mangelt, um auf Unvorhergesehenes schnell reagieren zu können.
Fast alles kann zum Aktionsmaterial werden, abhängig von Deinen Ideen - daher nur ein paar Beispiele, was ständig verfügbar sein sollte: Seifenblasen, Wasserbomben und -pistolen, Bettlaken und Spraydosen (für schnell hergestellte Transparente), Mars-TV (ein als Fernsehbildschirm ausgeschnittenes Transparent), Aufkleber und Einleger (z.B. für Produkte in Läden), Kreide, Sekundenkleber, ,Hassi` (d.h. eine Motorradhaube zur Maskierung), Handschuhe, Verkleidungen, Megaphon, Kleister, Pinsel, Stadtpläne und präzise Karten, Aktionsfahrräder und vieles mehr.
Ein erster Schritt könnte sein, in Deiner Wohnung, WG oder anderen Räumlichkeiten eine Kiste mit Aktionsmaterialien zusammen zu stellen oder eine Ecke dafür zu reservieren. Für größere Sammlungen bieten sich Kellerräume an; sind diese von außen begehbar und gibt es mehrere Schlüssel, kann auch eine Gruppe von Menschen darauf zugreifen. Wenn es überall in Deiner Stadt solche kleinen Ecken gäbe, könnte das die Protestkultur beleben - vor allem dann, wenn die unterschiedlichen Menschen miteinander kooperieren. Die einzelnen Orte können je nach Interesse ganz unterschiedliche Schwerpunkte setzen: vom Chemielabor über Sabotage-Keller bis hin zur Verkleidungs-Ecke (z.B. für verstecktes Theater).
Eine mögliche Weiterentwicklung sind Direct Action Plattformen. Das sind Orte, wo Aktionsutensilien von allen gleichberechtigt genutzt werden können. Dort könnten auch Rechner mit E-Mail- und Fax-Presseverteilern untergebracht werden, damit Aktionen gegenüber Medien kommuniziert werden können. Denkbar ist, Arbeitsplätze für bestimmte Tätigkeiten einzurichten (Schablonen-Tisch, PC zum spurenfreien Erstellen von Texten usw.). Besser als private Räume dürften für eine Direct Action Plattform politische oder soziale Zentren mit durchgehenden oder mindestens regelmäßigen Öffnungszeiten sein. Vorteile: Viele Menschen können die Plattform nutzen, um Aktionen vorzubereiten. Zudem erschwert die öffentliche Zugänglichkeit der Polizei, Einzelne zu kriminalisieren, weil unklar bleibt, welche Nutzerinnen was getan haben - gerade dann, wenn richtig viel abgeht.
Aufmerksamkeit und Sensibilität steigern
Es ist gar nicht nötig, auf Demonstrationen zu gehen oder auf Events zu warten, um politisch aktiv werden zu können. Herrschaft durchzieht die Gesellschaft bis in den letzten Winkel. Patriarchale Logiken, Zweigeschlechtlichkeit, Rassismus, Erziehung und Kinderdiskriminierung oder rechte Ideologien prägen den Alltag. Wer aufmerksam durch den Tag wandelt, wird genug Situationen finden, wo Unterdrückung zu kritisieren ist. Wer die Umgebung intensiv „abscannt“ und die eigene Sensibilität erweitert, bemerkt tausend Stellen, an denen kleine Zeichen gegen das genormte Dasein hinterlassen werden können. Diese grundsätzliche Aufmerksamkeit ist einer der wichtigsten „Ausrüstungsgegenstände“ für den Widerstand im Alltag.
a. Der Situations-„Scan“
Wer Konzentration und Sensibilität „hochfährt“, in die Situation eintaucht und aufmerksam beobachtet, hat viele Vorteile. Das „Scannen“ der Umgebung deckt oft neue Möglichkeiten auf, kreativ oder witzig in Situationen einzugreifen oder die Umwelt zu verändern. Es hilft, Details in der Umgebung oder dem Verhalten anderer wahrzunehmen. So entdeckt mensch z.B. neue Stellen, um Aufkleber oder gefälschte Hinweise anzubringen. Oder Ansatzpunkte, in ein Gespräch einzugreifen. Wer dazu noch genau sucht bzw. mit klarem Willen, Kreativität und widerständiger Grundeinstellung durchs Leben wandert, dürfte mit der Zeit immer neue Möglichkeiten finden, Unsinn zu stiften, Normalität zu durchbrechen. Neben der spontanen Aktionsfähigkeit gibt es noch weitere Anwendungsgebiete und gute Gründe für das aufgeweckte Agieren:
- Auch bei der Vorbereitung von geplanten direkten Aktionen oder militanten Attacken ist hohe Aufmerksamkeit für Details (z.B. auffällige Personen, Kameras oder Zivilstreifen) gefragt
- Prozesse einer unabhängigen Selbstorganisierung im Alltag setzen voraus, aktiv Möglichkeiten zu bemerken, wo passende Materialien umsonst verfügbar sein könnten: Container mit Lebensmittelresten, abgelegene Baustellen, zum Abriss frei gegebene Häuser (mit nützlicher Ausstattung) ... wer all das nicht registriert, wird es schwer haben, sich ohne bzw. mit wenig Geld zu organisieren.
Aufgrund sozialer Zurichtung und der ständigen Präsenz von Bevormundung, Zwängen und Normierungen (z.B. die Orientierung auf Konsum statt Selbstorganisierung) ist dieses „Scannen“ bei vielen Menschen leider verschüttet; mensch trottet mit wenigen Ausnahmen im Dämmerzustand vor sich her und nimmt all die interessanten Details um sich herum kaum wahr. Die Wahrnehmung wieder zu schärfen, den Blick für Aktionsmöglichkeiten zu entwickeln ... all das kann gezielt geübt werden.
b. Herrschaftsbrille
Die meisten Menschen sind nicht irritiert, wenn Kinder im Bus oder Zug von Erwachsenen zurecht gewiesen, belehrt, bestraft oder gewalttätig angegangen werden (alles kommt ständig vor). In weiten Teilen der Gesellschaft besteht kein Bewusstsein für so offensichtliche und häufige Diskriminierungen aufgrund des Alters. Es ist „normal„. Auch in ,linken' Kreisen werden solche oder subtilere, verschleierte Formen von Herrschaft nur von wenigen überhaupt als solche wahrgenommen. Auch Menschen, die in einigen Bereichen Herrschaft sehr genau durchschauen, können in anderen “blind„ sein für eigenes Dominanzverhalten. Viele Frauen nehmen Männer mackerig, angeberisch oder unsensibel wahr, was die entsprechenden Männer häufig gar nicht mitbekommen. Und vielleicht fällt mir gar nicht auf, wie ich mich z.B. subtil ausgrenzend gegenüber Migrantinnen verhalte. Es wäre nun zwar schön, die Herrschaftsbrille einfach so aufsetzen zu können. Statt dessen können verschiedene Prozesse helfen, Herrschaft zu erkennen:
- Die theoretische Auseinandersetzung mit Herrschaft in all ihren Facetten (beispielsweise unter Rückgriff auf den HierarchNie!-Reader, der versucht, solche Herrschaftsbrillen bereit zu stellen: http://www.hierarchnie.de.vu)
- Die aufmerksame Wahrnehmung in jeder Situation mit dem Willen, Normalität zu hinterfragen und Herrschaft zu demaskieren
- Die ständige Reflektion, der Versuch, einsam oder gemeinsam Situationen zu durchleuchten und auszuwerten. Herrschaft verändert sich ständig und eine sichere Feststellung ist nie möglich. Deshalb ist es wichtig, sich Herrschaft und die eigene Verstrickung in diese immer wieder neu bewusst zu machen!
Vorbereitung, Reflektion und ständiges „Training“
a. Ängste bearbeiten
Direkte Intervention und Widerstand im Alltag wollen geübt sein und setzen Mut und Entschlossenheit voraus. Ich muss entschieden handeln können, wenn andere diskriminiert werden. Dem stehen häufig verinnerlichte Ängste entgegen. Sich die Abläufe in Unterdrückungssituationen und die eigenen Hemmungen bewusst zu machen oder mit anderen darüber zu reden, kann hilfreich sein. Wichtig ist ein offener Umgang mit Ängsten und „Filmen„ (d.h. tief sitzende Bilder, Gefühle oder Erfahrungen, die in bestimmten Situationen hochkommen), die sich aus der eigenen Zurichtung auf normgerechtes, angepasstes Verhalten, oder beispielsweise Autoritätshörigkeit ergeben. Gerade Ängste führen in Unterdrückungssituationen oder bei illegalen Aktionen nämlich oft zu Blockaden. Daher sollte ihre 'Bearbeitung' nicht an den Rand gedrängt oder als lästiger Ballast behandelt werden. Schon der Raum für diese Auseinandersetzung muss möglicherweise erst aktiv erobert werden, da Mackerigkeit und versachlichte Atmosphäre auch in politischen Szenen dominieren.
- Hilfreiche Methoden: Ängste schlagen sich fast immer auch körperlich nieder und verstetigen sich dadurch. So tritt in Angstmomenten bei vielen Menschen eine stockende Atmung auf, kombiniert mit einer Art Bewegungslosigkeit. Beide Momente haben eine verstärkende Wirkung auf das einengende Gefühl. Wer sich das bewusst macht, kann auch körperlich ,gegensteuern', z.B. indem Du Dich bewegst, ausstreckst, aufstehst oder bewusst weiter atmest, wenn Du solche Symptome an Dir wahrnimmst. Atemübungen können helfen, um in angespannten Situationen nicht zu erstarren und zu Handlungsfähigkeit zurück zu finden.
b. Trainings
Widerstand im Alltag setzt voraus, dass ich als konkrete Person agiere und mich anderen stelle, ich kann nicht in einer anonymen Masse verschwinden. Das schafft einige ,Anforderungen`: Ich muss in der Lage sein, meine Position überzeugend und verständlich darzustellen oder auf Fragen einzugehen - d.h. ich muss geübt sein in politischer Debatte und Kommunikation. Zudem muss ich fähig sein, auch Widersprüche oder kritische Fragen nicht zu übergehen, sondern als Ausgangspunkt für eine intensivere Debatte zu begreifen.
- Hilfreiche Methoden: Verstecktes oder unsichtbares Theater, z.B. das beherzte Eingreifen bei rassistischen BGS-Kontrollen kann nicht nur gedanklich durchgespielt, sondern auch in der Gruppe geübt werden. Eine Variante dabei sind Formen des Improvisationstheaters3, das sehr stark vom Spiel aus dem Stehgreif lebt bzw. genau dieses trainiert. Dazu gehören beispielsweise eine Reihe von Spielen und Übungen, um Spontaneität und Einfallsreichtum zu wecken. Genau das ist gefragt, um im Alltag mit vorher nicht planbaren Situationen umgehen zu können. Workshops und Trainings, welche die genannten Aspekte verbinden, sind am erfolgversprechendsten - und gleichzeitig auch Möglichkeiten, andere Menschen mit einzubeziehen und für Widerständigkeit zu werben.
Ansonsten gilt: Jedes Gespräch, jede Alltagssituation bietet Chancen, sich in „Schlagfertigkeit“, Situationskomik, direkter Intervention und politischer Debattenkultur zu üben. Das ist gut vereinbar mit dem Versuch, den langweiligen WG-Alltag umzukrempeln, bunter und frecher zu machen - am besten sofort...
Was ist Direct Action?
Medien, wissenschaftliche Abhandlungen, Werbung oder alltägliche Stammtischgespräche ... sie alle wiederholen Tag für Tag, dass es angeblich nur zwei Geschlechter gibt, dass Regierungen notwendig sind oder dass Arbeit die eigene Identität ausmacht. Dieses Geflecht von unterschiedlichsten Kommunikationsprozessen kann als Diskurs bezeichnet werden. Die darüber verbreiteten Normierungen, Rollen- und Denkmuster sind so mächtig, weil sie kein Außen und keine Opposition kennen, sondern jeden gesellschaftlichen Winkel durchziehen. Die Allgegenwart solcher Diskurse führt dazu, dass Herrschaft verinnerlicht wird und etwas anderes kaum noch denkbar erscheint. Ohne direkten Zwang füllen Menschen die ihnen zugewiesenen Rollen aus und verhalten sich konform. Herrschaft im demokratischen Zeitalter reproduziert sich sehr stark über Diskurse. Kreativer Widerstand versucht daher, in die Diskurse einzugreifen und die Köpfe der Menschen zu erreichen, um Normalität zu hinterfragen. Die Menge zerschlagener Fensterscheiben oder anwesender Polizistinnen ist dafür nicht entscheidend: Zentrales Anliegen von kreativem Widerstand ist es, Kommunikation zu erzeugen, „Erregungskorridore“ zu schaffen. Es geht darum, Normalität zu durchbrechen - und das setzt andere Protestformen voraus: Ein perfekt formuliertes Flugblatt stößt nicht auf großes Interesse, wenn es einfach wortlos oder mit einem Standardspruch verteilt wird. Auch Demonstrationen oder Mahnwachen (in ihrer üblichen Form) sind viel zu sehr Teil des als normal Erlebten, um irritierende Wirkung zu entfalten. Daher ist es nötig, mittels phantasievoller Widerstandsformen (z.B. Sabotage, Straßentheater, Kommunikationsguerilla) die gewohnten Alltagsabläufe durcheinander zu bringen. Damit kann ein Aufmerksamkeitsmoment bei den angesprochen Personen geschaffen werden, das sich in Irritation, Belustigung, Ärger oder Neugier ausdrücken kann. Wo das gelingt, entsteht eine Ebene, die mit Kommunikation über politische Positionen bis hin zu gesellschaftlichen Utopien gefüllt werden kann. Das ist auch das Spannende: Aktionsmomente zu entwickeln, die visionäre Diskussionen eröffnen ... also dazu führen, dass in der Straßenbahn, im Laden oder in der Innenstadt über andere Gesellschaftsentwürfe debattiert wird. Wie solche intensiven Kommunikationsräume geöffnet werden können ist eine Frage, die immer wieder neu gestellt werden muss, um Aktionsformen beständig weiter zu entwickeln.
Typische Techniken
Wer sich einmal typische Formen direkter Aktion angeeignet hat, kann vieles später ohne großen Aufwand in den Alltag einbinden. Hier werden grob einige dieser Methoden vorgestellt (viel mehr Anregungen und Beispiele gibt es unter http://www.direct-action.de.vu):
Sabotage
Sabotage umfasst die bewusste Zerstörung bzw. Beschädigung von Herrschaftssymbolen, Produkten oder Objekten, die mit Herrschaft und Verwertung in Zusammenhang stehen. Manchmal steht sie im Mittelpunkt, manchmal ist Sabotage ein gern gesehener „Nebeneffekt“ - wichtig ist jedoch die Vermittlung, um nicht einfach als Vandalismus definiert zu werden. Aufkleber für sexistische Zeitungen oder umweltschädigende Produkte verbinden Sabotage und politischen Inhalt. Relativ unauffällige Utensilien, die sich für Kleinsabotage im Alltag anbieten: Sekundenkleber zum Verkleben von Schlössern oder Parkuhren, Kartoffeln für den Auspuff von Verfassungsschutz- oder Polizeifahrzeugen ...
Kommunikationsguerilla
Kommunikationsguerilla (KG) umfasst u.a. Fakes, die im Namen anerkannter Autoritäten absurde Positionen verbreiten, zu unsinnigen Handlungen aufrufen, Absagen von Wahlveranstaltungen, Veränderungen an Plakaten, Jubelorgien bei Politikerveranstaltungen usw. Verbindendes Element all dieser Aktionsformen ist der subversive Umgang mit Kommunikation, Öffentlichkeit und Medien. KG will die in einem Kommunikationskanal transportierten Botschaften und Codes (nach einem bestimmten System verschlüsselte Information) entwenden oder verfremden, versucht also Herrschaft aufzudecken und zu unterlaufen, indem sie in bestimmte Kommunikationsprozesse interveniert, die Hierarchien stützen. Wichtig ist die subversive Absicht - viele Techniken der KG unterlaufen nicht per se Herrschaft - als auch ein Gespür dafür, inwieweit die Form eines Kommunikationsvorgangs seinen Inhalt festschreibt, wie die Interaktion von Menschen einer bestimmten Ordnung unterworfen wird. Damit am Ende nicht Verarschung, sondern zielgenaue Herrschaftskritik steht, sollten KGs gut durchdacht sein! Einige der grundlegenden Methoden der KG seien hier kurz vorgestellt:
a. Verfremdung
Die gewohnte Erscheinung von Ereignissen, Bildern und Vorstellungen wird verändert. Die daraus resultierende Verwirrung bewirkt eine Distanz, die eine Reflektion darüber verursacht, was am gerade Erlebten nicht stimmt und wie „normal“ der normale Verlauf der jeweiligen Situation wirklich ist. Wenn auf einem Geldschein eine besonders prägnante Passage des „Kapitals“ zu lesen ist und das Zahlungsmittel so einen neuen Zweck erhält oder ein authentisch wirkendes Etikett auf einem Produkt mich fragt, warum ich dafür zahle, werden ritualisierte Ereignisse oder Konventionen verändert und die eigentlichen Normalzustände hinterfragbar gemacht.
b. Überidentifizierung
Die gesellschaftlichen Verhältnisse werden (zumindest in den Metropolen) nicht mittels permanentem offenem Staatsterror aufrechterhalten, sondern durch einen stillen Konsens breiter Bevölkerungsteile getragen. Die Ideologien, die Herrschaft legitimieren und die ein hohes Identifikationspotential bilden, sind allerdings nicht widerspruchsfrei. Das kann per Zuspitzung verdeutlich werden: Durch die totale Zustimmung, das kompromisslose Befolgen der Paragraphen der Macht (was meist groteske Effekte erzielt), werden Brüche und Paradoxien bloßgestellt. Anwendungsgebiete im Alltag könnten sein: Das offensive Bejubeln von Unterdrückungssituationen oder Kriegsspielzeug, verstecktes Theater an Ladenkassen oder das Einfordern übertriebener Repression, wenn die Polizei dich oder andere drangsaliert.
c. Sniping, Subvertising
Sniping (meint übersetzt „Schnippeln“) ist das Anbringen von Zeichen im öffentlichen Raum, das Modifizieren und Kommentieren von Hinweisschildern, Zeitungen, Telefonzellen, Werbeträgern, Plakaten oder Denkmälern. Die Waffen der Sniperinnen sind Sprühdosen, Farben, Filzschreiber, Aufkleber, portable Kleister-Sets und verwandte Bastelutensilien. Ihre Ziele sollen nicht mit platten Sprüchen oder plumper Zerstörung umgestaltet werden, sondern mittels subtilen Eingriffen, deren Wirkung oft viel eindringlicher ist. Subvertising meint das Anbringen eigener oder gefälschter Werbungen - also die erweiterte Form. Von Barbiepuppen, die in aufgeklebten Spruchblasen plötzlich gegen das Patriarchat wettern, über Software und CDs, die zum Ladendiebstahl freigegeben wurden bis hin zu seltsamen Schildern an Klos, welche Einteilung in männlich und weiblich hinterfragen. Im Alltag gibt es unzählige Anwendungsgebiete für Subversion.
d. Verstecktes Theater
Diese in Südamerika entstandene Methode geht zurück auf die Konzeption des „Theater der Unterdrückten“ nach Augusto Boal. Verstecktes Theater will etwas anderes als der etablierte Theaterapparat: Die Trennung von Zuschauerinnen und Akteurinnen, von passiver Masse und aktiven ,Auserwählten' soll aufgehoben werden. Verstecktes Theater kann vieles sein: Von überzogener Zustimmung bei BGS-Kontrollen, der gespielten Verweigerung des Zahlens in Läden bis hin zu kleineren Szenen an Kassen, an denen mehrere Leute beteiligt sind. Auch hier kann Herrschaftskritik geübt werden - allerdings in verdeckter Form, d.h. das Theater sollte authentisch wirken, gerade um jenseits der bei klar erkennbaren Aktionen gängigen Einordnung („Linke Spinner“) zu kommunizieren. Stoff für die Erarbeitung der Szene können rassistische Übergriffe, sexistische Anmachen, Arbeits- und Konsumterror, soziale Ausgrenzung, Vertreibung, Armut oder Kontrolle liefern. Die Szene muss, um ihre Wirkung entfalten zu können, an einem belebten Platz gespielt werden - in der U-Bahn, im Kaufhaus, in der Einkaufspassage, auf dem Konzert, in einer Kneipe oder an vergleichbare Orten. Die Spielenden präsentieren sie mit der Absicht, die Beiwohnenden zur Intervention zu bewegen, zum Eingreifen in eine Situation, die Unterdrückung greifbar offen legt.
Wer einmal die Grundprinzipien und ein ,Feeling' für verstecktes Theater entwickelt hat, kann damit im Alltag agieren ... auch ohne fest eingeprobte Szenen. Schon allein oder zu zweit, kombiniert mit genügend Improvisationsgeschick, lässt sich in vielen (Unterdrückungs-)Situationen verstecktes Theater anwenden.
- Beispiel: Verstecktes Theater gegen Eigentum an der Ladenkasse
Eine Person schiebt einen vollen Einkaufswagen an die Ladenkasse und fragt laut, gut verständlich „Ich habe kein Geld, aber essen will ich trotzdem. Kann ich das einfach so mitnehmen?“ Vielleicht erzielt schon diese Handlung die erhoffte Wirkung, z.B. irritierte Empörung, Nachfragen und andere Reaktionen, die als Einstieg in die Debatte genutzt werden können. In der Schlange hinter der Kasse stehen weitere Personen, die - scheinbar unabhängig voneinander - in das Geschehen eingreifen und dabei unterschiedliche Positionen beziehen, um den Aufmerksamkeitskorridor zu erweitern: Vom Part des skeptischen „Aber wenn alle das machen würden“ bis hin zu „Geh doch arbeiten“. Ziel ist, dadurch möglichst weitere Unbeteiligte in intensive Gespräche einzubeziehen - ohne den Anspruch, Einigkeit zu produzieren: Gerade kritische Einwände sind hilfreich, z.B. um deutlich zu machen, dass die Aufhebung von Eigentum eine grundsätzliche Veränderung der Rahmenbedingungen voraussetzt.
Ideen für Alltagsaktionen und widerständige Stadtrundgänge
Unterwegs ist mensch im Alltag ja ohnehin sehr viel - warum also nicht ganz nebenbei die Umwelt umgestalten, Sand ins Getriebe streuen und an vielen Stellen kleine Fragezeichen im Gefüge der Normalität hinterlassen? Parkuhren, Mülleimer, Telefonzellen, Zeitungen und Produkte in Läden bieten Möglichkeiten, z.B. mit Aufklebern, Spuckis, Edding, Flyern, kompaktem Kleister-Set oder Sekundenkleber kreativ zu werden. All das ist mit geringem Aufwand verbunden, unauffällig und auch gut alleine durchführbar - dabei durchaus mit Masseneffekten. Hier nur ein kleine Sammlung von Ideen - wer die eigene Umgebung beobachtet, wird mit der Zeit schnell eigene Einfälle bekommen und immer neue Orte finden für Eingriffe in die herrschende Normalität ...
Zigarettenautomaten
Zigarettenautomaten bieten sich an, um dort Zettel oder Aufkleber anzubringen:
- z.B. Aufkleber mit Kritik an den sozialen wie ökologischen Folgen von Tabakkonsum und -anbau (http://www.alles-ueber-tabak.de)
- oder Aufkleber „Abhängigkeiten überwinden ... nicht nur das Rauchen„ als Aufhänger und dazu Informationen, was Erziehung, Lohnarbeit, Ehe usw. ersetzen könnte ...
- Sabotage: Wer neben der Vermittlung den Automaten auch untauglich machen will, kann den Geldeinwurf verstopfen oder mit Sekundenkleber unauffällig zukleben. Denkbar ist auch, Bauschaum (in Baumärkten zu erwerben) in das Ausgabefach zu spritzen - dann geht nichts mehr ... das ist allerdings weniger unauffällig, d.h. hier sind Maßnahmen zu treffen, um sich nicht selbst einzusauen, nicht aufzufallen (intensivere Vorbereitung sinnvoll!) ...
Leuchtreklamekästen
Immer mehr dieser Kästen stammen aus einer einheitlichen Produktion (französische Firma). Entsprechend gleich ist auch der Trick, wie die Kästen mit den über 1 Meter hohen, von hinten beleuchteten Plakaten aufzukriegen sind. Das klappt nämlich mit einem simplen Plastikrohr. Die richtige Größe hat das graue Schutzrohr um Elektrokabel, dass z.B. in Wände verlegt wird, damit hinterher das Stromkabel dort durchgezogen werden kann. Es hat ca. 12mm Durchmesser und passt bei den Leuchtreklamekästen, die unten an der Seite ein Loch zum Öffnen haben. Reinstecken (verschwindet etliche Zentimeter im Inneren, deshalb sollte das Teil ruhig 30cm lang sein) und dann zur Außenfläche hin drehen (also wenn die links ist, gegen den Uhrzeigersinn). Dann geht der Kasten auf, das Plakat kann ausgetauscht oder verändert, die Sicherung ausgeschaltet werden ...
Telefonzellen
In Telefonzellen ist fast immer Platz, um Aufkleber oder gefälschte Anzeigen zu montieren. Tipp: Wer die fast immer vorhandenen, freien Werbeflächen ausmisst, kann passgenaue Zettel entwerfen und diese unter der Plexiglasfläche anbringen, um die „Haltbarkeit“ zu erhöhen. Wichtig ist, den passende Schraubenzieher nicht zu vergessen.
- Beispiel: Fake in Telefonzelle
In Dresden verkündeten authentisch wirkende Aufkleber, dass jedes Telefonat standardmäßig abgehört würde - wer den „Service“ nicht wolle, sollte unter einer bestimmten Nummer anrufen ... zufällig ein Unternehmen für so eine Überwachungstechnologie.
Im Laden
Regale voller Produkte schaffen viele Möglichkeiten, den normalen Ablauf von Konsum zu stören oder anderweitig zu nutzen; ein paar Ideen:
- Entwertungsaktion in Läden: Kleine Aufkleber mit witzigen, kapitalismuskritischen Sprüchen ( z.B. „Dieses Produkt ist entwertet“ oder „Ladendiebstahl lohnt sich doch!“) und der Andeutung von Alternativen lassen sich einfach, unbemerkt und massenhaft auf Büchern, CDs, Software, Spielen und anderen Produkten anbringen. Besonders geschickt sind Aufkleber, die gleichzeitig für Gratisökonomie (z.B. den lokalen Umsonstladen) oder die Food-Coop werben
- auf ähnliche Weise kann auch die massenhafte Entwertung von Microsoft-Produkten mit der Kritik an Copyrights, Privateigentum und den Alternativen (Freie Software, Open Source) verbunden werden
- Wird der Strichcode überklebt, kommt es wahrscheinlich schon an der Kasse zu Irritation - besonders clever ist, die Debatte an der Kasse selber zu erzeugen und mitzugestalten durch verstecktes Theater (d.h. das Spielen vermeintlich Unbeteiligter in verschiedenen Rollen) ... plötzlich entsteht Raum für intensive Gespräche über kapitalistische Verhältnisse, Konsumzwang, Lohnarbeit (und deren Überwindung)
- Kriegsspielzeug: Kriegsspielzeug ist Teil der (geschlechtsspezifischen) Sozialisation - es führt dazu, dass Bundeswehr, Militär und tödliche Technik schon früh zur „normalen“ Phantasiewelt von Kindern - vor allem Jungen - werden. All diese Produkte sind aber auch ein Ort, wo Kritik an militarisierten Verhältnissen und Krieg geübt werden kann. Zum Beispiel mit Aufklebern, die den häufig auf Produktpackungen vorzufindenden nachempfunden sind, z.B. die Aussage „Damit Europa unabhängig morden kann - unterstützen Sie die demokratische Bombergemeinschaft: 50 Cent jedes verkauften Produkts werden zum Aufbau der EU-Interventionsarmee genutzt.“ Aber auch Bilder von Kriegsrealitäten oder simple Parolen (Edding hilft) sind denkbar. Solche Aktionen sind natürlich wieder mit verstecktem Theater an Kassen kombinierbar und so in ihrer Wirkung zu verbessern ... allerdings ist hier mehr Vorbereitung erforderlich
- Die Spielregeln verändern: Konkurrenz bestimmt in herrschaftsförmigen Gesellschaften, insbesondere im Kapitalismus, den Umgang zwischen Menschen; auch fast alle Spiele basieren auf konkurrierenden Logiken. Von daher würden sich Aufkleber mit Kritik an Konkurrenz und der Vision kooperativer Verhältnisse auf vielen Packungen sehr gut machen ...
- Preisschilder verändern: Aufkleber als neues Preisschild entwerfen und auf Schönheitsprodukte kleben, z.B. „Der Preis dieses Produktes: Magersucht und sinkendes Selbstbewusstsein aufgrund Schlankheitswahn.„
Zeitungen
Zeitungen eignen sich, um Flyer einzulegen oder Fakes (Fälschungen), die optisch an Beilagen erinnern und nicht als “Fremdkörper" erscheinen - am besten mit Bezug zur jeweiligen Zeitung.
- Einleger für sexistische Magazine, in denen sich ein Teil der Redaktion von den Geschlechterklischees kritisch distanziert
- übertriebene Aufkleber auf Militärzeitungen (z.B. „Neu: Jetzt mit noch mehr Werbung für staatliche Gewalt!„) können den Spaß ihrer Käuferinnen mindern und inhaltlich vermitteln.
Weitere, ungeordnete Ideen
- Stille Örtchen: Umkleidekabinen und Toiletten bieten Raum, um in relativer Ruhe so einige Zeichen gegen die herrschenden Verhältnisse zu setzen. Mit Edding können Wände verziert werden ... aber auch Plakate, Zettel mit subversiven Gedichten oder Texten können dort problemlos angebracht werden
- Benotung kritisieren: Wenn es wieder Zeugnisse hagelt ... Aufkleber oder Zettel mit der Aufschrift “Zeugnisse bitte hier entsorgen„ an Papierkörben o.ä. anbringen bzw. aufkleistern - dazu noch ein paar Sätze mit Kritik an Benotung, Schule und Zurichtung auf fremdbestimmtes Leben plus weiterführende Internetadressen
- Infoständer in U-Bahnen, Zügen usw. können mit Flugblättern o.Ä. ausgestattet werden. Es lohnt sich also, Spuckis, Flugblätter, Aufkleber und weitere Utensilien immer mitzuschleppen ...
- Briefkästen: in Sichthöhe ein Etikett mit einem Spruch anbringen, der zum Ort passt (z.B. Sexismus zum Mond schicken)
- Aufkleber für Briefkästen mit der Aufschrift: „Schreib doch mal Gefangenen, um ihre Isolierung aufzubrechen“; dazu Links zu Anti-Knast-Seiten
- Mahlzeiten an ,falschen' Orten machen, z.B. Frühstück auf einer Verkehrsinsel, mit Tisch und Stühlen in einer Parklücke, auf einem U-Bahnsteig ... dabei können die eingeschränkten Nutzungsmöglichkeiten, die private Verfügung solcher Räume oder der Mangel öffentlichen Lebens auf den Straßen hinterfragt werden, andere Menschen eingeladen werden mitzuessen ...
- Ein ähnliches Prinzip: Workshops oder politische Treffen einfach dort hin verlegen, wo viele Unbeteiligte sich aufhalten ... in der Fußgängerinnenzone, in Läden, in Banken oder Bahnhofshallen.
Beispiel: Kommunikationsguerilla gegen Überwachung und Kontrolle
Nachdem in Gießen die Gefahrenabwehrverordnung verabschiedet wurde, fanden sich auf Parkuhren, Telefonzellen, Zigarettenautomaten und Papierkörben Hinweiszettel auf angebliche Überwachungskameras. In Telefonzellen war zu lesen: „Diese Telefonzelle wird überwacht - bitte nur staatstreu formulieren!“; auf Papierkörben „Dieser Papierkorb wird kameraüberwacht - bitte angepasst wühlen!“. Vorlagen für die aufgekleisterten Überkleber und Informationen zur Gefahrenabwehrverordnung finden sich unter www.abwehr-der-ordnung.de.vu.
Hilfreiche Methoden
Eine Möglichkeit sind verabredete Stadtrundgänge, die mit einem lockeren Brainstorming kombiniert werden, bei dem alle in die Runde werfen, was für Unsinn mensch mit konkreten Plakaten, Produkten und Schildern machen könnte. Damit können die Wahrnehmung für Aktionsmöglichkeiten trainiert und gleichzeitig Ideen für eine spätere oder sofortige Umsetzung gesammelt werden.
- Je nachdem wie offensiv und lautstark ihr in einem Laden besprecht, welche Aktionsmöglichkeiten vorstellbar sind, kann so ein Rundgang selbst wieder zu einer kleinen Aktion bzw. öffentlichem Lehrgang (Teach-In) werden, bei dem auch unbeteiligte, umstehende Personen mit einbezogen werden
- Noch absurder wäre, einfach die förmliche Machart einer offiziellen Stadtführung nachzuahmen: D.h. eine oder zwei Personen in schicker Kleidung stehen vor den Ladenregalen, zeigen auf ein Produkt oder nehmen es kurz in die Hand und schildern dabei vor der interessierten Gruppe in sachlichem Tonfall (aber deutlich vernehmbar!), wie kritische Aufkleber o.Ä. angebracht werden können.
Es kann aber auch Sinn machen, erst einmal wie beschrieben einfach ,nur` zu brainstormen, d.h. den Rahmen einer vorbereitenden Übung zu erhalten, damit eine lockere Atmosphäre gegeben ist. Denn für Einsteigerinnen kann der Wurf ins kalte Wasser auch Ängste verstärken und Hemmungen schaffen, wenn das Ideensammeln sofort mit einer Aktion verbunden ist. Daher sollte Sensibilität für dies Problematik aufgebracht werden.
Direkte Intervention im Alltag
Direkte Intervention meint ein unmittelbares Eingreifen, wenn andere diskriminiert oder - auf welche Weise auch immer - eingeschränkt werden. Damit ist weniger Gewalt, sondern ein sich Sich-Positionieren zu den Vorgängen gemeint, dass auch auf andere wirkt und diese ermutigt, nicht wegzuschauen. Ziele sind die Beendigung oder zumindest Offenlegung einer Unterdrückungssituation bis hin zum Anstoß einer Reflektion über das eigene Verhalten bei den kritisierten Personen. An dieser Stelle sind einige Ideen gesammelt, wie mit konkreten, sich oft wiederholenden Situationen umgegangen werden könnte. Weitere können gerne hinzukommen (oder eingetragen werden auf http://www.deu.anarchopedia.org/index.php/Projekt:Widerstand_im_Alltag).
Szenarios und Beispiele für Eingriffsmöglichkeiten
a. Personen- oder Fahrkartenkontrollen
Ausweiskontrollen nach rassistischem Schema in Bahnhöfen oder Zügen, Polizeiattacken in der Öffentlichkeit oder Fahrkartenkontrollen in öffentlichen Verkehrsmitteln sind häufig anzutreffende Unterdrückungssituationen. Handlungsmöglichkeiten könnten sein:
- Einmischen: Hingehen und laut nachfragen, was hier passiert, sich bei dem ,Opfer' erkundigen, ob Hilfe gewünscht ist, den Täterinnen entschlossen rüber bringen, dass Du das Verhalten nicht willst
- Passantinnen ansprechen: Andere ansprechen und auf die Vorgänge aufmerksam machen. „Sehen Sie hin - hier geschieht gerade eine praktische Umsetzung von Eigentums- und Reichtumsgefällen ...“
- Ablenken: Ein sehr abruptes Wegrennen kann zum Abbruch einer Fahrkartenkontrolle führen (und zu Deiner Verfolgung!). Auch das auffällige Inspizieren von Polizeifahrzeugen oder der Spruch „Oh, ihr Auto hat einen Platten“ kann für kurze Ablenkung sorgen
- Kommentieren: Per simuliertem Handytelefonat politisch kommentieren, was gerade passiert (laut sprechen!)
- Blockieren (bei Fahrkartenkontrollen): Wenn Du den Sinn der Kontrolle erfragst, anfängst zu diskutieren oder Deine Karte erst nach langem Suchen findest, verzögert das die gesamte Maßnahme und verschafft anderen mehr Zeit, sich zu entfernen
- Sichtbar machen: Damit außenstehende Menschen erfahren, was abgeht, sollte das Geschehen gekennzeichnet werden, z.B. Plakatrückseiten beschriften (mit Pfeil auf das Geschehen) und hochhalten. Oder die ganze Szene mit Kreide einkreisen und kommentieren (auch mit Pfeilen in Richtung der Situation; Text z.B. „Hier findet eine ... statt“)
- Überidentifikation: Denkbar ist, die Kontrollmaßnahme übertrieben zu begrüßen („Genau, kann ja nicht angehen, dass die Armen hier einfach so mitfahren“), mehr Polizeigewalt einzufordern, die Kontrolleurinnen durch Sprechgesänge einfach zu feiern
- Covern: Eine gute Möglichkeit des Improvisationstheaters ist, die Situation daneben noch einmal nachzustellen - aber mit absurden Abweichungen. Also bei Festnahmen, einige Meter entfernt auch Leute fesseln; bei einer gecoverten Fahrkartenkontrolle den sozialen Status abfragen ...
- Mars-TV: Ein inzwischen berühmtes Beispiel ist Mars-TV. Das ist ein Theaterspiel ab 3 Personen, die als Marsmenschen verkleidet (dazu reichen auch einfach skurrile Verkleidungen, die mensch überall schnell findet) mit einem großen Bildschirm zum Geschehen springen und dann wie in einer Talkshow für Marsbewohnerinnen („Wir sind live auf dem Mars zu sehen ...“) das Geschehen hinterfragen. Als Themen eignen sich Uniformen, Befehle und vieles andere optimal. Das Selbstverständliche wird dann plötzlich zum Absurden (mehr unter www.projektwerkstatt.de/marstv).
b. Diskriminierung und Anmache aufgrund von Herkunft, Alter oder Geschlecht
- Einmischen: Hingehen und laut nachfragen, was hier passiert, sich bei dem ,Opfer` erkundigen, ob Hilfe gewünscht ist, den Täterinnen entschlossen rüber bringen, dass Du das Verhalten nicht willst; erklären, warum du dass forderst, da ja mindestens die Hoffnung besteht, dass die angesprochene Person sich ändert
- Laut werden: Laut auf die Situation aufmerksam machen, um andere zum Eingreifen zu bewegen und der Täterin zu zeigen, dass ihr Handeln öffentlich ist
- Hilfe holen: Andere Personen miteinbeziehen und bitten, mit dir in die Situation zu gehen
- Rausziehen: Eine Person, die auf einer Party z.B. ungewollt angemacht und bedrängt wird, ansprechen und unauffällig aus der Situation ziehen („Da ist ein Anruf für dich ...“)
- Spiegeln: In einem Gießener Szeneladen wurde immer wieder eine Person von einem Typen ungewollt angemacht und mit unerwünschten Annäherungsversuchen überzogen. Eine sehr wirkungsvolle Reaktion darauf war, dass eine andere Person den Typen (bevor er sein bevorzugtes 'Opfer' ansprechen konnte) sehr penetrant anbaggerte, verbunden mit Hinweisen, dass er sehen sollte, wie sein Verhalten auf andere wirkt
- Covern: Ein Mann nimmt einer Frau einen Bierkasten weg (passiert gar nicht so selten und wird oft als charmante Geste verstanden) in der sexistischen Annahme, dass sie zu schwach sei. Um die Kritik daran zu vermitteln, ist es denkbar, dieses Verhalten in der näheren Umgebung nachzuahmen (zu „covern“, d.h. zu kopieren), dabei aber absurde Abweichungen einzubauen und den Vorgang zu übertreiben. Anderes Beispiel: Eine Betreuungsperson schränkt ein Kind ständig ein („sei ruhig“, „setz Dich hin“). Um die Kritik daran zu vermitteln, ist es denkbar, die Zurechtweisung eines Kindes in der näheren Umgebung nachzuahmen und dabei ins Absurde zu steigern (wenn möglich)
- Preisverleihung: Der Täterin eine Urkunde für unsensibles Verhalten o.Ä. überreichen (die Kritik ist also in scheinbar positiven Formulierungen verpackt)
- Ignoranz kommentieren: Wenn mal wieder außer dir keine eingegriffen hat, könntest Du Kärtchen an Menschen verteilen, die weg geschaut haben („Preis für nachhaltiges Wegsehen“, dazu inhaltliche Vermittlung).
c. 'Robuste' Methoden
Nicht alle Situationen lassen sich über Kommunikation, verstecktes Theater oder Ablenkungsmanöver klären. Bei einer bestimmten ,Qualität` von Übergriff (z.B. offene Schlägerei) ist das unmittelbare Ziel, gewaltförmiges Verhalten zu beenden. Dann kann auch begrenzte Gewalt sinnvoll sein. Ziele dabei sollten immer sein, die Gewaltsituation aufzulösen und der kommunikativen Intervention Nachdruck zu verleihen. Wer eine bereits entwaffnete Person in Überzahl krankenhausreif prügelt, übt damit selbst Gewalt „von oben„ aus, d.h. handelt aus einer Herrschaftsposition. Wichtig ist, das eigene Verhalten immer zu reflektieren und nicht leichtfertig zu Gewalt zu greifen. Oft genügt es, selbstsicher und offensiv aufzutreten, um Diskriminierung und Gewalt zu stoppen, weil die Täterinnen es nicht mögen, aus ihrer Anonymität gerissen zu werden.
- Entwaffnung: Um die Angriffs- und damit auch Verletzungsmöglichkeiten einzuschränken ist es sinnvoll, die Täterin zu entwaffnen, indem z.B. gefährliche Gegenstände oder Waffen aus der Hand geschlagen werden. Kenntnisesse in Selbstverteidigung können sich hier als hilfreich erweisen
- Ein überraschender Schlag oder gezielter Tritt in die Genitalien können ausreichen, um die Täterin erst einmal außer Gefecht zu setzen und genügend Zeit zu haben, um sich und andere zu entfernen und Hilfe zu suchen
- Für den Privat-Gebrauch gibt es CS-Gas in handlichen Mini-Spraydosen. CS-Gas, das einer Angreiferin ins Gesicht gesprüht wird, entfaltet Wirkungen, die zur Kampfunfähigkeit führen können (Augentränen und Husten aufgrund starker Reizung von Augen und Atemwegen). Aber: Das Einatmen größerer Mengen kann bleibende Schäden hinterlassen oder in seltenen Fällen zum Tod führen. Daher sollte CS-Gas nur in extremen Situationen eingesetzt werden. Wichtig ist, sich vorab sehr genau mit der Funktionsweise vertraut zu machen, um sich und andere nicht unnötig zu gefährden. Hinweis: Das inzwischen bei der Polizei eingesetzte und als gesundheitlich ungefährlicher eingestufte Pfefferspray gilt in Deutschland als verbotene Waffe (mit Ausnahmen4)
- Sirene: Es gibt kleine Alarmgeräte, die einen lauten, anhaltenden Ton von sich geben, wenn ein Mechanismus betätigt wird (z.B. eine Schnur raus ziehen)
- Schreien: Lautes Schreien kann die Aufmerksamkeit anderer provozieren und die Täterin(nen) einschüchtern bzw. kurzfristig lähmen.
Grundsätzlicher Hinweis
Bei Interventionen ist es wichtig, immer darauf
zu achten, wie dein Verhalten auf die Betroffenen wirkt, sensibel zu sein, Kommunikation mit
dem „Opfer“ zu suchen, deine Aktion zu erklären oder nachzufragen, ob das okay ist.
Beispiele und Übungen
Beispiel: Parodie auf G8-Camp
Auf dem Anti-G8-Camp 2006 entwickelte sich ein absurder Zwist zwischen Israel-Fans und -Gegnerinnen, ausgelöst durch Transparente (und deren Entfernung), die zum Teil platte politische Forderungen aufwiesen. Der Konflikt wurde sehr mackerig ausgetragen. Dabei bahnte sich irgendwann eine Schlägerei zwischen Menschen an, die sich den unterschiedlichen Lagern zuordneten. Spontan griffen Außenstehende mit einer neuen Aktionsform ein, die für direkte Intervention im Alltag gut geeignet ist - das „Covern“, d.h. eine Situation, die kritisiert wird, daneben mit absurden Bezügen nachahmen: Drei Menschen inszenierten spontan ein Wortgefecht und eine „Schlägerei“ darum, ob Mickey Mouse, Donald oder Dagobert Duck cooler seien. Mit interessanter Wirkung: Das Restgeschehen ,fror' ein, die Aufmerksamkeit der Israel-Fans und -Gegnerinnen, bereits vermittelnden Menschen sowie zahlreicher Zuschauerinnen richtete sich auf das Theater. Und viele verstanden die Bezüge ...
Hilfreiche Methoden
Nachstellen konkreter Situationen per Rollenspiel, Theater der Unterdrückten oder Improvisationstheater inklusive gemeinsamer Reflektion kann helfen, sich auf Direkte Interventionen lebhaft vorzubereiten. Eine besonders ,lustige' und dynamische Methode: Ein paar Leute spielen eine Theaterszene, die anderen stehen locker um sie herum. Wer eine Idee hat, um mit der Situation umzugehen, kann das Geschehen anhalten (und gegebenenfalls zurück spulen) und sich einwechseln. Positive Wirkungen der Methode könnten sein:
- Es können neue Ideen gesammelt werden, wie mit Unterdrückung umgegangen werden kann
- Schon vor der Aktion können unterschiedliche Varianten ausprobiert und besprochen werden
- Improvisationstheater schult die Fähigkeit, spontan und frech zu reagieren
- Es hilft, sich locker zu machen, Hemmungen abzubauen und durchbricht die Monotonie rein verbaler Vorbereitung. Das macht Sinn ... gerade in Runden, wo alle langatmig erzählen, dass sie kein Theater können oder irgendwie nicht dafür geeignet seien.
Direktes Handeln in der Schule
„In der Schule lernt man fürs Leben, nicht für die Lehrerinnen!“ Leider stimmt dieser Satz, denn die Hauptaufgabe der Schule ist nicht die Wissensvermittlung, sondern die Konditionierung der Schülerinnen auf ein herrschaftskonformes Leben. Deshalb sind Herrschaft und Autorität hier deutlich spürbar. Doch das macht Schule spannend: Es gibt viele Möglichkeiten, Unterdrückung zu thematisieren, um aus jeder Schulstunde eine Aktion zu machen.
„Thomsen! Die Vokabeln für heute!“ „Äh, also...“ „Wie, Sie haben sie nicht gelernt?“ „Äh doch, aber...“ „Aber Sie können sie nicht! Das ist nicht gelernt! Thomsen, Thomsen, was soll ich mit ihnen nur machen! Ständig zu spät, und dann ihre Haare! Aber ihr Bruder ist ja auch nix geworden. So Lena, zeigen sie diesem Sauhaufen hier mal, wie das geht!“
Wege aus der Hilflosigkeit
Eine typische Situation, die zeigt, wie Schülerinnen in scheinbar ausweglose Situationen gedrängt werden. Die erste Reaktion darauf ist häufig Empörung in der Pause, eventuell wird noch eine „Vertrauenslehrerin“ eingeschaltet. Das führt dann meistens zu nichts, weil die typischen Beschwerdeinstanzen (Schülerinnenvertretung (SV), „Vertrauenslehrerinnen") keine Durchsetzungsmöglichkeiten haben. Selbst an meiner Schule, wo die SV-Menschen echt bemüht waren, aus ihrer systemimmanenten Handlungsunfähigkeit auszubrechen, ist dies kaum gelungen. Der einzige Punkt, wo das klappte, war die Schülerinnenzeitung, in der Fälle wie oben gnadenlos ausgewalzt und mit allen Klopperkommentaren von Schulleitung, Lehrerinnen etc. veröffentlicht wurden. Dies führte allerdings nicht zu weniger Herrschaft, sondern lediglich zu Privilegien: Nur der individuelle Handlungsspielraum für die Zeitungsmacherinnen erweiterte sich. Daran zeigt sich, dass Schulzeitungen gut und wichtig für Gegenöffentlichkeit sind, aber nicht per se bessere Verhältnisse schaffen. Und SV-Menschen müssen schon sehr frech und abgebrüht sein, um ihren Job so wenig ernst zu nehmen, das sie damit ernsthaften Widerstand leisten, und nicht nur die tolle demokratische Fassade der Schule schönen.
Wieder handlungsfähig werden
„Thomsen! Sie sind schon wieder 3 Minuten zu spät!“ „Ja, aber natürlich. Es gibt in meinem Leben ja auch mehr, als mich sinnlos anschreien zu lassen.„ “Haben Sie die Hausaufgaben?“ „Aber Herr Meier, sie wissen doch, das ich aus Prinzip keine Hausaufgaben mache, weil ich Dinge verstehen möchte, und nicht nur sinnlos auswendig lerne.“ „Und äh letzte Stunde, wo waren sie da?“ „Am Strand in der Sonne. Wann ich Latein lerne, kann ich mir aussuchen, wann die Sonne scheint, leider nicht.“ „Äh ja, dafür gibt es jetzt aber einen Strich!“ „OK, wenn sie sich dann besser fühlen. Sie dürfen das nächste Mal aber gerne mitkommen. Am Strand ist genug Platz für alle.“
Repression in Kommunikation wandeln
Solchen Gesprächsansätzen liegt zugrunde, dass sie Absurditäten thematisieren, die sonst auch vorhanden sind, aber wie selbstverständlich hingenommen werden. Und dadurch, dass mensch diesen Herrschaftsquatsch thematisiert, läuft gleichzeitig die Repression ins Leere. Erst recht passiert dies, wenn mensch auch noch Repression einfordert: „Machen Sie jetzt einen Strich? Wird davon der Unterricht besser? Bringt Ihnen das Spaß?“ „Ist ihre Note - nicht meine! Die Note sagt nix über meine Fähigkeiten aus, aber sehr viel über Ihre.“ etc. Die Möglichkeiten in der Schule Herrschaft und Repression zu thematisieren, sind schier unendlich.
Unterdrückung thematisieren
Ein weiterer spannender Ansatz ist die Thematisierung konkreter Unterdrückungsmaßnahmen. Zum Beispiel im Unterricht demonstrativ das Frühstück auspacken, mit Serviette, Kaffeetasse, Besteck und darauf warten, dass die Leerkraft zu pöbeln anfängt. Dann fragen, warum es sinnvoll sei, nicht zu essen, wenn mensch Hunger habe. „Dann können Sie sich nicht auf den Unterricht konzentrieren!“ „Mit Hunger bin ich aber noch weniger in der Lage, mich zu konzentrieren.“ „Aber wenn das Alle machen würden!“ „Dann könnten alle viel besser lernen! Zumal ich nicht sehe, dass Frühstück den Unterricht behindert, sondern erst Ihr Ausrasten den Unterricht unterbrochen hat.“ Und dann lässt sich wunderbar einsteigen in generelle Herrschaftskritik, weil ja offensichtlich sei, dass das Essverbot dem Unterricht schade und nur zur Disziplinierung diene.
Zu Risiken und Nebenwirkungen
Lehrerinnen sind unter ihrer Charaktermaske Menschen! Nie vergessen! Es geht nicht darum, einem Menschen seinen Beruf zur Hölle zur machen, sondern Herrschaft zu thematisieren. Bitte immer eine Grenze zwischen Menschen platt machen und Herrschaftskritik ziehen. Und zu viele Schulerinnen sind Radfahrerinnen. Egoistische kleine fiese Radfahrerinnen, die nach oben buckeln und nach unten treten. Nix tun sie lieber als auf schwache Menschen einzuprügeln (mobben). Dies zeigt sich leider auch an als gesellschaftlich „schwach“ konstruierten Lehrerinnen, die im Unterricht oft mit gnadenlosem Psychoterror überzogen werden. Das darf durch herrschaftskritisches Handeln nicht gestärkt werden. Vielmehr muss es immer Ziel sein, Schwächere zu stützen, Herrschaft zu thematisieren und abzubauen, statt neue Ungleichheiten zu schaffen.
- Schulkritik und Aktionsmöglichkeiten: www.herrschaftsfrei-lernen.de.vu
Link- und Lesetipps
- Direct Action-Internetseiten (www.direct-action.de.vu)
- Widerstand im Alltag
- Widerstand im Alltag - offenes Wiki