Aneignung
Inhaltsverzeichnis |
Aneignung jetzt!
Eigentum liquidieren ++ Häuser und Betriebe besetzen
Umweltschutz von unten: ++ Flächen ohne Besitz schaffen!
Aneignung bedeutet in diesem Text, Ressourcen, Flächen, Häuser, Fahrzeuge, Wissen und alles, was bisher durch Besitz nur eingeschränkt zugänglich und nicht gleichberechtigt nutzbar war, genau dieser Eigentumslogik zu entreißen und offen nutzbar zu machen. Es ist also nicht wie (der oft ebenfalls sinnvolle) Diebstahl oder Raub, denn dieser überführt Eigentum von einem zum anderen - im günstigen und politisch durchdachten Fall eine Umverteilung von oben nach unten. Sondern sie bricht mit der Logik des Eigentums, entreißt BesitzerInnen von Kapital und Möglichkeiten diese, um sie gleichberechtigt allen zugänglich zu machen.
Die Aktionsform ist:
- visionär, weil der gleichberechtigte Zugriff auf alle Ressourcen, Wissen, Flächen usw. zu einer herrschaftsfreien Gesellschaft gehört und durch Aneignung das in einem Detail sichtbar gemacht werden kann. Die Debatte um die weitergehende Vision von Gesellschaft kann damit gut verbunden werden.
- emanzipatorisch, weil sie nicht mehr an die jeweils Herrschenden appelliert (wie z.B. Streiks, Forderungen an den Staat usw.), selbst die Herrschaftsverhältnisse am jeweiligen Punkt abbaut.
- eine Möglichkeit, Keimzellen zu schaffen für eine herrschaftsfreie Gesellschaft, denn die Aneignung ist in der Regel eine illegale Handlung und es gibt daher genau keinen Grund, irgendwelche anderen Regeln, Normen oder Zwänge zu akzeptieren, sondern stattdessen das (ewige, prozesshafte) Experiment des herrschaftsfreien Agierens mit den angeeigneten Flächen, Häusern, Ressourcen, Mitteln u.ä. zu starten.
- eine Überwindung des nur Reformerischen, weil es zumindest auf das Detail des Angeeigneten bezogen grundlegende Verhältnisse außer Kraft setzt. Diese können sich intern wieder einschleichen, aber dafür gibt es zumindest keinen formalen Zwang.
- konfrontativ, weil Eigentum immer und überall die Gesellschaft durchzieht und von den Herrschenden verteidigt wird.
Aneignung ist aber nicht immer ein politischer Vorgang. Sie kann auch, dann in der Logik von Diebstahl oder Raub, der Ausdehnung privater Möglichkeiten dienen. Das ist in vielen Fällen als Teil emanzipatorischer Politik gut begründbar, wenn z.B. Kinder/Jugendliche der dominanten Erwachsenenwelt Räume entziehen und diese auch nur für sich nutzen wollen. Oder in ähnlicher Logik Frauen gegenüber Männern, Nicht-Deutsche gegenüber Deutschen usw.
Öffentlich-emanzipatorische Projekte mit politischer Ausstrahlung entstehen aber erst dort, wo das, was angeeignet wurde, nicht neu der Eigentumslogik, dem Hausrecht usw. unterworfen wird, sondern offen steht - unter der kämpferischen Zielrichtung, dass die Normalität von Herrschaftsbeziehungen nicht wieder zurückkehren kann bzw. dauerhaft angegriffen und Stück für Stück zerstört werden soll.
Aneignung kann ganz unterschiedlich aussehen - je nach gewünschter Wirkung und je nach dem, was angeeignet wird. Die folgenden Beispiele zeigen auf, wie vielfältig Aneignung in Alltag und Gesellschaft möglich ist. Die Reihe ist jedoch unendlich fortsetzbar - was in Theorie und Praxis auch zu hoffen ist. Denn Aneignung gehört zu einem der wichtigsten Elemente der praktischen Umsetzung von herrschaftsfreier Gesellschaft. Nicht die Theoriezirkel in den Hinterzimmern oft wohlsituierter Staatsangestellter werden die Welt verändern, sondern diejenigen, die mit emanzipatorischen Zielen und intensiver Reflexion über Herrschaft und ihre Ausformungen in die kämpferische Befreiung immer neuer Teile von Gesellschaft ziehen und daran Visionen thematisieren. Ob diese Teile Flächen, Häuser, Produktionsmittel, Wissen oder Organisierungsformen sind, ist dabei gleichgültig. Aneignung ist es immer, wenn etwas aus dem Eigentum entrissen und gleichberechtigt nutzbar gemacht wird.
Häuser und Flächen besetzen
Grundeigentum ist eine der wichtigsten Grundpfeiler dieser Gesellschaft. Über Häuser und Grundstücke wird die Möglichkeit zur freien Entfaltung sowie, im Kapitalismus, die zur Wertschöpfung dauerhaft und trennscharf sehr unterschiedlich auf die Menschen verteilt: Einige haben sehr viel (vor allem staatliche und staatsnahe Institutionen, Firmen und einige Reiche), andere wenig und viele gar nichts. Zur Befriedigung von Grundbedürfnissen und zur freien Entfaltung ist der Zugang zu Häusern und Flächen aber von großer Bedeutung. Umgekehrt bedeutet der herrschaftsförmige Zugriff auf Flächen (beim Staat zusätzlich das Recht auf Enteignung, also „Aneignung von oben“) eines der wichtigsten Mittel der Steuerung von Herrschaft, z.B. zur Abwälzung von Umweltfolgen der Profitmaximierung auf periphere Gegenden.
Freiräume schaffen und sichern
Da das Grundeigentum eine der wichtigsten Säulen der Gesellschaft ist, stellt der Bruch dieser Rechtsabsicherung Normalität in Frage. Visionär wird das Projekt aber nur dann, wenn der angeeignete Raum wiederum eigentumslos organisiert wird, d.h. die dortigen Möglichkeiten nicht unterschiedlich zugänglich sind (Schlüsselgewalt für Räume oder Passwörter für Technik nur bei wenigen) oder gar ein eigenes Hausrecht neu geschaffen wird, um interne Konkurrenzstärke zu organisieren. „FreiRäume“ als gegengesellschaftlich-herrschaftsfreie Bereiche sind nur dort möglich, wo Herrschaft in der gesamten Komplexität zurückgedrängt und formale Macht gänzlich abgeschafft wird.
Die Ordnungskräfte der bestehenden Gesellschaft werden viel daransetzen, die Aneignung von Grundstücken mit anschließender Liquidierung von Eigentumsrechten zu verhindern oder im Falle des Falles wieder rückgängig zu machen. Damit muss von Beginn an gerechnet werden. Wer Aneignung als gegengesellschaftliches Projekt begreift, kann eine Besetzung nur als offensive Aktion organisieren, d.h. Räumungen und Repression von vorneherein als Teil der Aktion einbauen. Es geht bei emanzipatorischem Verständnis nicht darum, eigentumsähnliche Situationen in Häusern durchzusetzen, sondern die Aneignung als Kampfansage an eine herrschaftsförmige Weltordnung zu begreifen. Vielfältige Aktionen, die die Idee der Eigentumslosigkeit nach außen tragen, sind das Politische an der Aneignung. Spießige „Jetzt-ist-das-unsers!“-Mentalität ist nur die Kehrseite von Rechtsstaat und Bürgerlichkeit.
Beispiele, Ideen usw. für Aneignungen und offene Strukturen:
- Konzept für die „Wannkopfstr. 13“, damals besetztes Haus in Marburg mit Freiraum-Anspruch
- Projektwerkstätten, z.B. die in Saasen: http://www.projektwerkstatt.de/saasen
- Stiftung FreiRäume als Rechtsstruktur für Eigentumsrechts-Liquidierung: http://www.stiftung-freiraeume.de.
Reclaim the Streets (... the night, the park ...)
Demonstrationen und Kundgebungen beziehen sich meist auf offizielles Recht. Nicht selten wird das Demorecht sogar als Errungenschaft bezeichnet, die es zu verteidigen und anzuwenden gelte - dabei ist es nur noch ein kleiner Rest, in dessen Rahmen stark kanalisierte Protestformen möglich sind. Dass Papi Staat und seine Getreuen (Ordnungsamt, Bullen usw.) darauf drängen, dass Protest (wenn er schon nicht verhinderbar ist) als Demo angemeldet und mit allen dazugehörigen Auflagen durchgeführt wird, sollte eigentlich stutzig machen. Das geschieht aber regelmäßig nicht.
„Reclaim the street“ ist ein Gegenmodell. Das geltende Recht und die normalen Zonierungen von Städten und Verkehrsflächen werden nicht akzeptiert. Stattdessen werden Flächen und Straßen besetzt - denkbar ist eine Strategie, sehr wendig und flexibel zu sein, d.h. den anrückenden Bullen immer wieder zu entwischen und sich an verabredeten neuen Plätzen wieder zu treffen. Dort beginnt wieder alles von vorne. Wesentliches Element ist die Hoffnung, daß kreativ-spontanes Handeln bei guter Vorbereitung (Ortskenntnis, Verabredungen, Stadtpläne, handlungsfähige Kleingruppen usw.) einer Hierarchie wie den Bullen hinsichtlich Wendigkeit und Schnelligkeit überlegen ist. „Reclaim the street“ will Lebendigkeit und lustvolles Leben ausdrücken - es ist daher in der Regel verbunden mit Tanz und vielen kleinen Aktionen (Theater, Sabotage und mehr). In England ist schon mal während einer Reclaim-the-street-Party eine Straße unauffällig mit Presslufthammern vernichtet worden.
Die zweite Variante ist die der schnellen Absicherung gegen Räumung. Ein gutes Instrument dazu sind Tripods, d.h. Dreigebeine (z.B. aus drei Gerüststangen mit zwei Gelenken und eventuell kleinen Querstangen) mit einem Sitzplatz oder Hängematte in der Spitze). Diese können schnell transportiert und aufgebaut werden, sind aber schwer zu räumen. Beide Formen (Wendigkeit und Räumungsschutz können auch verbunden werden).
Reclaim-the-Street-Parties können so organisiert werden, dass möglichst oft Bereiche mit viel Verkehr oder FußgängerInnen einbezogen werden, um so direkte Kommunikation zu schaffen. Wo z.B. große Straßen FußgängerInnenbereiche zerschneiden und lahmgelegt werden, wird sehr schnell überall diese Straße als autofreie Zone benutzt - Aktion und Normalität mischen sich.
Nach dem Vorbild der RTS sind in der Vergangenheit auch Reclaim-the-park oder Reclaim-the-night als Aktionsformen entwickelt worden. Letztlich ist alles möglich - von der Kreuzung bis zum Rathaus (z.B. ganz wendig als „Reclaim-the-power“ von einer Behörde zur anderen). Eine Mini-Ausgabe der RTS ist die Critical Mass: Per Fahrrad einfach spontan-chaotisch fahren. Nicht als Demo, sondern als zufälliges Zusammentreffen.
Copyright brechen, Wissen verfügbar machen
Auf fast allen Ideen, Erfindungen und vielem anderen liegt ein Copyright. Mit Patenten, Urheberrechten (die auch von vielen sog. „Linken“ verteidigt/eingefordert werden) und Lizenzen wird der Zugriff von Menschen auf Wissen und Technik genauso reguliert und herrschaftsförmig gestaltet wie bei Grundeigentum und Besitz an Produktionsmitteln. Wissen für alle freizugeben, ist allerdings vom Gesichtspunkt einer emanzipatorisch-widerständigen Praxis einfacher als mit materiellen Dingen. Zwar ist das Veröffentlichen von Software-Sourcecodes oder der Copyrightbruch verboten, aber oft einfach möglich. Die (wegen der Strafbewährung lieber anonym organisierte) massenhafte Verbreitung geschützten Wissens ist eine offensive politische Aktion, wenn sie mit genau dieser Vermittlung für „Freies Wissen“ erfolgt - also nicht zur eigenen Bereicherung u.ä. Denkbar ist auch - im Sinne kreativer Antirepression - ganz gezielte, kleine aber öffentlichkeitsstarke Copyrightbrüche einzugehen, um die dann eintretende Repression zur Vermittlung zu nutzen.
Vor allem der öffentlichen Vermittlung dient das Verändern der geschützten Produkte selbst. Wenn auf Büchern, CDs usw. die Preise auf Null gesetzt und/oder ein Aufkleber zu finden ist (am besten massenweise), der erklärt, dass Preise und Wertsetzung dem Profit und der Organisierung von Ungerechtigkeit dienen, demgegenüber eine andere Utopie denkbar wäre, kann das eine sehr direkte Vermittlung an viele Menschen sein - genau am Ort, wo spürbar ist, wie eingeschränkt der Zugriff auf Wissen und Ressourcen unter Eigentumsrecht ist.
- Internetseiten zu freier Software und dahinterstehende Gesellschaftsmodelle: http://www.oekonux.de.
Betriebe und Produktionsmittel übernehmen
Was für Häuser, Grundstücke und Wissen gilt, gilt überall. Besonders wichtig sind Produktionsmittel wie Maschinen, Rohstoffe usw. Viele davon werden gar nicht mehr gebraucht und können sogar einvernehmlich vom Eigentum befreit werden - z.B. leerstehende oder nicht mehr genutzte Werkstätten. Wichtig ist auch hier: Es kommt nicht nur darauf an, sie kapitalistischer Verwertung zu entziehen, sondern sie von der Eigentumslogik zu befreien. Wenn Produktionsmittel statt in Firmen in Kommunen oder anderen sog. alternativen Projekten gehortet und gegenüber Außenstehenden verschlossen werden, ist wenig gewonnen.
Spannend ist die Frage der Aneignung für Arbeitskämpfe. Streiks sind ein Appell an die Herrschenden und wollen deren Verhalten netter gestalten, aber Herrschaft nicht aufheben - nicht mal ein Stückchen. Visionär wäre die Aneignung, d.h. die Besetzung der Firma und die Aneignung des Produktionsprozesses. Allerdings - das ist kein Zufall - ist das nicht erlaubt. Arbeitskämpfe in anderen Ländern, in denen das ebenfalls nicht erlaubt ist, zeigen aber, dass solche von vielen durchgeführten Aktionen in der Regel nicht verfolgt werden.
Umweltschutz von unten in Praxis
Flächen von Eigentum zu befreien, gehört zu Aktionen nach einem Verständnis von Umweltschutz, die fast nirgends diskutiert und erst recht nicht angewendet wird - der Verbindung von Ökologie und Selbstbestimmung. „Normaler“ Umweltschutz appelliert an Menschen in ihrer Funktion als BesitzerInnen, KonsumentInnen usw. - also immer in voller Eigentumslogik. Oder an den Staat bzw. an Firmen, die ihre Machtmöglichkeiten nutzen sollen zugunsten von Tieren, Pflanzen und Lebensgrundlagen. Spannend ist schon die Theorie der emanzipatorischen Ökologie: Flächen und Rohstoffe der Eigentumslogik entziehen und dann der Kooperation von Menschen zu überlassen, wobei niemand von diesen mehr über Machtstrukturen bestimmen kann, was mit einer Fläche geschehen soll. Mensch stelle sich das vor: Ein Innenhof, bei dem die Menschen, die dort wohnen, sich frei einigen können (ohne Regeln, HausbesitzerInnen usw.), wie sie ihn gestalten. Oder Freiflächen, Landschaft usw. um einen Ort. Wenn der Abbau von Rohstoffen immer voraussetzt, dass die Menschen dem zustimmen, werden sie sich für selbigen eher interessieren. Sie müssen immer gewonnen werden dafür, dass der Rohstoff genutzt wird - was umwelt- und menschenverträgliche Verfahren ihrer Gewinnung fördern wird. Die Angst, dass Menschen dann, wenn sie über ihre Umwelt Gestaltungsmacht haben, diese bis in letzte ausrauben, ist ein Märchen des Kapitalismus. Tatsächlich ist es der Verwertungszwang und die Existenz von Herrschaft selbst, der dazu führt - denn nur dann sind die Folgen von Umweltzerstörung auf andere, die nicht zustimmen müssen, abwälzbar. Eigentumsfreiheit auf Flächen und die kooperative Entscheidung von Menschen, was mit ihnen geschehen soll, bieten spannende, nicht kalkulierbare, aber eben gleichberechtigte Möglichkeiten, Umweltschutz als Vorschlag einzubringen und so zu formen, dass er mit anderen Interessen vereinbar ist. Solche Projekte können Anfänge einer Debatte um andere Strategien des Umweltschutzes ein, aber auch wieder der Auslöser zu visionären Diskussionen.
Theorie eines visionären Umweltschutzes
Aneignung von Flächen mit dem Zweck, Umweltschutz in die dann herrschaftsstrukturfreie Kooperation von Menschen gleichberechtigt einzubringen, fördert die Debatte um Visionen. Umweltschutz ist dann nicht länger ein Teil des als autoritär empfundenen Staates, sondern der Anfang von etwas Neuem. In den Idee des emanzipatorischer Umweltschutzes („Umweltschutz von unten„) werden die Menschen zu AkteurInnen. Die Straßen, Häuserblöcke und Landschaften müssen den Menschen gehören, die in ihnen leben. Niemand kann über Flächen und Orte bestimmen, ohne selbst betroffen zu sein. „Demokratisierung von Flächen- und Rohstoffverbrauch“ (ständige Steigerung von Mitbestimmung) heißt das Gegenkonzept zu Ordnungsrecht oder dem kapitalistischen Instrument Ökosteuer. Vision ist eine Welt von unten. Die kleinen Schritte dahin bestehen aus konkreten Projekten, die die interesierten und betroffenen Menschen zu den EntscheiderInnen machen: Windanlagen, die den Menschen drumherum gehören (statt teurer Großanlagen ohne örtliche Akzeptanz), Stromnetze im Besitz der BürgerInnen, ökologische Bauernhöfe im Gemeinschaftsbesitz, lokale Ökonomien ohne Apparate, Selbstverwaltung ohne Parteien, Behörden, Vorstände und vieles mehr. www.projektwerkstatt.de/uvu.
Visionen debattieren
Mit allen Aktionen der Aneignung kann und sollte die Debatte um Visionen verbunden werden. Einmal bietet das konkrete Projekt Ansätze, denn die Frage des „Was ist, wenn alle das machen/das überall so wäre?“ kommt schnell auf bzw. wird schnell von Außenstehenden gestellt. Darüber entsteht das Gespräch zu weitergehenden Entwicklungen und Utopien. Zudem lässt sich die Debatte auch selbst anzetteln:
- Diskussions-, Info- oder Vortragsveranstaltungen, Workshops und Seminare im Zusammenhang mit dem konkreten Projekt oder auch losgelöst davon
- Direkte Aktionen, die visionäre Positionen über das konkrete Projekt hinaus tragen, z.B. durch weitere symbolische Aneignungsaktionen (neben einem dauerbesetzten Haus immer mal wieder andere kurzzeitig besetzen, Gratisabteile in Zügen durchsetzen, herrschaftsfreie Zonen auf dem Marktplatz, wertfreie Zone im Kaufhaus zeitweise besetzen usw.)
- Flugblätter, Broschüren, Zeitungen, Pressearbeit usw.
- Auch Militanz kann (und sollte!) mit visionären Positionen verbunden werden. Wer Banken, Polizeistationen, Zeitarbeitsfirmen, Gerichte, Patent- und Kreiswehrersatzämter bemalt, entglast oder thermisch entsorgt, muss die dahinterstehenden Ideen nicht im Ungewissen lassen oder sich auf die Kritik am Getroffenen beschränken. Denkbar ist, z.B. in BekennerInnenschreiben, auch die Thematisierung von Visionen - sei es allgemein für eine Gesellschaft ohne solche Einrichtungen oder für das konkrete Objekt mit der Thematisierung, was aus Gebäude oder Fläche gemacht werden kann, wenn der Ursprungszweck beendet würde.
Diskussionen und Text zu herrschaftsfreier Gesellschaft: http://www.herrschaftsfrei.de.vu.
Tipps für Flächenbesetzungen
Ein Golfplatz soll gebaut werden. Oder eine Autobahn. Die Aussaat auf einem Genversuchsfeld steht bevor. Morgen ist Spatenstich für ein neues umweltzerstörendes Großkraftwerk. Die grüne Wiese soll mal wieder zu einer Konsumfläche plus Parkplätzen werden. Diese und viele Gründe können für eine Besetzung sprechen.
Flächenbesetzungen sind ein Mittel neben mehreren anderen, Protest zu artikulieren. Sie bieten aber Chancen, die mit anderen Methoden nur schwer zu erreichen sind, weshalb sie in vielen der genannten oder ähnlichen Fällen als ein Teil vielfältiger Widerstandsmischungen dazugehören sollten. Diese sind u.a.
- Sichtbares Zeichen als Erregungskorridor: Die besetzte Fläche, bunt und auffällig gestaltet bildet einen ständigen Aufmerksamkeitspunkt. Sie signalisiert, dass sich Widerstand erhebt, dass die Macht des Faktischen (also der Baubeginn, die Aussaat usw.) nicht einfach hingenommen wird. Das Nein wird vom Wort zur Tat. Ein bisschen Flair des gallischen Widerstandsdorfes zieht durch die Landschaft.
- Ständiger Anlaufpunkt: Eine Flächenbesetzung ist ein offener, kommunikativer Punkt. Sie hat Schnittmengen zur nächtlichen Sabotage an Baustellen, Genversuchsfeldern oder Gebäuden, aber eben den entscheidenden Unterschied, dass sich die handelnden Menschen hier offen zeigen. Wer Unterstützung oder Kritik formulieren will, kann einfach hinkommen.
- Die Flächenbesetzung ist gut verbindbar und erweiterbar durch Aktivitäten in den umgebenden Orten. Damit wird die Kommunikation weiter gestärkt, am besten verbunden mit freundlichen Einladungen, das Widerstandsdorf zu suchen.
- Die besetzte Fläche schafft sofort eine hervorragende Infrastruktur am Ort des Geschehens. Oft fehlt die in der Nähe umkämpfter Objekte. Ständige Anfahrten, fehlendes Material usw. sind die Folge. Auf der besetzten Fläche können in Türmen, Zelten, Bauwägen oder Hütten Aktionsplattformen, Materiallager und Übernachtungsplätze entstehen.
- Foto- und telegen ist der besetzte Platz auch. Das bringt gute Chancen in Medien.
Beispiel: Gentechnikflächen in den 90er Jahren
Es gibt mehrere Gründe, warum die Kritik an Gentechnik gerade in Deutschland weit verbreitet ist. Einer ist, dass der Protest (ähnlich wie der gegen Atomkraft) widerständiger und direkter ausfiel als in vielen anderen Industrienationen. Hauptanteil daran hatten Feldbesetzungen. Ab 1992 wurden immer wieder Flächen vor der Aussaat erobert, mit Zelten, Bauwägen, Lock-ons und vor allem Türmen gesichert. Überall brach in den Tagen danach die Debatte aus, Veranstaltungen und Diskussionen füllten Hallen, schließlich spazierten jeden Abend viele, manchmal Hunderte von AnwohnerInnen auf das besetzte Feld mit Kuchen oder Kritik im Gepäck. Die offene Auseinandersetzung war nicht mehr aufzuhalten.
Einige der Felder wurden geräumt, aber die Aktion hatte Spuren hinterlassen. Vielfach wurden später die mit Polizeigewalt durchgesetzten Felder nachts zerstört mit breitem Applaus in der Region. Hessen wurde sogar ganz offiziell von den Gentechnikfirmen nach etlichen Besetzungen und Zerstörungen aufgegeben.
Doch das ist lange her. Direkte Aktion geriet in Vergessenheit, die professionellen Umweltverbände übernahmen das Geschehen, druckten bunte Postkarten, Prospekte und aufblasbare Tomaten. Die Kontonummer vergaßen sie ebenso selten wie die Distanzierung von den bösen Zerstörungen und Besetzungen. Das Ergebnis konnte sich sehen lassen: Solch ein zahmer Protest reicht nicht. Mitte des folgenden Jahrzehnts waren Felder mit gentechnisch veränderten Pflanzen weit verbreitet. Erst jetzt rückte zaghaft die öffentliche, direkte Aktion wieder in den Vordergrund. Den Anfang machte 2005 die Kampagne Gendreck weg, die obwohl gewaltfrei und eher bürgerlich-zahm, den etablierten Verbänden schon zu weit ging. BUND und andere distanzierten sich im Akkord. Doch das hielt die Sache nicht auf. Ein Jahr später gelangen die ersten drei offenen Befreiungen: Oberhoihingen, Badingen, Gießen. Und 2007 versuchte eine Runde entschlossener Menschen in Groß Lüsewitz endlich wieder eine Feldbesetzung, die knapp, aber spektakulär scheiterte. Die Wirkung der 90er-Jahre-Aktionen konnte sie aber trotzdem wiederholen: Das Geschehen war tagelang Thema im nahen Dorf und die dortigen Gentechnikmafiosi vom Ag(g)ro-Biotechnikum gerieten unter Druck. Erklärten sie sonst immer ihre Gesprächsbereitschaft, schlossen sie sich nun in ihrem Palast ein ...
Vorbereitung und Durchführung
Es lohnt sich, die in Frage kommenden Flächen und die Umgebung genauestens zu überprüfen. Nicht die Zahl von Laber- oder Bündnistreffen entscheidet über die Qualität der späteren Aktion, sondern die Aneignung von Know-How, das richtige Material und eine gute Kenntnis der Lage vor Ort. Kriterien bei der Auswahl der Fläche sind:
- Nicht jede Fläche ist gleich wichtig. Auf großen Baustellen müssen die empfindlichen Stellen getroffen werden. Bei Genversuchsfeldern geht es um den richtigen Ort, weil meist nur ein kleiner Bereich der angemeldeten Flurstücke für die Gentec-Pflanzen vorgesehen ist. Gute Karten, Geländebeobachtung, Satellitenbilder aus dem Internet und raffinierte Anfragen auf der anderen Seite können die nötigen Informationen zusammenbringen.
- Nicht jeder Punkt ist gleich geeignet. Manche Stellen sind besser zu verteidigen, weil kaum zugänglich, z.B. durch einen Graben vor Befahren geschützt. Andere sind besonders ungeeignet wegen unsicherer Bodenverhältnisse oder Stromtrassen.
- Nicht jeder Punkt ist gleich sichtbar. Um später eine große Außenwirkung zu erzeugen, ist die Nähe zu Orten, Straßen, Wanderwegen oder Veranstaltungszentren wichtig.
Entscheidend sind auch die Zugänge. Je nach Art der Besetzung sind Befestigungen und Materialien sinnvoll, die die Räumung erschweren. Die aber müssen auch auf die Fläche gebracht werden. Wer einen hohen Turm aus Bäumen bauen will, muss einen Wald in der Nähe haben. Transportwege müssen gut gangbar, aber auch unbeobachtet sein. Gehören Wald oder Alleebäume zur besetzen Fläche, sind überhaupt erst Besetzungstechniken wie Baumhäuser möglich, andere wie Walkways (Stahldrähte zwischen Bäumen) möglich.
Strafrecht
Das Überraschende: Besetzungen allein sind meist gar nicht strafbar. Wenn die Fläche noch nicht genutzt und eingezäunt ist, wird es schwer, Hausfriedensbruch oder Sachbeschädigung zu konstruieren (versuchen werden es verfolgungswahnsinnige Uniformierte oder RobenträgerInnen aber oft schon). Erst nach der klaren Aufforderung, ein Gelände zu verlassen, kann Hausfriedensbruch geahndet werden.
Allerdings hilft Kreativität immer. Sollte das Gelände eingezäunt oder per Schild als Betreten verboten gekennzeichnet sein, so muss erstmal der Zaun oder das Schild weg, z.B. in der Nacht vorher. Wer das war keine Ahnung. Die Flächenbesetzis aber kamen erst, also Zaun oder Schild weg war. Also kein Hausfriedensbruch. Klare Anweisungen können auch schnell unklar gemacht werden. So wurde auf einem besetzten Genfeld in Iba (Osthessen) vom Besitzer die zu räumende Fläche mit Sportplatzkreide gekennzeichnet. Am nächsten Morgen war die Linie verlegt - Stück für Stück abgetragen und woanders wieder aufgebracht ...
Strafrechtliche Folgen entstehen eher im Umfeld, z.B. der Klassiker Widerstand gegen die Staatsgewalt (ein Uniformierter erzählt dem Richter, er sei geschubst worden ...). Aber das kann auch beim Postkartenverteilen passieren. Wer den Mächtigen ein Dorn im Auge ist, bekommt deren schmutzige Tricks manchmal zu spüren. Wer ihnen kein Dorn im Auge ist, na ja ... kann auch zu Hause bleiben.
Ein Widerstandsdorf ist immer eine Mischung aus vielen Aktionsmethoden. Damit die Besetzung auch eine Weile hält, sollten Befestigungsideen immer eine Rolle spielen. Rundherum aber ist alles möglich von der Party über Gratisessen, gute Flugblätter, Fakes der Gegenseite, eine eigene Gegendemonstration gegen sich selbst bis zu nächtlichen Ausflügen in die Umgebung voller Plakate, Schilder, Institutionen und Firmen. Zwei besondere technische Befestigungen sollen etwas ausführlicher vorgestellt werden. Für eine konkrete Durchführung reicht das nicht, aber als Einstieg. Genauere Informationen finden sich im Internet und in der Blockadefibel (http://www.aktionsversand.de.vu). Außerdem heißt es: Üben, üben, üben! Denn auf der Fläche soll es schnell und unauffällig gehen. Die Sachen müssen stehen, bevor die Uniformierten ihre parteiischen Gegenaktion starten und Baustellen, Autobahnen, Genversuchsfelder zu retten versuchen ...
Genauere Texte zum Bau von Türmen, Tripods und Lock-ons finden sich im Direct-Action-Kalender 2008 und auf den Extra-Seiten zu Besetzungen auf http://www.direct-action.de.vu
Besetzungstürme
Um bei Flächenbesetzungen eine schnelle Räumung zu verhindern, lohnt es sich, einen Turm aufzustellen. Das wirkt offener als Befestigungsanlagen wie Zäune und Gräben, hindert die „Freunde und Helfer“ aber trotzdem, euch einfach vom Platz zu fegen.
- Zeit und Handlungsmöglichkeiten schaffen: Wenn erstmal Leute auf dem Turm drauf sind, werden Spezialeinheiten gebraucht, um sie da wieder runter zu kriegen. Solange kann von oben mit Konfetti und Krach für Stimmung gesorgt, mit Kompost und anderen unangenehmen Sachen auf Behelmte geworfen und die Vorgänge unten gefilmt werden. Wenn dann irgendwann ein Räumtrupp nach oben kommt, können sich die Aktivistis anketten, um den Beamten noch mehr Arbeit zu verschaffen.
- Die Baumstämme: Wenn sich Menschen auf dem Turm befinden, kann dieser nicht einfach umgesägt werden und die Leute nicht so leicht geräumt. Vorausgesetzt, der Turm ist so hoch, dass keine zur Verfügung stehende Leiter dran kommt. Lange Baumstämme bringen allerdings eine Schwierigkeit mit sich: Pro Meter eines frisch geschlagenen Stammes braucht es schon mindestens eine Person, um ihn von A nach B zu tragen. Ein Jahr abgelagerte Stämme sind leichter. Für die Stämme müssen am Aufbauort Löcher gegraben werden, deren Boden im Idealfall noch mit Kies oder Schotter gefüllt wird. Damit die Stämme auch wirklich da reinrutschen, machen sich Ausrichtungsgräben ganz gut. Bei jahrelang stehenden Bauten sollten mindestens die in der Erde stehenden Enden geschält und abgeschmort werden.
- Technik: Als Technik zum Aufbau von dreibeinigen Türmen hat sich folgendes bewährt: Zwei Beine zeigen in die Zugrichtung wie ein A, das andere zeigt in die andere Richtung und wird beim Hochziehen hinterhergezogen. Dabei muss es ein wenig gelenkt werden. Bei der Methode, das Bein vorne weg zu schieben, würde es sich in den Boden bohren. Die Verbindung der drei Stämme muss bei der ersten Möglichkeit beweglich sein, weil sich der hintere Stamm um über 90° dreht. Als erstes werden also die beiden A-Stämme zusammengebracht und dann der dritte flexibel damit verbunden. Verstärkt werden kann die Konstruktion später, wenn der Turm steht. Um den Turm direkt aus dem Liegen hochzuziehen ist der Winkel zu flach. Deshalb sollte der Turm vorher angehoben oder das Zugseil über ein Zweibein umgelenkt werden, um den Winkel herzustellen. Das Zweibein kann, nachdem es seinen Dienst getan hat auch zerbrechen. Das Seil dagegen muss wirklich viel aushalten, denn beim Hochziehen von drei 17m-Stämmen wirkt eine Last von 4t und bei Stößen kann sich diese Kraft vervielfachen. Mit 10mm Durchmesser aus Draht ist mensch auf der sicheren Seite. Damit das Drahtseil nicht die Verbindungsseile an der Spitze zerschneidet oder die Stäbe vom Zweibein zerdrückt, wird ein Schutzmantel (z.B. Metallrohre) gebraucht.
- Aufbau: Wie der Turm hochgezogen werden kann, hängt vom Gelände ab. In dem Extremfall, dass es sich um Ackerboden handelt, reicht ein üblicher Traktor nicht aus. Ein schwerer LKW mit Allrad, Differentialsperren und Ballonreifen ist bei solchen Bodenbedingungen Pflicht. Um dieses Problem zu umgehen, kann das Seil umgelenkt werden, damit das Gefährt auf festerem Gelände in der Nähe fahren kann. Wenn der Turm nicht von einer Hebebühne erreichbar sein soll, muss er aber weit genug weg davon aufgebaut werden. Andere Möglichkeiten sind ein Seilzug (langsam) oder pure Muskelkraft. Hier ist eine Rücksicherung angebracht, falls das Seil aus der Hand gleitet.
Damit der Turm während des Hochziehens nicht kippt, muss alles genau ausgerichtet werden: Die Spitze des Dreibeins, des Zweibeins und der Punkt, wo gezogen wird müssen sich auf einer Linie befinden. Nachts im Dunkeln eignen sich z.B. Fahrradblinklichter dazu.
Und dann kann es endlich losgehen: Das Kletterseil wird angebracht, alle außer den Leuten zum Ausrichten und den Einweisenden gehen aus der Schussbahn und der Turm hebt sich langsam gen Himmel...
Tripod: Die kleine Schwester des Turms
Für ein einfaches Tripod benötigst du:
- 3 Gerüststangen (4-6m)
- drehbare Gerüstschellen
- ein paar Meter Seil (Polyprop)
- einen Schraubenschlüssel
- genügend Platz, um das Tripod zusammenzubauen, aufzustellen, zu üben...
Der Aufbau läuft dann so:
- Gerüstschellen: Die Schellen müssen so befestigt werden, dass ihr die drei Gerüststangen parallel auf den Boden legen, aber auch zu einem Tripod aufrichten könnt. Es ist nicht ganz einfach, die Schellen an der richtigen Stelle zu befestigen, da müsst ihr rumprobieren, bis es stimmt.
- Tripod: Wie auf der Zeichnung zu sehen, bilden die zwei Hauptstangen ein A und werden von der dritten Stange gestützt. Die Schelle für die dritte Stange wird etwa 30cm unterhalb der Hauptschelle befestigt, so dass die Hauptstangen davon nicht behindert werden. Das Gewinde der zweiten Schelle soll in einem Winkel von etwa 120 Grad zum Gewinde der ersten Schelle stehen. Das ist ein bischen tricky und ihr müsst einfach solange herumprobieren, bis die drei Stangen parallel am Boden liegen und sich zu einem Tripod öffnen lassen.
- Tripod aufrichten: Wenn ihr Eisenstangen verwendet, braucht ihr mindestens fünf Leute, um das Tripod aufzurichten. Die beiden Hauptstangen werden zu einem A auseinandergezogen und an den Enden von zwei Personen mit den Füssen fixiert, damit sie nicht verrutschen. Eine weitere Person hebt die dritte Stange an. Zum Aufrichten muss mindestens je eine starke Person pro Hauptstange von der Spitze zum Ende des Tripods laufen und es dabei aufrichten. Mit der dritten Stange wird das aufgerichtete A abgestützt. Beim Aufrichten müsst ihr sehr konzentriert sein, vor allem dürfen die beiden fixierten Enden der Hauptstangen nicht wegrutschen, sonst stürzt das Tripod zusammen und verletzt womöglich jemanden. Wenn ihr Alu-Stangen verwendet, schafft ihr das Aufrichten auch zu dritt, allerdings ist Eisen viel stabiler und belastbarer.
- Schnell hochklettern: Sobald das Tripod steht, muss eine Person schnell an einer Stange hochklettern, bis sie außer Reichweite an der Spitze ist. Während eine Person hochklettert, sollten die drei Stangen gesichert sein (festhalten), damit sie nicht auseinander rutschen.
- Hängematte: Am komfortabelsten sitzt es sich in einem Tripod mit einem Klettergurt. Hierfür muss einfach eine Schlaufe + Karabinerhaken an der Spitze befestigt werden, in die sich mensch mit seinem Gurt einklinken kann. Cool ist auch eine Hängematte, an der wie auf dem Bild ein Seil befestigt wird.
- Besonders stabiles Tripod: Für Extra-Stabilität oder wenn mehrere Leute gleichzeitig auf das Tripod wollen könnt ihr noch drei kurze Stangen mit Schellen befestigen. Befestigt die Stangen jeweils nur an einer Schelle, bis das Tripod steht, dann könnt ihr die Stangen an den zweiten Schellen festschrauben. Vergesst den Schraubenschlüssel nicht. Natürlich ist das Tripod mit den Zusatzstangen schwerer, vielleicht braucht ihr mehr Leute zum Aufrichten.
- Ohne Extra-Stangen: Ein Tripod ohne diese Extra-Stangen sollte durch ein Seil stabilisiert werden, damit die drei Stangen am Boden nicht auseinander rutschen. Wenn die Stangen am Fußende Ösen haben, kann das Seil einfach dadurch gezogen werden, ansonsten in ca. 1m Höhe das Seil um das Tripod spannen und so befestigen, dass es nicht nach oben rutscht.
Das Schwierigste an der ganze Sache ist das Aufrichten des Tripods. Da heißt es: Vorher üben, üben, üben.
Lock-ons: Anketten der gehobenen Art
Am einfachsten ist es natürlich, sich mit Ketten oder Bügelschlössern (fürs Fahrrad) an z.B. Werktore, Schwermaschinen, Bäume usw. anzuschließen). Auch ganz einfach und effektiv ist Kraftklebstoff, der in Vorhängeschlösser und Türschlösser gespritzt wird. Bei Radbügelschlössern um den Hals ist es sinnvoll, zu zweit zu arbeiten. Die eine Person hilft beim Anschließen, und, wenn an eine Maschine angeschlossen wird, sagt dem/der FahrerIn was passiert und daß die Maschine nicht mehr bewegt werden darf. Bei solchen Aktionen solltest Du Dir die Stelle, an die Du Dich anschließt, gut aussuchen, denn es kann lange dauern, bis Du wieder frei bist. Evt. Kissen und Decke mitnehmen (wird aber oft weggenommen). Die Schlüssel kannst Du entweder selbst behalten oder (da Du durchsucht werden könntest) einer Bezugsperson geben, die die ganze Zeit in Hörweite bleibt, für den Notfall. Passt aber gut auf, an welche Stelle Ihr Euch ankettet - die Polizei könnte all Eure Decken wegnehmen, Euch von anderen Demonstrierenden isolieren und die Sicht auf Euch abschirmen. Das kann Angst machen.
- Handschellen: Diese sind besonders gut unter Maschinen, wenn ihr schlecht zugängliche Teile zum Anketten finden könnt. Schlaufen starken Seils oder Gurtbands können meist genauso effektiv und billiger sein. Legt die Schlaufe um den Gegenstand, steckt an beiden Seiten eure Hände rein und dreht eure Hand, bis sich das Band in sich so gedreht hat, daß beide Enden stramm an euren Handgelenken sitzen. Gute Handschellen sind schwer zu finden. Army-shops und Flohmärkte verkaufen oft schlechte und teure. Die meisten Handschellen können mit genormten Schlüsseln geöffnet werden, die die Polizei oft bei sich trägt. Die Schlösser zu verstopfen oder zu verkleben (Lösungsmittel dazukaufen!) kann dagegen helfen.
- Jacken-Schlaufen-Handschellen: Diese sind effektiv, einfach und billig. Sie funktionieren, indem ihr eure Arme um etwas legt, z.B. einen Baum oder die Achse eines Fahrzeugs, und dann eure Handgelenke durch Schlaufen steckt, die in euer Jackeninnenfutter unter euren Achselhöhlen angenäht sind - rechte Hand unter den linken Arm und die linke Hand unter den rechten Arm. Jacken-Schlaufen-Handschellen sind unauffällig und bedeuten, Ihr seid ständig bereit für eine Aktion! Näht ungefähr einen Meter starkes, stabiles Material - alte Sitzgurte oder Schlauchband vom Klettern - in die Jacke, horizontal über die Schulterblätter zu den Armlöchern. Dann faltet die Enden zurück und näht sie sehr fest, so daß sie Schlaufen bilden. Je größer die Schlaufen sind, desto einfacher sind sie in einer Streßsituation zu finden. Je kleiner sie sind, desto schwerer ist es für sie, eure Hände herauszuziehen. Ihr könnt auch eure Hände so drehen, daß die Schlaufen enger werden (siehe Handschellen ). Übt damit. Es funktioniert so, daß der Gurt um eure Schulterblatter führt und den Druck auf euren Rücken lenkt, statt auf eure Jacke. Es ist sehr schwer, an die Schlaufen heranzukommen, wenn sie sich unter euren Achselhöhlen und unter eurer Kleidung befinden. Sie könnten eure Jacken zerschneiden oder zerreissen, um an sie heranzukommen, also benutzt alte Jacken dafür.
- Arm-Rohre: Rohre aus Plastik oder Metall, mit dem Durchmesser eines bekleideten Arms, sind ein vielseitiges Instrument. Sie sollten so lang wie zwei Arme sein und am besten einen starken Metallstab in der Mitte eingeschweißt haben. Menschenpaare mit zwei Rohren können einen kleinen Baum beschützen oder eine Maschine stoppen. Ihr müßt die Arme in die Rohre stecken und die Hände an dem Metallstab festmachen, entweder mit Handschellen oder Schlaufen aus starkem Seil (oder Ketten) mit einem Karabiner, wobei ihr das Zielobjekt in die Mitte nehmt. Seid euch bewußt, daß, wenn ihr euch wirklich mit Handschellen festkettet, ihr euch nicht wieder selbst befreien könnt. Ein kürzeres Rohr kann von einer Person benutzt werden, um zum Beispiel einen Baggerarm oder Stützbalken zu umarmen. Zur Sicherheit und für den Komfort polstert die Enden des Rohrs und haltet euren Arm niedriger als euer Herz, um den ungehinderten Blutfluß zu gewährleisten. Die Anzahl der Personen in Arm-Rohren gibt die Größe des Objektes vor, das ihr einkreisen könnt. Wenn ihr euch als eine Gruppe mit zehn Personen (10 Rohre) hinlegt, mit den Füßen in die Mitte des Kreises zeigend, kann eine ziemlich große Fläche abgedeckt werden. Arm-Rohre sind benutzt worden, um Einfahrten, Straßen oder sogar Flugzeuglandebahnen zu blockieren. Um euch zu räumen müssen sie die Rohre mit Metallsägen oder einer Flex zerschneiden (nichtsdestotrotz werden sie natürlich zuerst kräftig an euch ziehen). Wenn einmal ein Rohr zerschnitten ist, ist der ganze Kreis gebrochen. Bei der Flughafenlandebahnaktion in Schiphol, NL, mußten die Polizei erstmal die Demonstrierenden voneinander freischneiden, weil sie zusammen nicht in die Wanne passten.
- Drachen: Beton Lock-ons, auch Drachen genannt, sind eine sich durchsetzende Technologie. In Schornsteine gebaut, in Häuser, auf Bäumen, an den Baumwurzeln, in Ölfässern, in Straßen, in Autos (immobilisiert oder noch fahrtüchtig) und in Tunneln haben sie Räumungen um Tage aufgehalten. Mobile Drachen stellen eine wahre Bedrohung für frei fließende Infrastrukturen dar ... Alle Drachen sind aus einem Arm-Rohr mit einer metallenen Querstange an dessen Boden gebaut, das dann einbetoniert wird. Die Betonmischung setzt sich zusammen aus 1 Teil Zement auf 3 Teile Sand, der aus verschieden großen Körnern bestehen sollte - keinen lehmigen Sand, Erde oder Mörtel nehmen. Wenn ihr es als Baustoff bekommt: 1 Teil feiner Sand + 1 Teil scharfer Sand + 1 Teil kleine Steinchen - große Steine könnt ihr auch sehr gut dazu tun. Zerschnittene Autoreifenstücke und anderes Gummi solltet ihr zusammen mit Metallgittern (Ex-Einkaufswägen) und Metallstäben bereitliegen haben. Mischt den Beton an und füllt eine Tonne oder einen anderen Hohlraum von unten nach oben mit dem Metall, Gummi und Beton auf. Der Beton sollte ständig in die Lücken zwischen den anderen Teilen gestampft werden, damit keine Lufträume entstehen. Die Metallteile sollen den Zugang von den Seiten und von oben zum Rohr erschweren, positioniert sie gut und dicht. Eine alte Autofelge ist praktisch, um die Unterseite des Rohrs/der Rohre zu schützen, die mit Plastikfolie unten abgedichtet werden sollten. Es ist wesentlich netter, zu zweit an einem Drachen zu sitzen, da eine Räumung ziemlich lange dauern könnte... Beim Bau solltet ihr an eine angenehme Körperhaltung zum Festketten denken. Beton braucht Wochen, um sich richtig zu setzen. Baut die Drachen wenn möglich lange im voraus. Wenn ihr viele Drachen in kurzer Zeit über eine große Fläche verteilt bauen wollt, wäre es vielleicht sinnvoll, ein mobiles Betonier-Team mit einem kleinen Betonmischer zu organisieren. Am besten ist, wenn die Person, die das Lock-on baut auch die Person ist, die es später benutzt. Versucht, die Standorte der Lock-ons im Stillen zu behalten und vielleicht eines als Vorzeigestück zu haben, um neue Menschen mit der Technik vertraut zu machen. Zum Festketten steckt euren Arm in das Arm-Rohr und benutzt eine kleine Schlinge aus Schlauchband (Kletterläden) oder noch besser, kleine Ketten, die in einem alten Stück Fahrradschlauch stecken (hat deutliche Vorteile) und einen Karabiner. Die Polizei wird vielleicht versuchen, euch zu räumen ohne den Drachen aufzubohren, -schneiden. In anderen Ländern haben sie manchmal ein Hakenmesser an einem Stab in das Rohr gesteckt, um Seilstücke durchzuschneiden, die die Personen mit den Drachen verbunden hatten. Diese Methode funktioniert allerdings nicht, wenn ihr gepolsterte Ketten benutzt und außerdem ist sie absolut gefährlich, da blind gearbeitet wird und dabei die Hand verletzt werden kann. Endoskope können benutzt werden, um zu schauen, womit die Hand befestigt ist. Das Rohr mit Stoff, Schaumstoff oder Pappe auszustopfen, kann dies aufhalten. Natürlich könnten sie euch kitzeln, drohen, einschüchtern oder Schmerzen zufügen, indem sie euren Arm verdrehen oder bestimmte Druckpunkte an eurem Körper drücken, bis ihr euch selbst losmacht. Wenn sie euren Arm nicht herausholen können, werden sie zuerst eine Flex oder ähnliches holen, um durch die äußere Hülle des Fasses zu schneiden und dann wahrscheinlich einen kleinen Preßlufthammer benutzen, um sich durch den Beton zu arbeiten. Um durch das Arm-Rohr und die Metallteile zu schneiden, werden sie wahrscheinlich wieder die Flex nehmen. Versucht, das Arm-Rohr mit vielen Metallteilen oder mit mehreren konzentrisch angeordneten Rohren zunehmenden Durchmessers zu umgeben, wobei die Zwischenräume wieder mit Beton ausgefüllt sein sollten. All dies sollte einige Zeit in Anspruch nehmen und wird laut, staubig und angsteinflößend sein. Habt eure eigenen Schutzbrillen, Ohrenschützer und Staubmasken dabei. Bereitet euch darauf vor, dort einige Zeit zu verbringen, habt Essen, Wasser und warme Kleidung dabei. Kettet euch erst im letzten Moment fest, da es mit der Zeit ungemütlich werden könnte - und geht vorher aufs Klo! (Trinkt davor keinen Kaffee oder Tee)
- Erd-Drachen: Grabt ein Loch und treibt Metallstäbe bis zu ihrer Mitte in die umgebende Erde, bevor ihr den Beton reinschüttet. Einen der Stäbe als Querstab für das Rohr benutzen. Erd-Drachen sind am besten auf Zufahrtswegen oder am Fuß eines Baums positioniert, z.B. zwischen den Baumwurzeln.Mehrere Arm-Rohre in einem Lock-on sind geselliger und begrenzen den Zugang zum Lock-on, da mehrere Menschen drumherum liegen oder sitzen. Versucht, etwas über den Drachen zu legen, wo euer Arm durchpasst. Metallgitter oder -platten, Lastwagenreifen, alte Autos mit einem Loch im Boden. Um es noch schwieriger zu machen, verschweißt die Gegenstände mit dem Lock-on. Als Alternative könnt ihr eine Skulptur aus Gerüstrohren und Metallstäben bauen und einbetonieren, die genau genug Platz zum dazwischen Festketten läßt. Ihr könnt rotierende Metallstäbe dazu benutzen: Steckt Metallstäbe in die Gerüstrohre, die ihr mit viel Schmiere und Kugellagern versehen habt. Verschweißt die Enden der Rohre, um sie zu versiegeln. Die Stäbe werden sich in den Rohren drehen, wenn sie versuchen sollten, diese mit Seitenschleifern (Flex) aufzuschneiden. Diese Stäbe könnten ebenso in ein Lock-on einbetoniert werden. Erd-Drachen am Boden eines schmalen Schachts sollte sie dazu zwingen, zu euch herunterzugraben, bevor sie sich mit dem Drachen beschäftigen können. Ihr könnt euch auch mit den Füßen festketten, es gab sogar einen Drachen, der mit Skischuhen gebaut war. Die Räumung erschweren könnt Ihr, wenn Ihr eine dicke Stahlplatte über den Bereicht legt mit einem oberarmdicken Loch in der Mitte (Flex oder Schneidbrenner benutzen). Ihr legt Euch auf die Platte und steckt den Arm durch. Dann können die Uniformierten nicht mehr direkt losgraben.
- Schlafende Erd-Drachen: Baut die Erd-Drachen lange im voraus und gebt euch Mühe, sie mit etwas zu verdecken, was genau wie die Umgebung ist, sich aber am Tag des Erwachens schnell entfernen läßt. Ihr könnt dann einfach hinlaufen, es öffnen und euren Arm reinstecken...
- Baum-Drachen: Findet eine kräftige Astgabel in einem starken Baum. Ihr müßt vielleicht eine kleine Plattform als Boden bauen, worauf ihr dann eine Tonne hochzieht und verzurrt und/oder verankert. Dann baut den Drachen, indem ihr den Beton Eimer um Eimer nach oben zieht und das Faß damit langsam auffüllt. Baut es schwer, sonst könnten sie es einfach mit euch zusammen auf den Boden herablassen. Sie könnten versuchen, so viel Gewicht davon zu entfernen, bis es leicht genug dafür ist, es herunterzulassen. Versucht, es an verzwickten Stellen zu positionieren.
- Drachen in gefällten Bäumen: Mit dieser Methode kommt jeder gefällte Baum zurück, um sie zu plagen! Wenn ihr ein einzelnes Lock-on baut, bohrt ein Loch mit Armdurchmesser und der Länge eines Unterarms in den dicksten Teil des gefällten Stammes. Benutzt dazu einen großen Bohrer oder eine Kettensäge (sehr vorsichtig). Entfernt die Rinde vorher vorsichtig, um damit die vollendete Arbeit zu verdecken. Besorgt euch eine Stahlöse mit einem starken Schraubgewinde, z.B. von der Türangel einer großen Pforte und schraubt sie in den Boden des Lochs. Kettet euch dort fest. Eine andere Möglichkeit ist, ganz durch den Stamm durchzubohren, so daß zwei Personen ihre Hände in der Mitte zusammenketten können. Verstärkt den Stamm, indem ihr Nägel und Metallstücke hineinschlagt. Kleinere Stämme können als mobiles Straßenblockaden-Lock-on benutzt werden.
- Bauwägen oder Hütten mit Lock-ons: Alle Bauwerke können mit den beschriebenen Lock-ons gesichert werden.
Naturschutz von unten! Ein neuer Naturschutz mit den Menschen
Der Verordnungsnaturschutz stößt heute an seine Grenzen. Dies liegt zum einen in der Naturschutzverwaltung selber begründet. Die strukturellen Probleme der Naturschutzverwaltung liegen in deren Kompetenzverhältnis zu anderen Verwaltungen, Personalć und Mittelausstattung begründet (z.B. plant die Naturschutzverwaltung eben keine Straßen, auch wenn diese durch Naturschutzgebiete führen, sie hat nur Einspruchsrecht). Insgesamt kommt der Naturschutzverwaltung damit die Rolle von Zaungästen zu, die große Politik machen andere. Auch Detailänderungen bringen hier meist keine nennenswerten Verbesserungen. ABMaßnahmen, personelle Umstrukturierungen oder Verschiebung der Zuständigkeiten von Kreisć auf Landesebene oder umgekehrt ändern nichts an diesem Dilemma. Vor Ort (vor allem in Gemeinden kleiner als 20.000 EinwohnerInnen), wo die meisten für die Landnutzung wichtigen Entscheidungen fallen, ist meist gar keine Naturschutzverwaltung vorhanden oder es gibt nur einzelne Naturschutzbeauftragte, die meist wenig Durchsetzungsvermögen besitzen. Ganz zu schweigen von ausreichend Finanzmitteln, um einen wirkungsvollen Naturschutz vor Ort aufzubauen. Naturschutz verkommt so zu einem Feigenblatt für eine auf Umweltzerstörung basierende Politik. Das zweite ist ein Akzeptanzproblem. Konnte sich die Verwaltung noch in den achtziger Jahren auf eine starke ehrenamtliche Naturschutzlobby berufen, so ist sie heute fast auf sich allein gestellt. Sie stößt daher immer mehr an ihre Grenzen, da sich andere Verwaltungen besser durchsetzen können (mehr LobbyistInnen) und von vornherein mit weitreichenderen Befugnissen ausgestattet sind. Vor Ort stößt das Handeln der Naturschutzverwaltungen zunehmend auf Widerstand und Unverständnis der BürgerInnen und LandnutzerInnen. Natürlich wird die Angst vor dem Naturschutz aus bestimmten politischen Kreisen gezielt geschürt, aber sie hat auch ihre berechtigten Ursachen, die wir NaturschützerInnen nicht leichtfertig abtun können:
- Wertminderung des eigenen Grund und Bodens bei Unterschutzstellung
- Einschränkung bisher bestehender Rechte, ohne selber Einfluss darauf zu haben
- Weiterer Verlust von Arbeitsplätzen und Betriebsschließungen in sowieso schon gebeutelten Branchen, wie Fischerei und Landwirtschaft
- Psychologisch: nicht mehr „Herr“ über das eigene Land zu sein.
Sicher kann der Naturschutz nicht Fehlentwicklungen in anderen Bereichen (z.B. Landwirtschaftspolitik der EU, Verkehrsplanungen) allein verantwortlich gemacht werden, aber er muss hier stärker seine Rechte einfordern und vor allem tragfähige Alternativen aufzeigen. Das Akzeptanzproblem des Naturschutzes ist mittlerweile allgemein bekannt, doch sind die bisherigen Maßnahmen dagegen halbherzig und inkonsequent, sie versuchen nur den festgefahrenen Verordnungsnaturschutz durch professionelle Information, Mediation, Moderation, Agenda-Arbeit usw. den Menschen vor Ort schmackhaft zu machen. Ein Überdenken des bisherigen Verordnungsnaturschutzes sucht mensch dagegen vergeblich.
Neue Wege im Naturschutz
Dabei brauchen wir ganz neue Wege im Naturschutz. Es kann nicht Ziel des Naturschutzes sein, möglichst viel Verwaltung, Bürokratie und Gesetze aufzubauen. Dies kann zwar kurzfristig einzelne Gebiete und Arten retten, jedoch langfristig kaum aufrecht zu erhalten sein (siehe Konflikte um die Nationalparks). Denn die Menschen vor Ort werden nicht verstehen, warum in der Wirtschaft immer mehr auf Deregulierung gesetzt wird und im Naturschutz die Bestimmungen immer bürokratischer werden. Auch wenn an vielen Stellen direktdemokratische Elemente etabliert werden, die Menschen vor Ort aber einer immer mehr bevormundenden Verwaltung ausgesetzt sind. So entsteht eine ablehnende Haltung gegenüber dem Naturschutz, die am Ende zu weniger oder gar keinem Naturschutz führt. Die Konsequenz für den Naturschutz wäre: Naturschutz müsste mit Polizeigewalt durchgesetzt werden (Ranger und ähnliches sind ja schon ein Schritt in diese Richtung, der NABU HH fordert z.B. den Einsatz von Polizei in Naturschutzgebieten), dann wären wir auf dem besten Wege in die „Ökodiktatur“ ...
Demokratisierung des Naturschutzes
Alle gesellschaftlichen Bereiche müssen demokatisiert werden. Doch muss der Naturschutz darauf nicht warten, er kann auch eigenständig demokratisiert werden und damit am Ende sogar mehr und vor allem dauerhafter Naturschutz umsetzen. Selbst eine rein auf Naturschutzfragen beschränkte Demokratisierung würde Probleme lösen helfen. Denn Entscheidungen, die gemeinsam von allen Menschen einer Region erarbeitet und getroffen wurden, werden erfahrungsgemäß lange mitgetragen und auch umgesetzt. Ein Naturschutz, der auf demokratischen Entscheidungen vor Ort und freiwilligen Vereinbarungen beruht, basiert auf der Überzeugung der Menschen vor Ort. Ziel des Naturschutzes sollte es also sein, die Menschen vor Ort selber über die Nutzung ihrer Landschaft entscheiden zu lassen. Dies sollten aber nicht nur die GrundbesitzerInnen, die Gemeindeverwaltung oder gar irgendwelche FunktionärInnen-Grüppchen alleine tun, sondern immer die betroffenen EinwohnerInnen. Dabei haben alle AnwohnerInnen das gleiche Recht, Entscheidungen fallen im allgemeinen im Konsens. Wenn kein Konsens zu erzielen ist, entscheidet die Mehrheit. Gesellschaftliche Minderheiten müssen speziell berücksichtigt werden. Grundbesitz-/ nutzerInner sollten Änderungswünsche ihrer Nutzung zur Abstimmung stellen. Sie sollten nicht mehr Rechte haben, Luft und Böden zu verschmutzen, als andere Menschen. Sicher wäre es so schwierig, ganze Nationalparks oder auch Naturschutzgebiete auszuweisen, weil immer irgendwelche NutzerInnen Bedenken anmelden würden. Wenn dieses Konzept so umgesetzt werden würde, bräuchten wir allerdings auch keinen Nationalpark mehr. Und es gäbe dann weniger Kristallisationspunkte, an denen sich Konflikte aufschaukeln könnten. Auf Dauer könnte so ein Naturschutz wachsen, der auf Einsicht und demokratischer Entscheidung und nicht auf Druck von oben beruht.
Konkrete Schritte zur Umsetzung
- Freiwillige Vereinbarungen: Ganz einfach und ohne größere Anstrengungen könnte der Naturschutz auf der Basis freiwilliger Vereinbarungen intensiviert werden. Hierzu gibt es einerseits die staatlichen Möglichkeiten des Vertragsnaturschutzes, andererseits können sich freiwillige Vereinbarungen auch auf Flächentausch, gemeinsame Vermarktung, Erzeuger-Verbrauchergemeinschaften, Güllebörsen oder Wasserstandsregulierungen beziehen. Hierzu müssen alle AkteurInnen von der Notwendigkeit der Maßnahme überzeugt werden. Dies geht meist nur durch direkten Kontakt mit den Betroffenen und in persönlichen Gesprächen. Ist eine Maßnahme erstmal gut angelaufen, werden sich andere anschließen. Dieser erste Schritt ist unabhängig von einer veränderten Struktur der Naturschutzverwaltung sofort möglich und wird auch an vielen Stellen in Ansätzen praktiziert. Allerdings bewirkt der Verordnungsnaturschutz ein sehr schlechtes Image des Naturschutzes, was eine gewisse Skepsis bei vielen NutzerInnen gegenüber solchen Vorhaben bewirkt hat. Insofern wird dieser Schritt alleine kaum Verbesserungen bringen, erst in Verbindung mit den folgenden Schritten können sich freiwillige Vereinbarungen voll entfalten. Flächenankäufe sind zwar auch freiwillige Vereinbarungen, aber sie sind auf Dauer sehr teuer, weil neben dem Grunderwerb noch die Pflege dieser Flächen auf Dauer zu Buche schlägt. Nutzt der Landwirt die Fläche, fallen beide Kosten nicht an. Nur Ausgleichszahlungen für Nutzungsbeschränkungen müssten im Einzelfall ausgehandelt werden. Weiterhin spricht gegen Flächenaufkäufe, dass hier meist kleine und auf Grenzertragsböden wirtschaftende Betriebe Flächen abgeben und Großbetriebe immer größer werden. Der Aufkauf von Flächen unterstützt also die Konzentration der landwirtschaftlichen Betriebe und führt auf Dauer zur weiteren Vernichtung der kleinbäuerlichen Landwirtschaft.
- Einrichtung geeigneter Strukturen vor Ort: Naturschutz ist Basisarbeit, er findet vor allem an konkreten Projekten vor Ort statt. Naturschutz von unten muss also auch alle wichtigen Entscheidungen vor Ort selber fällen können. Eine elementare Voraussetzung für eine Demokratisierung des Naturschutzes ist daher die Einrichtung von BürgerInnenversammlungen, Naturschutzstationen, Naturschutz-AGs oder regionalen Umweltzentren. Alle Einrichtungen sollten für alle BürgerInnen offen sein und aus ihnen selber entstehen, also nicht von oben eingesetzt oder vorgeschrieben werden.
- Besonders geeignet erscheinen aus den bisherigen Erfahrungen die Naturschutzstationen oder Ökologischen Stationen, weil sie eineN festeN AnsprechpartnerIn in Sachen Naturschutz, an die sich die Bevölkerung wenden kann, darstellen (vergleichbar mit einer Kirchengemeinde). Die Naturschutzstation hat ein offenes Ohr für die Probleme der Menschen vor Ort und hat aber gleichzeitig die finanzielle und organisatorische Ausstattung, sich für die Belange des Naturschutzes einzusetzen, Projekte zu initiieren und Öffentlichkeitsarbeit zu betreiben. Die Naturschutzstationen haben ihr Ziel im Namen verankert und unterliegen nicht dem Druck von oben oder dem Zwang, Mehrheiten zu repräsentieren. Sollten also bestimmte Naturschutzvorhaben gerade nicht durchsetzbar sein, wird die Naturschutzstation noch mehr Menschen davon überzeugen müssen. Ihr Erfolg hängt direkt damit zusammen, wie sie Menschen überzeugen kann.
- Übergabe von Kompetenzen: Der nächste Schritt sollte die Übergabe von staatlichen Kompetenzen sein. Hier könnte der Anfang mit dem Vertragsnaturschutz gemacht werden, der schon jetzt in einigen Biologischen Stationen verwaltet wird. Anzustreben wäre aber auch, daß Kompetenzen für die Ausweisung von Schutzgebieten, Planungen oder die Mittelvergabe vor Ort geregelt werden. Hierzu wären sicher auch Gesetzesänderungen nötig.
- Auflösung von Verwaltungsstrukturen: Die Auflösung von Verwaltungsstrukturen ist auf Dauer eine der wichtigsten Voraussetzung dafür, dass Naturschutz von unten wachsen kann. Die Serviceleistungen der Naturschutzverwaltungen, wie z.B. Erfassung von Daten über Tier- und Pflanzenarten oder die Betreuung von Schutzgebieten könnten auch von Naturschutzstationen vor Ort übernommen werden. Überregionale Anliegen könnten von einzelnen Stationen übernommen werden (z.B. Wiesenvogelschutz übernimmt die Naturschutzstation, in einer Region mit einem hohen Wiesenvogelanteil). Eine Umstrukturierung der Naturschutzverwaltung hinein in die regionalen Strukturen (Stationen, Beauftragte) wäre nicht sinnvoll, da die bestehenden Feindschaften einfach weiter bestehen und kein echter Neuanfang möglich wäre.
Ziel: Demokratisierung in allen Bereichen
Neben den Naturschutzbereichen sollten auf Dauer alle den Landschaftsverbrauch betreffenden Entscheidungen (Straßenbau, Kiesabbau, Siedlungsbau, usw.) vor Ort gefällt werden. Dies würde den Naturschutz aufwerten, weil er nicht mehr übergeordneten Planungen unterzuordnen wäre. Sicher wäre es schwieriger, Großprojekte, wie Autobahnen oder den Transrapid durchzusetzen. Dies ist im Interesse des Naturschutzes. Gibt es allerdings einen echten Bedarf für ein Großprojekt, kann dies auch mit direkt-demokratischen Prozessen eine Chance haben, es würde dann aber von breiten Bevölkerungsteilen getragen und deren Belange in die Planung integriert.
Dauerhafte Ziele des Naturschutzes
Natürlich sollte ein Naturschutz von unten nicht beliebig sein und allen Konflikten ausweichen. Er sollte klare Ziele formulieren (im Rahmen regionaler BürgerInnenforen) und diese dann mit den Menschen umsetzen. Aufgabe einer Naturschutzstation wäre, hier immer wieder gleichberechtigt die Belange des Naturschutzes einzubringen. Die Umsetzung erfolgt wie oben beschrieben durch Kooperation und Mehrheitsentscheide. Folgende Ziele wären z.B. aus naturschutzfachlicher Sicht anzustreben:
- mindestens 15% Naturschutzfläche oder „Wildnis“
- Reaktivierung alter Nutzungsformen mit der dazugehörigen Vermarktungsstruktur
- Direktvermarktung und Ökolandbau
- Erhaltung bzw. Wiederherstellung von Kleinstrukturen (Knicks, Feldgehölze, Tümpel, usw.)
- Wiederherstellung des natürlichen Wasserregimes.
All diese Dinge können aber nicht auf einmal umgesetzt werden, sondern bedürfen der Überzeugung aller Beteiligten, hier spielt die Naturschutzstation eine wichtige Rolle. Trotzdem sollten diese und noch weitere Ziele möglichst von Anfang an klar benannt und einvernehmlich umgesetzt werden.
- Buchtipp: Unter dem Titel „Agenda, Expo, Sponsoring - Perspektiven radikaler, emanzipatorischer Umweltschutzarbeit“ ist im April 1999 im IKO-Verlag der Band 2 erschienen, in dem die Ideen und Strategien ausgeführt werden. Für 20 Euro auf http://www.aktionsversand.de.vu.
- Internetseite zu emanzipatorischer Ökologie: http://www.umwelt-und-emanzipation.de.vu
Vom Radieschen zur Revolution?
Wann wird Gärtnern politisch?
Die einfachste Antwort auf diese Frage liegt buchstäblich auf der Hand: in Form des Radieschens, das einen kleinen Teil zur Selbstversorgung beiträgt. Wer Essen selbst erntet, muss es nicht kaufen. Doch Selbstversorgung hat ihre Grenzen - gerade in der Stadt ist es nahezu unmöglich, sich komplett selbst zu versorgen. Daneben bleibt fraglich, ob die Idee einer autarken Wirtschaftsweise schon für sich eine wünschenswerte Utopie ist. Endet die Revolution im Garten also beim Radieschen? Bei einem „besetzten“ Stück Land, also einer Fläche, die ohne Erlaubnis der Eigentümerin zum Garten umgestaltet wird ist dies noch relativ klar: “Wenn das alle machen würden..“- dann würde die Idee vom „Eigentum an Land“ stark ins Wanken geraten. Doch: häufig hat gar niemand etwas dagegen, wenn Brachflächen „verschönert“ werden. Unter Umständen lässt sich sogar Unterstützung vom Eigentümer oder der Stadt bekommen. Was dann? Wie kann gerade ein legaler Garten politisch aktiv sein? Hier heißt es, gerade auch einen legalen Garten als politischen Freiraum zu begreifen, in dem versucht wird, Elemente einer herrschaftsfreieren Gesellschaft bereits zu leben, und von dem aus ein Kampf gegen die Verhältnisse besser möglich wird. Was aber heißt das in einem Garten?
- Eigentums logik entziehen: Das kann heißen, den Garten so weit wie möglich der Eigentumslogik zu entziehen. Wenn niemand als EigentümerIn das letzte Wort haben kann, sind auch alle NutzerInnen gleichberechtigt. So ist es viel leichter, auftretende Konflikte kooperativ zu lösen, da sich niemand auf „sein Eigentum“ berufen kann. Solch Niemandseigentum ist noch Utopie. Dem lässt sich nicht nur durch eine Besetzung näherkommen, sondern auch mit rechtlichen Konstruktionen. Das versuchen zum Beispiel die Stiftung Freiräume (www.stiftung-freiraeume. de.vu) und das Mietshäuser-Syndikat (www.syndikat.org). Doch nicht nur Rechtskonstruktionen sind wichtig, sondern der Gartenalltag, auch in bereits bestehenden Gartensparten: weg von umzäunten Mini-Parzellen hin zu einer gemeinschaftlichen Nutzung. Das muss nicht heißen „jedeR kümmert sich um alles“. Dieser Ansatz endet leider meist darin, dass niemand etwas macht. Ideal wäre eine Mischung: klare, selbstbestimmte Verantwortlichkeiten, ein bunter Mix aus individuell beackerten Beeten und Gemeinschaftsflächen. Wichtig ist, dass es immer möglich ist, zu verhandeln, wer welche Flächen wie nutzt. In einem Garten ist dies günstigerweise die Zeit nach der Ernte oder vor der Saat. Wichtig ist es, hierfür so weit wie möglich Transparenz zu schaffen. Eine zentrale Infowand mit Grundriss, auf der einzelne einzeichnen, was sie dort machen wollen; kleine Schildchen an Beeten, wer sich gerade drum kümmert; eine Gartenvolxküche zum gemeinsamen Austausch... Möglichkeiten hierfür gibt es viele.
- Interne Hierarchien: Den Garten als Freiraum zu nutzen, heißt natürlich auch, Hierarchien unter den GärtnerInnen möglichst abzubauen. Es ist offensichtlich, daß ein Verein da keine geeignete Organisationsform ist. Aber selbst der Eindruck, dass ein Garten von einer „festen Gartengruppe“ besessen wird, kann abschreckend wirken, und schafft eine Hierarchie zwischen „Gruppenmitgliedern“ und „Außenwelt“. Je offener der Garten ist, desto wahrscheinlicher ist es, dass der Garten von vielen unterschiedlichen Menschen genutzt wird - umso wichtiger wird es aber auch, auf andere zuzugehen, und eine gewisse Verbindlichkeit in Absprachen einzuhalten. Eine „feste Gruppe“ wirkt wie ein Gartenzaun: beides ist eine deutliche Abgrenzung. Das kann unter Umständen sinnvoll sein, um sich vor unachtsamen Betrunkenen, querparkenden Autos und gassigehenden HundebesitzerInnen zu schützen. Die Abgrenzung wirkt aber gerade dadurch, dass sie an die Eigentumslogik anknüpft, wie auch ein Zaun immer vermittelt: „Achtung, dieses Stück Land gehört jemandem.“ Konsequenter ist es, sich die Offenheit zu bewahren, und Probleme kommunikativ und nicht durch Abgrenzungen zu lösen. Das ist auch viel praktischer: sympathisierende NachbarInnen schützen einen Garten um vieles besser als ein Gartenzaun.
Um Missverständnissen vorzubeugen: ein ,politischer' Garten ist nicht der, in dem alle NutzerInnen eine Liste von politischen Forderungen unterschreiben, oder täglich eine schwarzrote Fahne gehisst wird. „Politisch“ heißt zuerst einmal, dass politische Ziele, wie der Kampf gegen Herrschaft sich auch in der Struktur des Gartens widerspiegeln. Zum Beispiel: niemand sollte für den Garten als Ganzes sprechen können. Der Garten dient für alle Beteiligten nur als Plattform. Alle haben die gleichen Möglichkeiten auf seine Ressourcen zuzugreifen. Konkret: ein anarchistisches Manifest, das „der Garten“ veröffentlicht, ist schon darum zweifelhaft, weil es eine gemeinsame Identität schafft, und Unterschiede glattbügelt. Wichtiger als ein geschlossenes politisches Auftreten ist eine offene lebhafte Debatte. Das bedeutet nicht, dass das anarchistische Gartenmanifest nicht veröffentlicht werden soll, aber eben nicht als „Gesamtmeinung“ sondern als ein Standpunkt. Die gleichen Möglichkeiten stehen allerdings auch einem eher konservativen Gegenmanifest zu, das an der Infowand daneben aushängt, und ebenso Reaktionen darauf. Die Dynamik einer solchen Diskussionskultur ermöglicht es, auch in ganz praktischen Fragen zu viel interessanteren Ergebnissen zu kommen, als wenn Einzelne die Dinge aus gutem Willem vorentscheiden. Oft sind gerade die politisch Aktiven hierfür anfällig. Doch: politische Ansprüche beweisen sich in der Praxis. Natürlich heißt das nicht, dass mensch jedes Verhalten erleiden muss. Viel konsequenter ist es aber, auf sexistisches Verhalten (oder lärmendes Biertrinken oder Beleidigungen) direkt einzugehen, und den Handelnden darauf anzusprechen, als hinterher einen „Ausschluss“ zu fordern. In der Debatte sollten Herrschaftsmittel wie „Ausschluß“ aus dem Garten selbst ausgeschlossen sein, da sie das herrschaftsförmige Handeln nur auf anderer Ebene wiederholen. An deren Stelle tritt die direkte Kommunikation.
- Kommunikation: Ein Garten kann zum Ort der Kommunikation werden. Das ergibt sich häufig wie von selbst, schon dadurch dass AnwohnerInnen auf ein Gespräch in den Garten kommen. Manchmal treffen Welten aufeinander ... Spannend ist es, diese Kommunikation ganz bewusst zu fördern. Das geht schon los mit einer frei zugänglichen Sitzecke im Grünen, muss da aber nicht enden. So beackern in Göttingen MigrantInnen (oft Kriegsflüchtlinge) und Deutsche gemeinsam mittlerweile vier „Internationale Gärten“. Politisch ist solch ein Ort der Kommunikation auf zweierlei Weise: einmal können Menschen, die von der Gesellschaft an den Rand gedrängt werden, hier wieder einen Raum finden. Zum anderen kann der Garten die Selbstorganisation im Stadtteil unterstützen. Wo selbstbestimmte Strukturen bestehen, ist es viel leichter auch weitere Schritte zu gehen: ob beim Aufbau eines Umsonstladens oder bei der Bildung von Initiativen gegen den Bau einer neuen Straße. Politisch wird ein Garten insbesondere auch durch die Verknüpfung mit anderen Projekten: wenn eine Vielzahl von Projekten (ob Gärten, besetzte Häuser, Food-Coops oder politische Gruppen) existiert, die auf vielfältige Weise kooperieren, werden diese viel eher, und vor allem viel glaubwürdiger als realistische Elemente einer anderen Gesellschaft wahrgenommen.
- Gefahren: Abgesehen von widerspenstigen „Eigentümern“ gibt es für eher dauerhaft angelegte Projekte vor allem drei Gefahren: das Einschlafen, das Abkapseln und die politische Anpassung. Die Euphorie am Anfang eines Gartens, besonders einer Gartenbesetzung ist häufig groß, läßt jedoch in der Regel nach ein paar Monaten Umgraben und Unkrautzupfen stark nach. Spätestens, wenn in der Sommerhitze keineR daran denkt zu gießen, ist der Garten hin. Sich zu Beginn darüber auszutauschen, wer welche Interessen hat, und klare Absprachen zu treffen, kann dabei helfen Motivationstiefs zu überwinden. Und nicht zu vergessen: das Feiern im Garten. Der Garten ist schließlich nicht nur zum Arbeiten, sondern auch zum Genießen da. Wenn ein Garten länger besteht, ist die Gefahr des Abkapselns sehr groß. Die GärtnerInnen kennen sich gegenseitig besser, vergessen Außenwelt und politische Ansprüche, bis der Blick nicht mal über das eigene Möhrenbeet hinausreicht. Doch auch ein politisch aktiver Garten ist vor Anpassung nicht gefeit. Das Beispiel der Internationalen Gärten zeigt, wie etablierte Politik es schafft, ein gutes Projekt zu vereinnahmen. Das kann mit geldwerten Auszeichnungen verbunden sein, die in der Tat eine recht praktische Hilfe im Projekt sind. Groß ist aber die Gefahr, davon abhängig zu werden, oder gar zum Aushängeschild des maroden Staates zu werden. Wichtiger aber als alles Geld ist Autonomie. Geld wird da in der Regel kaum gebraucht, wo ein Projekt breite Unterstützung erfährt. Auch und gerade in einem politischen Garten kann es nie nur um den Garten selbst gehen. Allein ist er viel zu schnell von den eben beschriebenen Gefahren betroffen. Doch wenn hinter einem Garten eine lebendige soziale Struktur steht, so wird es selbst bei einer Räumung immer wieder möglich sein, einen Garten zu besetzen. Die Geschichte der jahr(zehnt)elangen Auseinandersetzungen um den „people's park“ in Berkeley ist ein Beispiel dafür (Fotos bei: http://www.peoplespark.org). Wer sich aber vor lauter Angst um seine Möhren an Eigentumsrechte zu klammern versucht, gibt jeden politischen Anspruch von vornherein auf. Damit diese politische Wahrnehmung auch greift, ist ein weiteres Element wichtig: die offensive politische Vermittlung. Damit ist (s.o.) wieder nicht gemeint, dass der Garten als Ganzes politisch geschlossen auftreten sollte. Der Garten sollte nur alle Möglichkeiten zur politischen Auseinandersetzung bieten. Nutzen wir sie!
- Politische Inhalte: Inhalte, die sich mit einem Garten gut verknüpfen lassen, sind vielfältig: Stadtökologie und Naturpädagogik zum Beispiel stehen im Zentrum der Arbeit des php4 Leipziger Stadtgartens Connewitz, der Seminare und Führungen dazu anbietet. Auch die Verbindung zu Themen wie Gentechnik, Artenvielfalt und industrieller Landwirtschaft ergibt sich leicht. Bei der Verwendung von Saatgut seltener Kulturpflanzen kann diese Verbindung sehr greifbar werden.
- http://www.inka-ev.de
- http://www.nutzpflanzenvielfalt.de
Gerade Themen, die eher fern zu liegen scheinen, sollten nicht gescheut werden. Ob über Landlosenbewegungen in Lateinamerika oder Aneignung - das Publikum wird zu einem Infoabend in einem Garten ein ganz anderes als in einem Autonomen Zentrum sein. Ein Garten kann ein guter Einstieg sein: wer einen Garten besetzt, wird auch einem besetzten Haus gegenüber aufgeschlossener sein. Last but not least: gesellschaftliche Visionen. Das Radieschenbeet ist zwar nur ein winziger Schritt der Aneignung der Produktionsmittel. Doch wenn es gelingt, zu vermitteln, dass es sich lohnt, sich mit dem Radieschen nicht zufrieden zu geben, dann wird auch die Revolution denkbar.