Aneignung

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Inhaltsverzeichnis

Aneignung jetzt!

Eigentum liquidieren ++ Häuser und Betriebe besetzen
Umweltschutz von unten: ++ Flächen ohne Besitz schaffen!

Aneignung bedeutet in diesem Text, Ressourcen, Flächen, Häuser, Fahrzeuge, Wissen und alles, was bisher durch Besitz nur eingeschränkt zugänglich und nicht gleichberechtigt nutzbar war, genau dieser Eigentumslogik zu entreißen und offen nutzbar zu machen. Es ist also nicht wie (der oft ebenfalls sinnvolle) Diebstahl oder Raub, denn dieser überführt Eigentum von einem zum anderen - im günstigen und politisch durchdachten Fall eine Umverteilung von oben nach unten. Sondern sie bricht mit der Logik des Eigentums, entreißt BesitzerInnen von Kapital und Möglichkeiten diese, um sie gleichberechtigt allen zugänglich zu machen.
Die Aktionsform ist:

Aneignung ist aber nicht immer ein politischer Vorgang. Sie kann auch, dann in der Logik von Diebstahl oder Raub, der Ausdehnung privater Möglichkeiten dienen. Das ist in vielen Fällen als Teil emanzipatorischer Politik gut begründbar, wenn z.B. Kinder/Jugendliche der dominanten Erwachsenenwelt Räume entziehen und diese auch nur für sich nutzen wollen. Oder in ähnlicher Logik Frauen gegenüber Männern, Nicht-Deutsche gegenüber Deutschen usw. Öffentlich-emanzipatorische Projekte mit politischer Ausstrahlung entstehen aber erst dort, wo das, was angeeignet wurde, nicht neu der Eigentumslogik, dem Hausrecht usw. unterworfen wird, sondern offen steht - unter der kämpferischen Zielrichtung, dass die Normalität von Herrschaftsbeziehungen nicht wieder zurückkehren kann bzw. dauerhaft angegriffen und Stück für Stück zerstört werden soll.
Aneignung kann ganz unterschiedlich aussehen - je nach gewünschter Wirkung und je nach dem, was angeeignet wird. Die folgenden Beispiele zeigen auf, wie vielfältig Aneignung in Alltag und Gesellschaft möglich ist. Die Reihe ist jedoch unendlich fortsetzbar - was in Theorie und Praxis auch zu hoffen ist. Denn Aneignung gehört zu einem der wichtigsten Elemente der praktischen Umsetzung von herrschaftsfreier Gesellschaft. Nicht die Theoriezirkel in den Hinterzimmern oft wohlsituierter Staatsangestellter werden die Welt verändern, sondern diejenigen, die mit emanzipatorischen Zielen und intensiver Reflexion über Herrschaft und ihre Ausformungen in die kämpferische Befreiung immer neuer Teile von Gesellschaft ziehen und daran Visionen thematisieren. Ob diese Teile Flächen, Häuser, Produktionsmittel, Wissen oder Organisierungsformen sind, ist dabei gleichgültig. Aneignung ist es immer, wenn etwas aus dem Eigentum entrissen und gleichberechtigt nutzbar gemacht wird.

Häuser und Flächen besetzen

Grundeigentum ist eine der wichtigsten Grundpfeiler dieser Gesellschaft. Über Häuser und Grundstücke wird die Möglichkeit zur freien Entfaltung sowie, im Kapitalismus, die zur Wertschöpfung dauerhaft und trennscharf sehr unterschiedlich auf die Menschen verteilt: Einige haben sehr viel (vor allem staatliche und staatsnahe Institutionen, Firmen und einige Reiche), andere wenig und viele gar nichts. Zur Befriedigung von Grundbedürfnissen und zur freien Entfaltung ist der Zugang zu Häusern und Flächen aber von großer Bedeutung. Umgekehrt bedeutet der herrschaftsförmige Zugriff auf Flächen (beim Staat zusätzlich das Recht auf Enteignung, also „Aneignung von oben“) eines der wichtigsten Mittel der Steuerung von Herrschaft, z.B. zur Abwälzung von Umweltfolgen der Profitmaximierung auf periphere Gegenden.

Freiräume schaffen und sichern

Da das Grundeigentum eine der wichtigsten Säulen der Gesellschaft ist, stellt der Bruch dieser Rechtsabsicherung Normalität in Frage. Visionär wird das Projekt aber nur dann, wenn der angeeignete Raum wiederum eigentumslos organisiert wird, d.h. die dortigen Möglichkeiten nicht unterschiedlich zugänglich sind (Schlüsselgewalt für Räume oder Passwörter für Technik nur bei wenigen) oder gar ein eigenes Hausrecht neu geschaffen wird, um interne Konkurrenzstärke zu organisieren. „FreiRäume“ als gegengesellschaftlich-herrschaftsfreie Bereiche sind nur dort möglich, wo Herrschaft in der gesamten Komplexität zurückgedrängt und formale Macht gänzlich abgeschafft wird.
Die Ordnungskräfte der bestehenden Gesellschaft werden viel daransetzen, die Aneignung von Grundstücken mit anschließender Liquidierung von Eigentumsrechten zu verhindern oder im Falle des Falles wieder rückgängig zu machen. Damit muss von Beginn an gerechnet werden. Wer Aneignung als gegengesellschaftliches Projekt begreift, kann eine Besetzung nur als offensive Aktion organisieren, d.h. Räumungen und Repression von vorneherein als Teil der Aktion einbauen. Es geht bei emanzipatorischem Verständnis nicht darum, eigentumsähnliche Situationen in Häusern durchzusetzen, sondern die Aneignung als Kampfansage an eine herrschaftsförmige Weltordnung zu begreifen. Vielfältige Aktionen, die die Idee der Eigentumslosigkeit nach außen tragen, sind das Politische an der Aneignung. Spießige „Jetzt-ist-das-unsers!“-Mentalität ist nur die Kehrseite von Rechtsstaat und Bürgerlichkeit.

Beispiele, Ideen usw. für Aneignungen und offene Strukturen:

Reclaim the Streets (... the night, the park ...)

Demonstrationen und Kundgebungen beziehen sich meist auf offizielles Recht. Nicht selten wird das Demorecht sogar als Errungenschaft bezeichnet, die es zu verteidigen und anzuwenden gelte - dabei ist es nur noch ein kleiner Rest, in dessen Rahmen stark kanalisierte Protestformen möglich sind. Dass Papi Staat und seine Getreuen (Ordnungsamt, Bullen usw.) darauf drängen, dass Protest (wenn er schon nicht verhinderbar ist) als Demo angemeldet und mit allen dazugehörigen Auflagen durchgeführt wird, sollte eigentlich stutzig machen. Das geschieht aber regelmäßig nicht. „Reclaim the street“ ist ein Gegenmodell. Das geltende Recht und die normalen Zonierungen von Städten und Verkehrsflächen werden nicht akzeptiert. Stattdessen werden Flächen und Straßen besetzt - denkbar ist eine Strategie, sehr wendig und flexibel zu sein, d.h. den anrückenden Bullen immer wieder zu entwischen und sich an verabredeten neuen Plätzen wieder zu treffen. Dort beginnt wieder alles von vorne. Wesentliches Element ist die Hoffnung, daß kreativ-spontanes Handeln bei guter Vorbereitung (Ortskenntnis, Verabredungen, Stadtpläne, handlungsfähige Kleingruppen usw.) einer Hierarchie wie den Bullen hinsichtlich Wendigkeit und Schnelligkeit überlegen ist. „Reclaim the street“ will Lebendigkeit und lustvolles Leben ausdrücken - es ist daher in der Regel verbunden mit Tanz und vielen kleinen Aktionen (Theater, Sabotage und mehr). In England ist schon mal während einer Reclaim-the-street-Party eine Straße unauffällig mit Presslufthammern vernichtet worden. Die zweite Variante ist die der schnellen Absicherung gegen Räumung. Ein gutes Instrument dazu sind Tripods, d.h. Dreigebeine (z.B. aus drei Gerüststangen mit zwei Gelenken und eventuell kleinen Querstangen) mit einem Sitzplatz oder Hängematte in der Spitze). Diese können schnell transportiert und aufgebaut werden, sind aber schwer zu räumen. Beide Formen (Wendigkeit und Räumungsschutz können auch verbunden werden).
Reclaim-the-Street-Parties können so organisiert werden, dass möglichst oft Bereiche mit viel Verkehr oder FußgängerInnen einbezogen werden, um so direkte Kommunikation zu schaffen. Wo z.B. große Straßen FußgängerInnenbereiche zerschneiden und lahmgelegt werden, wird sehr schnell überall diese Straße als autofreie Zone benutzt - Aktion und Normalität mischen sich. Nach dem Vorbild der RTS sind in der Vergangenheit auch Reclaim-the-park oder Reclaim-the-night als Aktionsformen entwickelt worden. Letztlich ist alles möglich - von der Kreuzung bis zum Rathaus (z.B. ganz wendig als „Reclaim-the-power“ von einer Behörde zur anderen). Eine Mini-Ausgabe der RTS ist die Critical Mass: Per Fahrrad einfach spontan-chaotisch fahren. Nicht als Demo, sondern als zufälliges Zusammentreffen.

Copyright brechen, Wissen verfügbar machen

Auf fast allen Ideen, Erfindungen und vielem anderen liegt ein Copyright. Mit Patenten, Urheberrechten (die auch von vielen sog. „Linken“ verteidigt/eingefordert werden) und Lizenzen wird der Zugriff von Menschen auf Wissen und Technik genauso reguliert und herrschaftsförmig gestaltet wie bei Grundeigentum und Besitz an Produktionsmitteln. Wissen für alle freizugeben, ist allerdings vom Gesichtspunkt einer emanzipatorisch-widerständigen Praxis einfacher als mit materiellen Dingen. Zwar ist das Veröffentlichen von Software-Sourcecodes oder der Copyrightbruch verboten, aber oft einfach möglich. Die (wegen der Strafbewährung lieber anonym organisierte) massenhafte Verbreitung geschützten Wissens ist eine offensive politische Aktion, wenn sie mit genau dieser Vermittlung für „Freies Wissen“ erfolgt - also nicht zur eigenen Bereicherung u.ä. Denkbar ist auch - im Sinne kreativer Antirepression - ganz gezielte, kleine aber öffentlichkeitsstarke Copyrightbrüche einzugehen, um die dann eintretende Repression zur Vermittlung zu nutzen.
Vor allem der öffentlichen Vermittlung dient das Verändern der geschützten Produkte selbst. Wenn auf Büchern, CDs usw. die Preise auf Null gesetzt und/oder ein Aufkleber zu finden ist (am besten massenweise), der erklärt, dass Preise und Wertsetzung dem Profit und der Organisierung von Ungerechtigkeit dienen, demgegenüber eine andere Utopie denkbar wäre, kann das eine sehr direkte Vermittlung an viele Menschen sein - genau am Ort, wo spürbar ist, wie eingeschränkt der Zugriff auf Wissen und Ressourcen unter Eigentumsrecht ist.

Betriebe und Produktionsmittel übernehmen

Was für Häuser, Grundstücke und Wissen gilt, gilt überall. Besonders wichtig sind Produktionsmittel wie Maschinen, Rohstoffe usw. Viele davon werden gar nicht mehr gebraucht und können sogar einvernehmlich vom Eigentum befreit werden - z.B. leerstehende oder nicht mehr genutzte Werkstätten. Wichtig ist auch hier: Es kommt nicht nur darauf an, sie kapitalistischer Verwertung zu entziehen, sondern sie von der Eigentumslogik zu befreien. Wenn Produktionsmittel statt in Firmen in Kommunen oder anderen sog. alternativen Projekten gehortet und gegenüber Außenstehenden verschlossen werden, ist wenig gewonnen.
Spannend ist die Frage der Aneignung für Arbeitskämpfe. Streiks sind ein Appell an die Herrschenden und wollen deren Verhalten netter gestalten, aber Herrschaft nicht aufheben - nicht mal ein Stückchen. Visionär wäre die Aneignung, d.h. die Besetzung der Firma und die Aneignung des Produktionsprozesses. Allerdings - das ist kein Zufall - ist das nicht erlaubt. Arbeitskämpfe in anderen Ländern, in denen das ebenfalls nicht erlaubt ist, zeigen aber, dass solche von vielen durchgeführten Aktionen in der Regel nicht verfolgt werden.

Umweltschutz von unten in Praxis

Flächen von Eigentum zu befreien, gehört zu Aktionen nach einem Verständnis von Umweltschutz, die fast nirgends diskutiert und erst recht nicht angewendet wird - der Verbindung von Ökologie und Selbstbestimmung. „Normaler“ Umweltschutz appelliert an Menschen in ihrer Funktion als BesitzerInnen, KonsumentInnen usw. - also immer in voller Eigentumslogik. Oder an den Staat bzw. an Firmen, die ihre Machtmöglichkeiten nutzen sollen zugunsten von Tieren, Pflanzen und Lebensgrundlagen. Spannend ist schon die Theorie der emanzipatorischen Ökologie: Flächen und Rohstoffe der Eigentumslogik entziehen und dann der Kooperation von Menschen zu überlassen, wobei niemand von diesen mehr über Machtstrukturen bestimmen kann, was mit einer Fläche geschehen soll. Mensch stelle sich das vor: Ein Innenhof, bei dem die Menschen, die dort wohnen, sich frei einigen können (ohne Regeln, HausbesitzerInnen usw.), wie sie ihn gestalten. Oder Freiflächen, Landschaft usw. um einen Ort. Wenn der Abbau von Rohstoffen immer voraussetzt, dass die Menschen dem zustimmen, werden sie sich für selbigen eher interessieren. Sie müssen immer gewonnen werden dafür, dass der Rohstoff genutzt wird - was umwelt- und menschenverträgliche Verfahren ihrer Gewinnung fördern wird. Die Angst, dass Menschen dann, wenn sie über ihre Umwelt Gestaltungsmacht haben, diese bis in letzte ausrauben, ist ein Märchen des Kapitalismus. Tatsächlich ist es der Verwertungszwang und die Existenz von Herrschaft selbst, der dazu führt - denn nur dann sind die Folgen von Umweltzerstörung auf andere, die nicht zustimmen müssen, abwälzbar. Eigentumsfreiheit auf Flächen und die kooperative Entscheidung von Menschen, was mit ihnen geschehen soll, bieten spannende, nicht kalkulierbare, aber eben gleichberechtigte Möglichkeiten, Umweltschutz als Vorschlag einzubringen und so zu formen, dass er mit anderen Interessen vereinbar ist. Solche Projekte können Anfänge einer Debatte um andere Strategien des Umweltschutzes ein, aber auch wieder der Auslöser zu visionären Diskussionen.

Theorie eines visionären Umweltschutzes
Aneignung von Flächen mit dem Zweck, Umweltschutz in die dann herrschaftsstrukturfreie Kooperation von Menschen gleichberechtigt einzubringen, fördert die Debatte um Visionen. Umweltschutz ist dann nicht länger ein Teil des als autoritär empfundenen Staates, sondern der Anfang von etwas Neuem. In den Idee des emanzipatorischer Umweltschutzes („Umweltschutz von unten„) werden die Menschen zu AkteurInnen. Die Straßen, Häuserblöcke und Landschaften müssen den Menschen gehören, die in ihnen leben. Niemand kann über Flächen und Orte bestimmen, ohne selbst betroffen zu sein. „Demokratisierung von Flächen- und Rohstoffverbrauch“ (ständige Steigerung von Mitbestimmung) heißt das Gegenkonzept zu Ordnungsrecht oder dem kapitalistischen Instrument Ökosteuer. Vision ist eine Welt von unten. Die kleinen Schritte dahin bestehen aus konkreten Projekten, die die interesierten und betroffenen Menschen zu den EntscheiderInnen machen: Windanlagen, die den Menschen drumherum gehören (statt teurer Großanlagen ohne örtliche Akzeptanz), Stromnetze im Besitz der BürgerInnen, ökologische Bauernhöfe im Gemeinschaftsbesitz, lokale Ökonomien ohne Apparate, Selbstverwaltung ohne Parteien, Behörden, Vorstände und vieles mehr. www.projektwerkstatt.de/uvu.

Visionen debattieren

Mit allen Aktionen der Aneignung kann und sollte die Debatte um Visionen verbunden werden. Einmal bietet das konkrete Projekt Ansätze, denn die Frage des „Was ist, wenn alle das machen/das überall so wäre?“ kommt schnell auf bzw. wird schnell von Außenstehenden gestellt. Darüber entsteht das Gespräch zu weitergehenden Entwicklungen und Utopien. Zudem lässt sich die Debatte auch selbst anzetteln:

Diskussionen und Text zu herrschaftsfreier Gesellschaft: http://www.herrschaftsfrei.de.vu.


Tipps für Flächenbesetzungen

Ein Golfplatz soll gebaut werden. Oder eine Autobahn. Die Aussaat auf einem Genversuchsfeld steht bevor. Morgen ist Spatenstich für ein neues umweltzerstörendes Großkraftwerk. Die grüne Wiese soll mal wieder zu einer Konsumfläche plus Parkplätzen werden. Diese und viele Gründe können für eine Besetzung sprechen.
Flächenbesetzungen sind ein Mittel neben mehreren anderen, Protest zu artikulieren. Sie bieten aber Chancen, die mit anderen Methoden nur schwer zu erreichen sind, weshalb sie in vielen der genannten oder ähnlichen Fällen als ein Teil vielfältiger Widerstandsmischungen dazugehören sollten. Diese sind u.a.

Beispiel: Gentechnikflächen in den 90er Jahren
Es gibt mehrere Gründe, warum die Kritik an Gentechnik gerade in Deutschland weit verbreitet ist. Einer ist, dass der Protest (ähnlich wie der gegen Atomkraft) widerständiger und direkter ausfiel als in vielen anderen Industrienationen. Hauptanteil daran hatten Feldbesetzungen. Ab 1992 wurden immer wieder Flächen vor der Aussaat erobert, mit Zelten, Bauwägen, Lock-ons und vor allem Türmen gesichert. Überall brach in den Tagen danach die Debatte aus, Veranstaltungen und Diskussionen füllten Hallen, schließlich spazierten jeden Abend viele, manchmal Hunderte von AnwohnerInnen auf das besetzte Feld mit Kuchen oder Kritik im Gepäck. Die offene Auseinandersetzung war nicht mehr aufzuhalten.
Einige der Felder wurden geräumt, aber die Aktion hatte Spuren hinterlassen. Vielfach wurden später die mit Polizeigewalt durchgesetzten Felder nachts zerstört mit breitem Applaus in der Region. Hessen wurde sogar ganz offiziell von den Gentechnikfirmen nach etlichen Besetzungen und Zerstörungen aufgegeben.
Doch das ist lange her. Direkte Aktion geriet in Vergessenheit, die professionellen Umweltverbände übernahmen das Geschehen, druckten bunte Postkarten, Prospekte und aufblasbare Tomaten. Die Kontonummer vergaßen sie ebenso selten wie die Distanzierung von den bösen Zerstörungen und Besetzungen. Das Ergebnis konnte sich sehen lassen: Solch ein zahmer Protest reicht nicht. Mitte des folgenden Jahrzehnts waren Felder mit gentechnisch veränderten Pflanzen weit verbreitet. Erst jetzt rückte zaghaft die öffentliche, direkte Aktion wieder in den Vordergrund. Den Anfang machte 2005 die Kampagne Gendreck weg, die obwohl gewaltfrei und eher bürgerlich-zahm, den etablierten Verbänden schon zu weit ging. BUND und andere distanzierten sich im Akkord. Doch das hielt die Sache nicht auf. Ein Jahr später gelangen die ersten drei offenen Befreiungen: Oberhoihingen, Badingen, Gießen. Und 2007 versuchte eine Runde entschlossener Menschen in Groß Lüsewitz endlich wieder eine Feldbesetzung, die knapp, aber spektakulär scheiterte. Die Wirkung der 90er-Jahre-Aktionen konnte sie aber trotzdem wiederholen: Das Geschehen war tagelang Thema im nahen Dorf und die dortigen Gentechnikmafiosi vom Ag(g)ro-Biotechnikum gerieten unter Druck. Erklärten sie sonst immer ihre Gesprächsbereitschaft, schlossen sie sich nun in ihrem Palast ein ...

Vorbereitung und Durchführung

Es lohnt sich, die in Frage kommenden Flächen und die Umgebung genauestens zu überprüfen. Nicht die Zahl von Laber- oder Bündnistreffen entscheidet über die Qualität der späteren Aktion, sondern die Aneignung von Know-How, das richtige Material und eine gute Kenntnis der Lage vor Ort. Kriterien bei der Auswahl der Fläche sind:

Entscheidend sind auch die Zugänge. Je nach Art der Besetzung sind Befestigungen und Materialien sinnvoll, die die Räumung erschweren. Die aber müssen auch auf die Fläche gebracht werden. Wer einen hohen Turm aus Bäumen bauen will, muss einen Wald in der Nähe haben. Transportwege müssen gut gangbar, aber auch unbeobachtet sein. Gehören Wald oder Alleebäume zur besetzen Fläche, sind überhaupt erst Besetzungstechniken wie Baumhäuser möglich, andere wie Walkways (Stahldrähte zwischen Bäumen) möglich.

Strafrecht

Das Überraschende: Besetzungen allein sind meist gar nicht strafbar. Wenn die Fläche noch nicht genutzt und eingezäunt ist, wird es schwer, Hausfriedensbruch oder Sachbeschädigung zu konstruieren (versuchen werden es verfolgungswahnsinnige Uniformierte oder RobenträgerInnen aber oft schon). Erst nach der klaren Aufforderung, ein Gelände zu verlassen, kann Hausfriedensbruch geahndet werden.
Allerdings hilft Kreativität immer. Sollte das Gelände eingezäunt oder per Schild als Betreten verboten gekennzeichnet sein, so muss erstmal der Zaun oder das Schild weg, z.B. in der Nacht vorher. Wer das war keine Ahnung. Die Flächenbesetzis aber kamen erst, also Zaun oder Schild weg war. Also kein Hausfriedensbruch. Klare Anweisungen können auch schnell unklar gemacht werden. So wurde auf einem besetzten Genfeld in Iba (Osthessen) vom Besitzer die zu räumende Fläche mit Sportplatzkreide gekennzeichnet. Am nächsten Morgen war die Linie verlegt - Stück für Stück abgetragen und woanders wieder aufgebracht ...
Strafrechtliche Folgen entstehen eher im Umfeld, z.B. der Klassiker Widerstand gegen die Staatsgewalt (ein Uniformierter erzählt dem Richter, er sei geschubst worden ...). Aber das kann auch beim Postkartenverteilen passieren. Wer den Mächtigen ein Dorn im Auge ist, bekommt deren schmutzige Tricks manchmal zu spüren. Wer ihnen kein Dorn im Auge ist, na ja ... kann auch zu Hause bleiben.
Ein Widerstandsdorf ist immer eine Mischung aus vielen Aktionsmethoden. Damit die Besetzung auch eine Weile hält, sollten Befestigungsideen immer eine Rolle spielen. Rundherum aber ist alles möglich von der Party über Gratisessen, gute Flugblätter, Fakes der Gegenseite, eine eigene Gegendemonstration gegen sich selbst bis zu nächtlichen Ausflügen in die Umgebung voller Plakate, Schilder, Institutionen und Firmen. Zwei besondere technische Befestigungen sollen etwas ausführlicher vorgestellt werden. Für eine konkrete Durchführung reicht das nicht, aber als Einstieg. Genauere Informationen finden sich im Internet und in der Blockadefibel (http://www.aktionsversand.de.vu). Außerdem heißt es: Üben, üben, üben! Denn auf der Fläche soll es schnell und unauffällig gehen. Die Sachen müssen stehen, bevor die Uniformierten ihre parteiischen Gegenaktion starten und Baustellen, Autobahnen, Genversuchsfelder zu retten versuchen ...

Genauere Texte zum Bau von Türmen, Tripods und Lock-ons finden sich im Direct-Action-Kalender 2008 und auf den Extra-Seiten zu Besetzungen auf http://www.direct-action.de.vu

Besetzungstürme

Um bei Flächenbesetzungen eine schnelle Räumung zu verhindern, lohnt es sich, einen Turm aufzustellen. Das wirkt offener als Befestigungsanlagen wie Zäune und Gräben, hindert die „Freunde und Helfer“ aber trotzdem, euch einfach vom Platz zu fegen.

Damit der Turm während des Hochziehens nicht kippt, muss alles genau ausgerichtet werden: Die Spitze des Dreibeins, des Zweibeins und der Punkt, wo gezogen wird müssen sich auf einer Linie befinden. Nachts im Dunkeln eignen sich z.B. Fahrradblinklichter dazu.

Und dann kann es endlich losgehen: Das Kletterseil wird angebracht, alle außer den Leuten zum Ausrichten und den Einweisenden gehen aus der Schussbahn und der Turm hebt sich langsam gen Himmel...

Tripod: Die kleine Schwester des Turms

Für ein einfaches Tripod benötigst du:

Der Aufbau läuft dann so:

Das Schwierigste an der ganze Sache ist das Aufrichten des Tripods. Da heißt es: Vorher üben, üben, üben.

Lock-ons: Anketten der gehobenen Art

Am einfachsten ist es natürlich, sich mit Ketten oder Bügelschlössern (fürs Fahrrad) an z.B. Werktore, Schwermaschinen, Bäume usw. anzuschließen). Auch ganz einfach und effektiv ist Kraftklebstoff, der in Vorhängeschlösser und Türschlösser gespritzt wird. Bei Radbügelschlössern um den Hals ist es sinnvoll, zu zweit zu arbeiten. Die eine Person hilft beim Anschließen, und, wenn an eine Maschine angeschlossen wird, sagt dem/der FahrerIn was passiert und daß die Maschine nicht mehr bewegt werden darf. Bei solchen Aktionen solltest Du Dir die Stelle, an die Du Dich anschließt, gut aussuchen, denn es kann lange dauern, bis Du wieder frei bist. Evt. Kissen und Decke mitnehmen (wird aber oft weggenommen). Die Schlüssel kannst Du entweder selbst behalten oder (da Du durchsucht werden könntest) einer Bezugsperson geben, die die ganze Zeit in Hörweite bleibt, für den Notfall. Passt aber gut auf, an welche Stelle Ihr Euch ankettet - die Polizei könnte all Eure Decken wegnehmen, Euch von anderen Demonstrierenden isolieren und die Sicht auf Euch abschirmen. Das kann Angst machen.


Naturschutz von unten! Ein neuer Naturschutz mit den Menschen

Der Verordnungsnaturschutz stößt heute an seine Grenzen. Dies liegt zum einen in der Naturschutzverwaltung selber begründet. Die strukturellen Probleme der Naturschutzverwaltung liegen in deren Kompetenzverhältnis zu anderen Verwaltungen, Personalć und Mittelausstattung begründet (z.B. plant die Naturschutzverwaltung eben keine Straßen, auch wenn diese durch Naturschutzgebiete führen, sie hat nur Einspruchsrecht). Insgesamt kommt der Naturschutzverwaltung damit die Rolle von Zaungästen zu, die große Politik machen andere. Auch Detailänderungen bringen hier meist keine nennenswerten Verbesserungen. ABMaßnahmen, personelle Umstrukturierungen oder Verschiebung der Zuständigkeiten von Kreisć auf Landesebene oder umgekehrt ändern nichts an diesem Dilemma. Vor Ort (vor allem in Gemeinden kleiner als 20.000 EinwohnerInnen), wo die meisten für die Landnutzung wichtigen Entscheidungen fallen, ist meist gar keine Naturschutzverwaltung vorhanden oder es gibt nur einzelne Naturschutzbeauftragte, die meist wenig Durchsetzungsvermögen besitzen. Ganz zu schweigen von ausreichend Finanzmitteln, um einen wirkungsvollen Naturschutz vor Ort aufzubauen. Naturschutz verkommt so zu einem Feigenblatt für eine auf Umweltzerstörung basierende Politik. Das zweite ist ein Akzeptanzproblem. Konnte sich die Verwaltung noch in den achtziger Jahren auf eine starke ehrenamtliche Naturschutzlobby berufen, so ist sie heute fast auf sich allein gestellt. Sie stößt daher immer mehr an ihre Grenzen, da sich andere Verwaltungen besser durchsetzen können (mehr LobbyistInnen) und von vornherein mit weitreichenderen Befugnissen ausgestattet sind. Vor Ort stößt das Handeln der Naturschutzverwaltungen zunehmend auf Widerstand und Unverständnis der BürgerInnen und LandnutzerInnen. Natürlich wird die Angst vor dem Naturschutz aus bestimmten politischen Kreisen gezielt geschürt, aber sie hat auch ihre berechtigten Ursachen, die wir NaturschützerInnen nicht leichtfertig abtun können:

Sicher kann der Naturschutz nicht Fehlentwicklungen in anderen Bereichen (z.B. Landwirtschaftspolitik der EU, Verkehrsplanungen) allein verantwortlich gemacht werden, aber er muss hier stärker seine Rechte einfordern und vor allem tragfähige Alternativen aufzeigen. Das Akzeptanzproblem des Naturschutzes ist mittlerweile allgemein bekannt, doch sind die bisherigen Maßnahmen dagegen halbherzig und inkonsequent, sie versuchen nur den festgefahrenen Verordnungsnaturschutz durch professionelle Information, Mediation, Moderation, Agenda-Arbeit usw. den Menschen vor Ort schmackhaft zu machen. Ein Überdenken des bisherigen Verordnungsnaturschutzes sucht mensch dagegen vergeblich.

Neue Wege im Naturschutz
Dabei brauchen wir ganz neue Wege im Naturschutz. Es kann nicht Ziel des Naturschutzes sein, möglichst viel Verwaltung, Bürokratie und Gesetze aufzubauen. Dies kann zwar kurzfristig einzelne Gebiete und Arten retten, jedoch langfristig kaum aufrecht zu erhalten sein (siehe Konflikte um die Nationalparks). Denn die Menschen vor Ort werden nicht verstehen, warum in der Wirtschaft immer mehr auf Deregulierung gesetzt wird und im Naturschutz die Bestimmungen immer bürokratischer werden. Auch wenn an vielen Stellen direktdemokratische Elemente etabliert werden, die Menschen vor Ort aber einer immer mehr bevormundenden Verwaltung ausgesetzt sind. So entsteht eine ablehnende Haltung gegenüber dem Naturschutz, die am Ende zu weniger oder gar keinem Naturschutz führt. Die Konsequenz für den Naturschutz wäre: Naturschutz müsste mit Polizeigewalt durchgesetzt werden (Ranger und ähnliches sind ja schon ein Schritt in diese Richtung, der NABU HH fordert z.B. den Einsatz von Polizei in Naturschutzgebieten), dann wären wir auf dem besten Wege in die „Ökodiktatur“ ...

Demokratisierung des Naturschutzes
Alle gesellschaftlichen Bereiche müssen demokatisiert werden. Doch muss der Naturschutz darauf nicht warten, er kann auch eigenständig demokratisiert werden und damit am Ende sogar mehr und vor allem dauerhafter Naturschutz umsetzen. Selbst eine rein auf Naturschutzfragen beschränkte Demokratisierung würde Probleme lösen helfen. Denn Entscheidungen, die gemeinsam von allen Menschen einer Region erarbeitet und getroffen wurden, werden erfahrungsgemäß lange mitgetragen und auch umgesetzt. Ein Naturschutz, der auf demokratischen Entscheidungen vor Ort und freiwilligen Vereinbarungen beruht, basiert auf der Überzeugung der Menschen vor Ort. Ziel des Naturschutzes sollte es also sein, die Menschen vor Ort selber über die Nutzung ihrer Landschaft entscheiden zu lassen. Dies sollten aber nicht nur die GrundbesitzerInnen, die Gemeindeverwaltung oder gar irgendwelche FunktionärInnen-Grüppchen alleine tun, sondern immer die betroffenen EinwohnerInnen. Dabei haben alle AnwohnerInnen das gleiche Recht, Entscheidungen fallen im allgemeinen im Konsens. Wenn kein Konsens zu erzielen ist, entscheidet die Mehrheit. Gesellschaftliche Minderheiten müssen speziell berücksichtigt werden. Grundbesitz-/ nutzerInner sollten Änderungswünsche ihrer Nutzung zur Abstimmung stellen. Sie sollten nicht mehr Rechte haben, Luft und Böden zu verschmutzen, als andere Menschen. Sicher wäre es so schwierig, ganze Nationalparks oder auch Naturschutzgebiete auszuweisen, weil immer irgendwelche NutzerInnen Bedenken anmelden würden. Wenn dieses Konzept so umgesetzt werden würde, bräuchten wir allerdings auch keinen Nationalpark mehr. Und es gäbe dann weniger Kristallisationspunkte, an denen sich Konflikte aufschaukeln könnten. Auf Dauer könnte so ein Naturschutz wachsen, der auf Einsicht und demokratischer Entscheidung und nicht auf Druck von oben beruht.

Konkrete Schritte zur Umsetzung

Ziel: Demokratisierung in allen Bereichen
Neben den Naturschutzbereichen sollten auf Dauer alle den Landschaftsverbrauch betreffenden Entscheidungen (Straßenbau, Kiesabbau, Siedlungsbau, usw.) vor Ort gefällt werden. Dies würde den Naturschutz aufwerten, weil er nicht mehr übergeordneten Planungen unterzuordnen wäre. Sicher wäre es schwieriger, Großprojekte, wie Autobahnen oder den Transrapid durchzusetzen. Dies ist im Interesse des Naturschutzes. Gibt es allerdings einen echten Bedarf für ein Großprojekt, kann dies auch mit direkt-demokratischen Prozessen eine Chance haben, es würde dann aber von breiten Bevölkerungsteilen getragen und deren Belange in die Planung integriert.

Dauerhafte Ziele des Naturschutzes
Natürlich sollte ein Naturschutz von unten nicht beliebig sein und allen Konflikten ausweichen. Er sollte klare Ziele formulieren (im Rahmen regionaler BürgerInnenforen) und diese dann mit den Menschen umsetzen. Aufgabe einer Naturschutzstation wäre, hier immer wieder gleichberechtigt die Belange des Naturschutzes einzubringen. Die Umsetzung erfolgt wie oben beschrieben durch Kooperation und Mehrheitsentscheide. Folgende Ziele wären z.B. aus naturschutzfachlicher Sicht anzustreben:

All diese Dinge können aber nicht auf einmal umgesetzt werden, sondern bedürfen der Überzeugung aller Beteiligten, hier spielt die Naturschutzstation eine wichtige Rolle. Trotzdem sollten diese und noch weitere Ziele möglichst von Anfang an klar benannt und einvernehmlich umgesetzt werden.


Vom Radieschen zur Revolution?

Wann wird Gärtnern politisch?

Die einfachste Antwort auf diese Frage liegt buchstäblich auf der Hand: in Form des Radieschens, das einen kleinen Teil zur Selbstversorgung beiträgt. Wer Essen selbst erntet, muss es nicht kaufen. Doch Selbstversorgung hat ihre Grenzen - gerade in der Stadt ist es nahezu unmöglich, sich komplett selbst zu versorgen. Daneben bleibt fraglich, ob die Idee einer autarken Wirtschaftsweise schon für sich eine wünschenswerte Utopie ist. Endet die Revolution im Garten also beim Radieschen? Bei einem „besetzten“ Stück Land, also einer Fläche, die ohne Erlaubnis der Eigentümerin zum Garten umgestaltet wird ist dies noch relativ klar: “Wenn das alle machen würden..“- dann würde die Idee vom „Eigentum an Land“ stark ins Wanken geraten. Doch: häufig hat gar niemand etwas dagegen, wenn Brachflächen „verschönert“ werden. Unter Umständen lässt sich sogar Unterstützung vom Eigentümer oder der Stadt bekommen. Was dann? Wie kann gerade ein legaler Garten politisch aktiv sein? Hier heißt es, gerade auch einen legalen Garten als politischen Freiraum zu begreifen, in dem versucht wird, Elemente einer herrschaftsfreieren Gesellschaft bereits zu leben, und von dem aus ein Kampf gegen die Verhältnisse besser möglich wird. Was aber heißt das in einem Garten?

Um Missverständnissen vorzubeugen: ein ,politischer' Garten ist nicht der, in dem alle NutzerInnen eine Liste von politischen Forderungen unterschreiben, oder täglich eine schwarzrote Fahne gehisst wird. „Politisch“ heißt zuerst einmal, dass politische Ziele, wie der Kampf gegen Herrschaft sich auch in der Struktur des Gartens widerspiegeln. Zum Beispiel: niemand sollte für den Garten als Ganzes sprechen können. Der Garten dient für alle Beteiligten nur als Plattform. Alle haben die gleichen Möglichkeiten auf seine Ressourcen zuzugreifen. Konkret: ein anarchistisches Manifest, das „der Garten“ veröffentlicht, ist schon darum zweifelhaft, weil es eine gemeinsame Identität schafft, und Unterschiede glattbügelt. Wichtiger als ein geschlossenes politisches Auftreten ist eine offene lebhafte Debatte. Das bedeutet nicht, dass das anarchistische Gartenmanifest nicht veröffentlicht werden soll, aber eben nicht als „Gesamtmeinung“ sondern als ein Standpunkt. Die gleichen Möglichkeiten stehen allerdings auch einem eher konservativen Gegenmanifest zu, das an der Infowand daneben aushängt, und ebenso Reaktionen darauf. Die Dynamik einer solchen Diskussionskultur ermöglicht es, auch in ganz praktischen Fragen zu viel interessanteren Ergebnissen zu kommen, als wenn Einzelne die Dinge aus gutem Willem vorentscheiden. Oft sind gerade die politisch Aktiven hierfür anfällig. Doch: politische Ansprüche beweisen sich in der Praxis. Natürlich heißt das nicht, dass mensch jedes Verhalten erleiden muss. Viel konsequenter ist es aber, auf sexistisches Verhalten (oder lärmendes Biertrinken oder Beleidigungen) direkt einzugehen, und den Handelnden darauf anzusprechen, als hinterher einen „Ausschluss“ zu fordern. In der Debatte sollten Herrschaftsmittel wie „Ausschluß“ aus dem Garten selbst ausgeschlossen sein, da sie das herrschaftsförmige Handeln nur auf anderer Ebene wiederholen. An deren Stelle tritt die direkte Kommunikation.

Gerade Themen, die eher fern zu liegen scheinen, sollten nicht gescheut werden. Ob über Landlosenbewegungen in Lateinamerika oder Aneignung - das Publikum wird zu einem Infoabend in einem Garten ein ganz anderes als in einem Autonomen Zentrum sein. Ein Garten kann ein guter Einstieg sein: wer einen Garten besetzt, wird auch einem besetzten Haus gegenüber aufgeschlossener sein. Last but not least: gesellschaftliche Visionen. Das Radieschenbeet ist zwar nur ein winziger Schritt der Aneignung der Produktionsmittel. Doch wenn es gelingt, zu vermitteln, dass es sich lohnt, sich mit dem Radieschen nicht zufrieden zu geben, dann wird auch die Revolution denkbar.

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