Kommunikation

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Inhaltsverzeichnis

Frech, kommunikativ, subversiv

Am Beispiel: Der Kameragottesdienst

Ein Bericht von einer denkwürdigen Prozession für mehr Überwachungskameras in Gießen
Die hier vorgestellte Aktion ist einerseits nur ein Beispiel für viele Möglichkeiten, Kommunikation zu initiieren, zu steuern, inhaltlich zu füllen, nach außen zu vermitteln usw. Darum soll es in diesem Heft gehen. Die Aktion zeigt als Beispiel, wie wertvoll es sein kann, viele Register zu ziehen. Andererseits ist die hier beschriebene Aktion mehr als nur Kommunikation. Das ist auch wichtig. Keine Aktionsform ist für sich allein befriedigend. Gelungene politische Interventionen oder Projekte bestehen immer aus vielen Bausteinen - von der Informationsveranstaltung über die gezielten Brüche mit der Normalität herrschaftsförmiger Gesellschaftsorganisierung bis zu Militanz. Aktuelle politische Praxis ist meilenweit davon entfernt, besteht meist aus Einzelaktionen, die zudem noch vereinheitlicht sind, d.h. besteht nur aus einer oder wenigen Aktionsformen. Nicht selten gibt es den Hang zu einer Großaktion mit einheitlicher Struktur. Das Gegenteil wäre nötig: Widerständigkeit überall, alltäglich. Und viele, viele selbstbestimmt agierende Basis-Zusammenhänge wiederum gleichberechtigt und selbstbestimmt aktiver Menschen, die Aktionsformen trainieren, probieren, reflektieren, weiterentwickeln und verbinden mit Projekten visionären Charakters.
Das soll hier vorab klargestellt werden. Die beschriebene Aktion ist daher ebensowenig das Nonplusultra wie jede andere. Sie soll auch so dargestellt werden, wie sie als Teil von mehr stattfand. Dennoch kann sie illustrieren, was mit der Idee subversiver Kommunikation gemeint ist.

Der Kontext: Innere Sicherheit

In Gießen begann im November 2002 ein umfangreicher Aktionsreigen zur inneren Sicherheit. Anlass war die Verabschiedung der Gefahrenabwehrverordnung, die zum Teil neue und teilweise auch bereits per Kleinverordnungen verbotene Handlungen zu einem beeindruckenden Law-and-Order-Katalog zusammenfasste.
Am 12. Dezember sollte die Stadtverordnetenversammlung den Katalog verabschieden. Kurz vorher gab es erste Treffen politischer Gruppen, die dagegen agieren wollten. Und erstmals saßen AktivistInnen demokratischer und herrschaftskritischer Gruppen zusammen. Kriselte es am Anfang noch, so zeigte sich bald die Chance in dieser Mischung. In die Proteste wurden Elemente kreativen Widerstandes hineingetragen und vermischten sich mit den traditionellen Mitteln wie Anträge, Demos, Infostände usw. In den Tagen vor der Sitzung überschlugen sich bereits die Ereignisse - und es gelang, ein bis dahin kaum diskutiertes Thema zum Stadtgespräch Nr. 1 zu machen. Eine Demo vor dem Eingang des Stadtverordnetensaales, einige kleinere militante Aktionen (Graffiti, Farbbeutel usw.), Infoflyer, Pressearbeit und ein geniales Fake (gefälschtes Schreiben der Stadt Gießen an die AnwohnerInnen rund um den Stadtverordnetensaal, der massive Sicherheitsvorkehrungen verkündete), das viel Aufsehen erregte, schufen eine einzigartige Atmosphäre. Die Polit-Oberen versuchten, mit Horrorstories über den bevorstehenden Widerstand („Autonome von außerhalb“ usw.) für Law-and-Order zu werben. Schließlich wurden zwei Aktivistis noch im Vorfeld verhaftet (erster Fall von Unterbindungsgewahrsam nach dem erneuerten hessischen Sicherheits- und Ordnungsgesetz), das Rathaus voll Polizei gestopft und am Eingang zum Sitzungssaal viele BesucherInnen ausgesperrt. Bürgermeister Haumann, Meinungsführer der Gießener Law-and-Order-Combo griff selbst zur Subversion: Er erfand eine Bombendrohung, um seine GegnerInnen kriminalisieren zu können (als das später rauskam, hatte das natürlich keinerlei Konsequenzen für ihn!).
Kurzum: Die Stimmung war innerhalb weniger Tage zu einem Siedepunkt gebracht. Auf diesen massiven Erregungskorridor, das erste Ziel vieler direkter Aktionen, sollten dann die weiteren Aktionen aufsetzen. Derer wurden viele geplant. Ein Baustein waren Innenstadtaktionen jeden Samstag um 12 Uhr in der Mitte Gießens. Die erste gleich zwei Tage nach der Stadtverordnetensitzung. Straßentheater mit subversivem Ansatz (Reinigungskräfte säuberten Gießen von unerwünschten Menschen ... dazu gab es Infos, Flyer, Gespräche usw.), offensives Lagern in der FußgängerInnenzone usw. füllten den Nachmittag, der mit einem Paukenschlag begann. Die Polizei stellte eine Gruppe an die Wand und durchsuchte sie - mitten im Einkaufstrubel. Platzverweise folgten, aber am Ende siegte die Frechheit und Platzverweise, Polizei usw. wurden gar nicht mehr beachtet.
Am Folgesamstag fand eine Demo statt. Wieder subversiv: Für mehr Polizei. Die waren dann auch da mit richtig vielen Einheiten ... und wurden an verschiedenen Stellen in die Aktionen eingebaut. Masse ist halt nicht Klasse - und Kreativität das Gegengift zu Herrschaft.

Kamera-dienst

Dann kam der dritte Samstag. Wieder Subversion pur. Diesmal meldete eine „Initiative Sicheres Giessen“ eine Demo für mehr Überwachungskameras an. Das Ganze sollte als Prozession mit Gottesdienst unter der Kamera am Marktplatz stattfinden. Und so geschah es auch. Zunächst ging es vom Treffpunkt durch die zentrale FußgängerInnenstraße, den Seltersweg. Dabei dominierte vor allem der Anti-Kamera-Song, ein Verschnitt auf „Wir lagen vor Madagaskar“ (siehe Kasten). Am Marktplatz angekommen, lief dann der komplette Gottesdienst mit Kamerabekenntnis, Kamera unser usw. ab - immer mitten im Einkaufsrummel. Die Polizei hielt sich diesmal für schlauer und kam gar nicht. Das war schon schade, denn den „Propheten des Sicherheitsgottes“ wäre einiges gewidmet gewesen - z.B. die Weihrauchschwenker. Am Marktplatz tauchte eine Streife auf, fragte nach dem Demoanmelder, wurde aber sofort lautstark bejubelt und angebetet als Propheten der Sicherheit. Schnell flohen sie und kamen auch nicht wieder. Kreativität aber zeigte sich auch hier als Gegengift: Kommen die Bullen, werden sie eingebaut in das Geschehen. Kommen sie nicht, sind wir erst recht frech. So zog die Prozession vom Marktplatz nach getanem Kameradienst zurück durch die gesamte FußgängerInnenzone und betrat auf der anderen Seite den Karstadt. Dort wimmelt es von Kameras ... also ein optimaler Ort. Zudem wärmer und mit verdammt guter Akustik für Megafon, Gesänge und Gebete. Die Prozession zog auch im Karstadt den kompletten Kameradienst durch (ca. 15min). Auch als alle Sicherheitskräfte des Hauses zusammengekommen waren, zuppelten sie nur hilflos an einzelnen AkteurInnen herum - immer wieder mit Konfetti überstreut oder angebetet. Nach Karstadt folgte noch eine kleinere Aktion im Hauptbahnhof. Fazit: Viel Spaß, viele Menschen direkt erreicht, jederzeit komplett selbstbestimmt in den Handlungen, d.h. Gesetze, Normen, OrdnungshüterInnen usw. komplett nicht beachtend und für alle folgenlos. Und der krönende Abschluss am Folgetag: Das Anzeigenblatt „Sonntagmorgenmagazin“ hatte die Satire nicht kapiert und ernsthaft mit Foto berichtet. Welch eine Freude ...

Kamerabekenntnis
Ich glaube an Roland Koch, Volker Bouffier, Otto Schily,
Heinz-Peter Haumann, Klaus-Peter Möller, Manfred Mutz und alle Hirten,
die Allmächtigen, die Schöpfer der Gesetze und Verordnungen.
Und an die Überwachungskamera, ihren eingeschworenen Helfer,
unseren Kontrolleur.
Entstanden durch den machtgeilen Geist,
geboren in einem profitablen Konzern,
legalisiert unter Regimus Demokratus,
befestigt, beworben und protzig eingeweiht,
hinabgestiegen in das Reich der Kontrolle,
ständig Bilder aufgenommen von den Leuten,
übermittelt in das Polizeipräsidium,
welches sitzt zur Rechten der Ferniestraße als allmächtige Kommandozentrale,
von dort wird der Befehl kommen, 
zu filmen die Lebenden und die Toten.
Ich glaube an den demokratischen Rechtsstaat,
die heiligen parlamentarischen Entscheidungen,
Gemeinschaft der Schafe,
vergeblicher Wunsch nach Leben,
Auferstehung der Gleichschaltung
und das ewige Arbeiten.             Amen.

Auf "Madagaskar"
Wir standen am Marktplatz Gießen
und hatten die Zwille dabei.
Wir wollen auf die Kamera dort schießen,
danach wär der Marktplatz wieder frei.
Ahoi Kamera da, leb wohl leb wohl
jetzt ists aus, Überwacher, lebt wohl, lebt wohl.
Ja wenn die Zwille Dich trifft,
unds Objektiv zerspringt
ja fühlen wir uns wieder wohl - ja so wohl.
Weil dann jeder von einem Gießen nur träumt,
wo es Herrschaft und Macht nicht mehr gibt.''

Auf "Danke"
Danke für diese scharfen Bilder
danke, daß du uns alle siehst,
dank, daß du all deine Blicke auf uns werfen magst

Danke für Überwachungsstaaten,
danke für dieses kleine Glück,
danke für alle Bilder, Fotos und für diesen Film.

Danke, daß ich dein Bild erkenne,
danke, daß deine Macht es gibt,
Danke, daß Du in Fern und Nähe all die Menschen siehst.

Danke, dein Objektiv kann zoomen,
danke, so sind die Bilder scharf.
Danke, ach Kamera, ich dank dir, daß es Kameras gibt.

Segen
Die Kamera sehe dich und behüte dich,
sie lasse ihren Film laufen über dir 
und sende die Daten an die nächste Polizeidirektion. 
Sie lasse manchmal einen Film reißen, damit du in Frieden Aktionen machen kannst. 
Schnitt!

Psalm 23
Der Staat ist mein Hirte,
an Kontrolle solls nicht mangeln.
Er überwacht mich beim Spaziergang im Stadtpark 
und beim Wasserlassen auf dem Marktplatz.
Er erquicket mein Sicherheitsgefühl.
Er zwingt mich zur Demokratie, um seines Namens willen.
Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück. 
Denn die Kamera läuft auch bei Nacht. BGS und Polizei trösten mich. 
Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht mit den Richtern.
Du untersuchst mich von Kopf bis Fuß und haust mir voll eine rein. 
Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang, u
nd ich werde bleiben in den Klauen des Machtapparates immerdar.

Kamera unser
Kamera unser am Marktplatz,
geheiligt werden Deine Bilder.
Dein Rechtsstaat komme.
Dein Wille geschehe,
wie in Bayern so auch in Hessen.
Unser täglich Sicherheit gib uns heute.
Und vergib uns keinerlei Eigensinn,
wie auch wir verpfeifen unsere Nachbarn.
Und führe uns schnell ins Gefängnis,
wenn wir dem Bösen verfallen oder eigenständigem Denken.
Denn dein ist das Reich und die Kontrolle und die Volksherrschaft
in Ekligkeit.                        Film ab!

Die weiteren Aktionen

Die Innenstadtaktionen gingen weiter, mit immer neuen Ideen. Die Mischung reichte von Infostand über Straßentheater und Demos bis zu subversiver Störung oder Militanz z.B. in Kaufhäusern. Endpunkt dieser Reihe, aber nicht das Ende der Aktionen insgesamt, war die Nachttanzdemo in der Nacht des 1. März.
Verschiedene weitere Aktionen zur inneren Sicherheit schufen zeitweise einen breiten Rahmen, in denen dann Menschen mit ihren Ideen einfach das einbrachten, worauf sie Lust hatten. Militante Aktionen dieser Phase waren Farbbeutelattacken auf Behörden und Rathaus, Aktionen gegen Polizeigebäude und -fahrzeuge, ständige Veränderungen von Wahlplakaten, Aufkleber zu Videoüberwachung sowie Sprühaktionen auf die Geschäftsstellen der Parteien.

Genauer: Umgang mit Repression

Kreativ-subversive Kommunikation zeigt eine Stärke im Umgang mit Repression. EinE von Ordnungskräften (Polizei, Gericht, Behörden u.ä.) angegangeneR Aktivisti ist nicht mehr nur Opfer, sondern erlangt die Handlungsfähigkeit zurück. Im Verlauf der Auseinandersetzungen zeigte sich das vielfach deutlich: Repressionsmaßnahmen wurden fast immer umgedreht in politische Aktionen mit starker Außenvermittlung. Das schützt nicht immer vor Bestrafung oder Polizeigewahrsam, aber mit der Zeit wurde sichtbar, dass der offensive Umgang mit der auftauchenden Polizei, bei Hausdurchsuchungen, Verhören usw. die Repressionsbehörden merklich zermürbte. Bei fast allen Innenstadtaktionen kam es zu Polizeikontakt - und immer wurden die OrdnungshüterInnen zu einem Teil der Aktion gemacht. Vor allem im Januar 2003 (hessischer Landtagswahlkampf) hatten sie alle Hände voll zu tun, die Parteistände vor subversiven Angriffen zu schützen. Das klappte nicht immer - und der 11. Januar zeigte, dass kreativer Widerstand handlungsfähig macht und Sympathien erzeugen kann. Zwei Tage vorher, der 11. war wieder ein Samstag, holten Justiz und Staatsschutz zum großen Schlag gegen den kreativen Widerstand aus. Dachten sie jedenfalls. Ihr Ziel war vor allem die Projektwerkstatt in Saasen. Zwei Projektwerkstättler wurden am 9.1. direkt vor einer Halle, wo Law-and-Order-König Roland Koch (Hess. Ministerpräsident) auftreten sollte, festgenommen. Aber schon da hatte die Polizei die ersten Pannen zu verbuchen: Einige andere kamen dennoch rein und konnten Flugblätter verteilen. Am Folgetag zerschlug der Staatsschutz dann die Projektwerkstatt selbst - zumindest technisch. Alle Computer und viele andere technische Geräte wurden entwendet. Am Tag danach kam es dann zu Aktionen am CDU-Wahlstand - auch Innenminister Bouffier und Polizeipräsident Meise waren dort zu Besuch. Megaphondurchsagen und ein Transparent vermittelten den Widerstand gegen Law-and-Order, die vor allem die Sicherheit der Herrschenden ist. Schließlich erteilte der Innenminister den Befehl, die Proteste zu stoppen. Doch das gelang nicht so schnell ... am Ende prügelten CDUler und PolizistInnen auf die ProtestlerInnen ein, der CDU-Stand ging teilweise zu Bruch und einige PassantInnen mischten sich ein - auf Seiten der Protestgruppen!
Das blieb das extremste Beispiel, aber es dokumentiert gut, dass es sehr auf die Kommunikation und Vermittlung nach außen ankommt. Dass es sinnlos ist, immer unter sich zu bleiben, im sicheren Getto. Die Konfrontation und der Kontakt von Mensch zu Mensch ist wichtig. Die Wochen danach gab es immer wieder Auseinandersetzungen - kackendreist waren Polizei und Behörden immer wieder Ziel von Attacken, die Herrschaft demaskieren und kritisieren sollten. Die gesamten Geschehnisse sind auf den Chronikseiten der Projektwerkstatt gut nachzuvollziehen (http://www.projektwerkstatt.de/chronik).

Perspektive: Widerstand und Vision
Und das ist noch lange nicht alles. Es ist keine Revolution ausgebrochen, die autoritäre Gesellschaft namens Demokratie existiert weiter und festigt sich per Gesetz und in den Köpfen der Menschen. Aber ein Fünkchen Hoffnung ist da, dass es mehr Menschen werden, dass Frechheit, kreative Widerständigkeit und die Idee der Fülle verschiedener Aktionsformen nebeneinander um sich greifen. Unkontrollierbar werden.
Spannend ist, dass sich aus dem Protest ein Projekt „Utopie für Gießen“ entwickelt hat. Damit sollen künftig auch positive Gegenentwürfe vermittelt und diskutiert werden. Vision (Veranstaltungen, konkrete Projekte wie Umsonstladen, Freiräume usw.) gehören dazu, aber auch weiterhin die gesamte Breite von Aktionen. Dann wird mensch sehen können, wie Subversion, Theater, Militanz, Demos und was auch immer aussehen, wenn es nicht nur um Protest, sondern um Gegenvisionen geht (Stand: Juni 2003, mehr unter www.abwehr-der-ordnung.de.vu).

Kommunikationsstrategien

Die Idee der Vermittlung und die Form einer Aktion als gezielte Kommunikation geht davon aus, dass Abläufe zu guten Teilen steuerbar sind. Zwar ist jede Situation komplex, dennoch lassen sich konkrete Wirkungen erzielen. Das kann für Aktionen, Außenvermittlung sowie zur Veränderung von Situationen z.B. zwecks deren Weiterentwicklung, Entschärfung, des Einbringens von Themen, des Provozierens gewünschter Debatten oder auch des Schutzes vor Repression genutzt werden. Durch solche gezielten Kommunikationsstrategien werden die jeweiligen Gegenüber teilweise oder ganz zu Objekten des eigenen Verhaltens. Das sollte bedacht werden, ist doch Selbstbestimmung das Ziel emanzipatorischer Politik. Gesteuerte Kommunikation ist immer dann sinnvoll, wenn die Personen gegenüber selbst in Rollen agieren und vor allem Herrschaftsansprüche durchsetzen wollen. Sie zu stoppen, zu demaskieren, ihr Handeln aufzudecken und hinterfragen, Alternativen benennen oder Diskussionen darüber zu provozieren, kann und sollte dann das Ziel von Kommunikationsstrategien sein. Sie sind dann zum einen direkte Gegenwehr und zum anderen Vermittlung nach außen, d.h. das Gespräch läuft nur scheinbar mit den VertreterInnen der Herrschaft, tatsächlich aber für und mit den Außenstehenden, z.B. beobachtende oder günstigstenfalls immer mehr einbezogene Menschen in FußgängerInnenzonen, Bussen und Bahnen, Gerichtssälen, Veranstaltungen oder wo auch immer.

Die im folgenden genannten Strategien der Kommunikation sind dabei allgemeingültig, d.h. sie sind bei verschiedenen Anlässen anwendbar – nicht immer jede, aber immer wieder viele von ihnen, gleichzeitig oder nacheinander, von den gleichen oder von verschiedenen Personen. Die jeweils genannten Beispiele stehen folglich für endlos viele. Wer als Gruppe, FreundInnenkreis u.ä. diese Kommunikationsformen trainieren will, übt nicht schematisches Verhalten oder einen festen Ablauf wie bei einem Theaterstück, sondern verschiedene Rollen. Dazu nötig ist ein Verstehen der Rollen, das mentale Durchspielen der Anwendung im Kopf, Übungen mit Rollenspielen, vor allem aber die Anwendung in der Praxis mit Auswertung und Weiterentwicklung. Denn gesteuerte Kommunikation ist auch und vor allem als Widerstandsstrategie im Alltag wertvoll. Endlich wäre es dann vorbei mit der Zeit, bei rassistischen Polizeikontrollen, sexistischen Übergriffen, kinderunterdrückenden Szenen, Vertreibung aus der Innenstadt, herrschaftsstützender Propaganda usw. nur verärgert vorbeizugehen. Kein Bulle, kein Parteistand, kein Türsteher ist mehr sicher selbst vor sehr kleinen Gruppen von Menschen, die über Kommunikationsstrategien Bescheid wissen und Übung haben. Insgesamt gibt es zwei Möglichkeiten, wann und wie die Situationen entstehen, in denen die Kommunikationsstrategien zur Anwendung kommen – entweder spontan, d.h. die Einzelperson oder Gruppe trifft auf eine von anderen erzeugte Situation und will intervenieren. Beispiele sind Dominanzen in Veranstaltungen, rassistische, sexistische oder sonstige diskriminierende Anmachen bzw. Übergriffe, Bullenrepression, Kontrollen und vieles mehr. Oder die Situation wird selbst erzeugt, d.h. durch verstecktes Theater sollen Debatten entstehen, Utopien vermittelt und „Normalität“ in Frage gestellt werden.

Last but not least: Gezielte Kommunikation gehört zu den Aktionsformen, die sich direkt vermitteln, die keiner Zeitung mehr bedürfen, um wahrgenommen zu werden. Zudem ist sie eine Aktionsform von Mensch zu Mensch. Gerade das ist in der aktuellen politischen Landschaft in Deutschland selten und daher ungewöhnlich. Zwar treten die meisten politischen Gruppen für mehr Selbstbestimmung ein, politische Gruppen und Aktionsformen (Demo, Kundgebung, Infostand, Unterschriftensammlung usw.) organisieren aber eher geordnete Kollektivität, in der der/die Einzelne nichts mehr zählt mit eigenen Überzeugungen, sondern nur noch als AusführendeR der kollektiven Ideen des organisatorischen „Wir“ – ob nun in Vorstandsetagen oder dominanzgeprägten Plena sog. basisdemokratisch beschlossen.
Insofern bedarf die Idee der kreativen Kommunikation auch der Befreiung des/der Einzelnen aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit in politischen Zusammenhängen. Der „Lohn“ ist faszinierend: Das Gefühl, interventionsfähig zu sein in einem Alltag, der bisher von Ohnmacht geprägt war.

Die folgenden Kommunikationsstrategien und Rollen in einem Gespräch sind teilweise kombinierbar. Was in welcher Situation passt, ist nicht vorhersehbar. Wer als Gruppe unterwegs ist, sollte es so regeln, dass ständig alle denkbar sind. Es ist also genau nicht sinnvoll, als Einheit zu agieren, sondern in hoher Vielfalt. Es ist einfach besser, auch subversiv die Rolle des eigenen Gegners zu spielen als diese z.B. der Polizei, Faschos, PolitikerInnen, dem Gericht u.ä. zu überlassen.

Die eigene Position beziehen

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, eigene Inhalte zu benennen. Ziel kann dabei sein, die Person gegenüber zu überzeugen, Dritte für die eigene Position zu gewinnen, zum Nachdenken zu bringen u.ä. oder auch beides. Denkbar ist sogar auch, Dritte wiederum einzubeziehen, um eine Vermittlung an Vierte (z.B. später) zu ermöglichen, wenn der Verlauf des Ganzen veröffentlicht und interpretiert wird.

„Ähmm, entschuldigen Sie ... “ (Nachfragend höflich)
Es ist immer gut, wenn nicht alle AkteurInnen in Opposition zu den Ausübenden von Herrschaft stehen. Zudem ist der Einstieg in die Kommunikation oftmals gar nicht anders denkbar als mit einer scheinbar höflichen Nachfrage. So kann es auch weitergehen – einfach immer nett nachfragend. Zudem besteht die Möglichkeit, die umgebenden Menschen mit einzubeziehen, wenn Fragen nicht beantwortet werden, mensch zurückgestoßen wird usw. Einfach andere ansprechen, sie fragen oder sich bei ihnen beschweren über das Geschehen. Ziel von kommunikativer Aktion ist, dass Menschen in die Diskussion hineingezogen werden, eigene Positionen entwickeln oder sogar selbst handeln. Emanzipatorische Aktion will Normalität und Gleichgültigkeit brechen.

Beispiele

Herrschaftsausübung beruht meist auf einer eigenen starken Stellung oder Recht. Ob dahinter auch Argumente zu finden wären oder nicht – in vielen Fällen sind diese den Herrschaftsausübenden unbekannt oder nicht bewusst. Sie stützen ihr Verhalten auf ihre Stärke, ihren Auftrag, einen Befehl oder eben das Recht. Dem kann eine inhaltliche Argumentation entgegengesetzt werden. Der Unterschied zur vorstehend beschriebenen Art ist, dass hier eine eigene (oder andere – kann ja auch taktisch gewählt sein, um einen bestimmten Gesprächsverlauf zu erzeugen) Position entgegengestellt wird. Eine Verknüpfung beider Formen ist möglich – sowohl als eine Person wie auch durch zwei scheinbar unabhängig agierende Personen.

Die Gegenposition übernehmen und verändern

Die bisher genannten Formen sind eher "normale" Kommunikation. Alle weiteren weichen davon ab, wenn das auch im besten Fall nicht sichtbar wird. Sie benutzen unauffällige Formen der Gesprächsführung, wie sie auch tatsächlich vorkommen können. Aber sie setzen diese sehr gezielt ein und mischen die verschiedenen Rollen, die die AkteurInnen dabei spielen, so geschickt, dass die Chance wächst, eine Debatte auszuweiten, Kritik und Vision diskutieren und schließlich das Geschehen beeinflussen zu können.

"Sie haben ja Recht, aber vielleicht geht es auch ohne Gewalt" (Verständnisvoll liberal) Die Position des Herrschaftsausübenden wird unterstützt, gleichzeitig aber dafür plädiert, das ursprünglich Gewollte nicht durchzuführen. Kommunikationsstrategie ist also, sich „einzuschleimen“ und dadurch Einfluss nehmen zu können. Das kann insbesondere dann sinnvoll sein, wenn es darum geht, einen Schaden abzuwenden – z.B. für einzelne Menschen.

Beispiele

Überidentifikation
Die härtere Nummer ist die der offensiven Überidentifikation. Ein krasses und äußerst wirksames Mittel, das von zurückhaltend bis plakativer Totalverarsche (die dann auch auffällt, nützt nur nix!) alle Varianten kennt. Überidentifikation bedeutet, eine Äußerung, Handlung u.ä., die eigentlich kritisiert werden soll, zu überspitzen und damit zu demontieren. Das kann auch laut geschehen, besonders schnell kann Hilflosigkeit beim Gegenüber entstehen, wenn das zu kritisierende Verhalten offensiv und laut bejubelt bzw. die Person sogar angebetet u.ä. wird.

Beispiele

Die Kommunikation steuern

Mit verschiedenen Mitteln ist es möglich, nicht nur die Inhalte, sondern auch die Form der Kommunikation zu steuern - also besänftigen, provozieren, stärker nach außen wirken usw.

„Sie haben wohl `n Rad ab!“ (Provozieren)
Wem eine Debatte zu langweilig ist, der/die kann einfach provozieren. Das kann durchaus geschickt mit Inhalten verbunden werden. Provokation kann emotionale oder repressive Reaktionen hervorrufen, die gewollt sein können, um eine Situation zu verändern, Desinteresse zu durchbrechen, von anderen Zielen abzulenken, Aufmerksamkeit zu erreichen u.ä. Oft aber führt platte Provokation dazu, dass mensch sich in seinen Handlungsmöglichkeiten einschränkt. In einer Gruppe, die allerdings ja als Gruppe nicht erkennbar wird, bietet das aber gute Chancen, denn die anderen oder einige andere können auf die Provokation reagieren – etwa um zwar zunächst die Provokation anzugreifen, aber dann genau den Faden aufzunehmen per Überidentifikation mit den Provozierten („Du kannst doch die Polizei nicht so schlechtmachen(, Arschloch). Schließlich brauchen wir die für ...“ und dann richtig was reinpacken).

Beispiele

Hinweis zum Tatbestand der Beleidigung: Beleidigungen können teuer werden. Mit etwas Geschick lassen sich aber, wenn es als sinnvoll erachtet wird, doch solche aussprechen, die aber nur scheinbar welche sind. Wer etwa einen Bullen "Arschloch!" nennt, wird wohl eine Anzeige kassieren. Wer aber sagt: „XY hatte doch recht, dass Bullen einfach Arschlöcher sind“, sagt das gleiche aus, es ist aber eben keine Beleidigung, da diese konkrete Personen betreffen muss (Ausnahme: "Soldaten sind Mörder" ist generell verboten – und ja auch tatsächlich blöd, denn Mörder haben immer ein Motiv, wenn auch oft ein schlechtes, und werden durch den Vergleich mit Soldaten diffamiert). Ob eine Beleidigung in einer konkreten Situation sinnvoll sein kann, muss immer genau überlegt werden – hier erfolgte nur ein rechtlicher Hinweis.

„In § 108 steht aber ...“ (Formalisieren)
Wer sich in Paragraphen auskennt, kann oftmals Hinweise auf Gesetze, Verordnungen oder Gerichtsurteile anfügen und damit viele Menschen, vor allem Repressionsorgane wie Polizei, BGS usw. beeindrucken. Da Bullen & Co. oft wenig über Paragraphen wissen, können sie damit irritiert werden – zumal mit der Androhung, den Fall aufrollen zu wollen. Daher auch immer gleich nach Namen und/oder Dienstnummer fragen ...

„In der Benutzungsordnung für städtische Kreuzungen steht aber ...“ (Blöffen)
Wer sich nicht in Paragraphen auskennt oder weiß, dass es gar keinen solchen gibt, kann dennoch formal argumentieren. Denn wer weiß schon, was im Paragraph xy der Soundso-Verordnung steht. Also einfach mal behaupten, sauber zitieren und gucken, was es bewirkt. Optimal auch hier wieder das Zusammenspiel der verschiedenen Rollen. Mensch stelle sich die Wirkung vor, wenn ein solcher Blöff kommt und die Person, die die Rolle der Unterstützung des Gegners spielt, bestätigt den Paragraphen, in dem sie sich spürbar ärgert, dass er leider bekannt ist.

Ablenken
Alles, was die Strategien der Herrschaftsausübenden durcheinander bringt, kann helfen. Wenn scheinbar Unbeteiligte irgendwas fragen, Hilfe brauchen usw. (auch zu gänzlich anderen Sachen, eben scheinbar zufällig), kann erstmal Zeit gewonnen werden, die Situation entschärft oder Öffentlichkeit hergestellt werden.
Zur Ablenkung gehören auch Aktionen, die zu Reaktionen von Repressionsorganen führen, z.B. Kreuzungsbesetzungen, Blockaden usw.

„Achtung! Achtung! Eine Durchsage ...“ (Notbremse ziehen)
Sollte alles nichts nützen und der Ablauf der Dinge nicht im eigenen Sinne zu organisieren sein, so bleibt neben der (oft nicht sinnvollen, weil aussichtslosen oder schwierig vermittelbaren) gewaltförmigen Aktion die einer intelligenten Notbremse. Damit ist gemeint, ein Ereignis zu schaffen oder vorzutäuschen, das die Aufmerksamkeit vom bisherigen Geschehen voll ablenkt. Hierzu sind ebenfalls Übung in Kommunikation und Täuschung sowie oft technisches Know-How nötig.

Beispiel

„Jetzt machen Sie endlich eine Anzeige!“ (Repression einfordern)
In Zusammenhang mit offensiver Überidentifikation oder auch unabhängig davon ist das Begrüßen, Bejubeln oder sogar Einfordern von Repression eine meist ziemlich überraschende Kommunikationsstrategie. Generell gehen alle, die mit etwas drohen oder drohen können, davon aus, dass im Normalfall Einschüchterung die Folge sein wird. Ganz Hartgesottene reagieren höchstens cool, also unbeeindruckt. Politische Gruppen haben in ihrer Geschichte auch vor allem Angst gezeigt. Fast alle AkteurInnen sind solange radikal, bis sie einmal richtig Ärger mit Papi Staat bekommen. Vor allem auf Demonstrationen wird sich gerne verbal-radikal gegeben, aber meistens reichen einige wenige Uniformierte, um eine Menge von Demonstrierenden in Schach zu halten. In einer solchen Situation sind die Verhältnisse von Drohung und Eingeschüchtertsein normalerweise geklärt. Umso überraschender kann die offensive Formulierung kommen, unbedingt weitere Repressionen zu wollen, weil jede Festnahme oder jeder Gerichtsprozess eine Aktion werden wird. Wer Androhung von Polizeigewalt erstens bejubelt und zweitens sowohl die Drohung wie auch eventuell die tatsächlich vollzogene nach außen zu vermitteln weiß, bricht den Schrecken derselben.

Beispiel


Die Außenvermittlung

Alles bisher Gesagte kann bereits sehr stark nach außen wirken. In vielen Situationen bilden sich schnell Kreise von Interessierten bis Schaulustigen um das Geschehen. Dann ist wichtig, dass immer auch Teile der Kommunikation an diese gerichtet sind. Noch bedeutender ist das, wenn die Aufmerksamkeit noch nicht da ist und erst hergestellt werden muss.

„Was ist denn da los?“ (Anfragen von außen)
Um überhaupt die Situation so zu verändern, dass nicht alles im kleinen Kreis bleibt, kann eine Person als scheinbar Unbeteiligte laut anfragen, was denn da los sein. Neben Interesse am Vorgang kann auch ein ganz anderes Interesse vorgetäuscht werden (z.B. Ruhe, Konkurrenz um den Ort ...). Aus der Antwort oder dem Ausbleiben einer Antwort entsteht dann der gewollte Dialog.

„Geht arbeiten!“ (Anpisse von außen)
Eine Art Überidentifikation mit den allgemein repressiven Verhältnissen ist möglich, ohne jeglichen Bezug zum konkreten Vorgang. Sätze wie „Geht arbeiten!“ sind eigentlich immer möglich und bieten den anderen AkteurInnen der nicht erkennbaren Gruppe die Möglichkeit, darauf zu reagieren und so einen Dialog zu entwickeln.

„Der kann nicht anders!“ (Falsches Verständnis äußern)
Vieles der alltäglichen Unterdrückung entsteht aus Befehlsnotstand oder Rollenverhalten in der Gesellschaft. Das Auftreten des Verhaltens ist ein guter Anlass, die dahinterstehenden Herrschaftsstrukturen, Diskurse usw. zu thematisieren. Einen sexistischen Übergriff nicht platt anzugreifen, sondern per Nachfragen u.ä. aufzurollen, wie Sexismus entsteht über Zurichtung in Erziehung, Ausbildung, gesellschaftlicher Rollenzuschreibung und Erwartungsdruck in mackrigen Zirkeln, kann einige Überraschung bringen. Wenn die nicht erkennbare Gruppe dann verschiedene Rollen spielt – auch die des Zweifelns an gesellschaftlich bedingtem Sexismus – kann mensch den Ort des Geschehens mit der Diskussion (z.B. U-Bahn-Waggon) schnell komplett einnehmen. Die Steigerung: Die Diskriminerung auch selbst spielen und Nichtreaktionen von Anwesenden thematisieren – ein bemerkenswertes verstecktes Theater, was schon einige Male probiert wurde und erschreckende Ergebnisse über die Gleichgültigkeit von Menschen hervorbrachte.


Autorität demaskieren

Repressionsorgane treten in vorgegebenen Rollen auf. Diese werden von ihnen nicht frei gewählt, sondern entsprechen den internen Zielen von Repression und den konkreten Befehlen an die handelnden Personen. Zwar ist nie gänzlich klar, wer welche Strategie in Bezug auf das Ziel verfolgt, aber meist gibt es nur wenige Möglichkeiten. Teil einer Aktion kreativer Antirepression kann immer die Demaskierung der Rolle von Repression sein. Dabei besteht immer die Chance, die Funktion zu brechen, d.h. über die Entlarvung von Repression bis zum Lächerlichmachen des Herrschaftsauftritts.

„Kann ich auch so einen Ausweis haben?“ (Auslachen, Witze machen)
Wenn sowieso keine Chance auf irgendeine inhaltliche Vermittlung besteht, das Verhalten des Gegenüber z.B. durch besonders aggressive Sprüche geeignet ist für diese Strategie und die Gefahr einer Eskalation gering bzw. kalkulierbar ist, können Repressionsorgane einfach durch gezielte Witze, spaßige Rückfragen, Satire usw. dekonstruiert werden. Oft ist Repression schon am Ende, wenn Einschüchterung nicht wirkt.
Wichtig: Emanzipation ist der Prozess zur Selbstbestimmung von Menschen. Menschen erniedrigen, diskriminieren usw. ist das Gegenteil davon. Das sollte bedacht werden, wenn Repressionsorgane veralbert werden. Der Witz darf sich nur auf die Sprache, Form, Inhalte und Symbole der Repression bzw. Herrschaft beziehen, nicht auf das Menschliche der handelnden Person. Wer einen Polizisten auslacht, weil er dick ist, oder eine Polizistin, weil sie stottert, sollte sich das noch mal durch den Kopf gehen lassen.

Duzen
Das „Sie“ ist in der deutschen Sprache eine Form der Festlegung von Autorität. Es ist nicht zufällig, wer wenn duzen oder siezen muß. Folglich ist das Verweigern des „Sie“ eine Form des Brechens von Autorität. Besonders gut ist, dass anzukündigen und zu erklären, damit die Herrschaftskritik darin auch nach außen sichtbar wird. Gegenüber Amtspersonen kann das „Duzen“ strafbar sein - ein besonders auffälliger Beweis des autoritären Charakters dieser Sprachform. Wer Amtspersonen allerdings dazu bringt, einen selbst zu duzen, hat nichts zu befürchten, weil ein „Du“ auf Gegenseitigkeit keine Beleidigung ist. Meist geschieht das bei etwas Geschick unauffällig.

Konfetti, Parfüm usw.
Das Nicht-Ernstnehmen kann auch durch Hilfsmittel unterstrichen werden. Wenn Sicherheitsdienste bemalt oder besprüht werden, Lippenstift tragen, nach Parfüm duften oder in einem Konfettiregen untergehen, verlieren sie ihren autoritären Charakter schnell. Sowas immer dabeihaben, hilft.

Mitmachen und übertreiben
Wo immer Repressionskräfte auftreten, können Einzelne deren Rolle mitspielen - aber dann so blöd, dass auch das Auftreten der Repression an autoritärer Ausstrahlung verliert. Wo z.B. BGS oder Polizei Befehle erteilen, können als Sheriffs u.ä. aufgedonnerte Menschen die Befehle wiederholen, dabei aber umformuliert ad absurdum führen.

Kommentieren und Beobachten

Es gibt einige Möglichkeiten, gar nicht selbst in der Handlung mitzuwirken, aber eine große Rolle bei der Außenvermittlung zu spielen. Gerade bei selbst inganggesetzten Aktionen oder solche, wo die Außenwirkung der Hauptzweck ist, kann das mit eingeplant werden und eine Person diese Rolle übernehmen.

Presse sein oder spielen ...
Wer eine eigene Zeitung macht, dort oder bei einem Radio mitwirkt, kann als solcheS auftreten. Oder mensch denkt sich das einfach aus – überprüft ja eh niemand. Und dann Umfragen machen – bei den Handelnden, aber gerade auch beim „Publikum“. Dort fragen „Was halten sie von ...?“ – so ist Polizei z.B. nicht nur oft vorsichtiger, wenn sie glaubt, Presse sei dabei, sondern auch irritiert, wenn ihr Handeln so unter die öffentliche Begutachtung gestellt wird, dass in der Situation PassantInnen gefragt werden, wie sie die Polizeiaktion gerade finden.

Schein-Handy-Gespräche
Es ist nicht so ohne weiteres immer erlaubt, laute Reden zu halten. Was aber kaum kriminalisierbar ist, sind laute Handy-Gespräche – auch mitten in der FußgängerInnenzone, im Kaufhaus usw. Und es fällt wenig auf, wenn ein scheinbar zufälliger Passant jemand anderem am anderen Ende der Leitung (den es gar nicht gibt ...) erklärt, was gerade abgeht. Da kann mensch sogar harte Kritik oder Beleidigungen verstecken. Wer jemandem sagt „Die Bullen sind einfach Arschlöcher, die machen gerade das und das ...“, so ist das gleiche ausgesagt wie eine direkte Beleidigung, aber es ist eben keine. Tja ... und wenn die Leitung schlecht ist, wiederholt mensch das Ganze nochmal lauter ...

Spontandemo gegen die Vorgänge
Wenn es hart auf hart kommt oder mensch die Handlungsmöglichkeiten verteidigen bzw. erweitern will (Megaphon-Einsatz, Transparente usw.), kann zu einer Spontandemo gegen das, was mensch nicht mehr anders attackieren kann/will aufrufen und sofort loslegen. Grundsätzlich ist das möglich – wenn auch nur auf öffentlichen Flächen.

Keine Aussagen bei Polizei, Behörden, Gericht & Co!

Kreative Antirepression, also die Anwendung der Kommunikationsstrategien bei Repression und gegenüber Repressionsorganen ist ein wichtiger Teil des Überwindens der selbstverschuldeten Unfähigkeit der meisten politischen Gruppen, der Staatsmacht kreativ-offensiv entgegenzutreten. Die Chance dabei ist, selbst die Abläufe zu bestimmen und Repression als Herrschaft nach außen zu vermitteln.
Allerdings kann nicht deutlich genug gesagt werden: So defensiv und bekloppt das eingeschüchterte „Anna und Arthur haltens Maul vieler Linker ist (die zudem bei Demos usw. ständig dann doch mit Bullen reden bis kooperieren), so wichtig ist es, jede Kommunikation mit Repressionsorganen als kreativ-feindlich zu begreifen und 100%ig offensiv zu führen. Also nie auf Fragen eingehen, sondern selbst die Fragen stellen. „Warum fragen Sie das? Ist das ein Befehl, dass Sie das tun?“ kann z.B. eine sinnvoll-offensive Reaktion in einem Verhör sein.
Es muss gelten: Keine Antworten auf die Fragen der Bullen, die irgendwelche Informationen bieten. Keine Aussagen zur Sache, zu Personen, zu Zusammenhängen. Gar nichts! Wir führen die Aktion. Repressionsorgane und -vorgänge sind Mittel. Wir nutzen sie, um darauf Aktionen zu machen. Auf keinen Fall dürfen Bullen, StaatsanwältInnen, RichterInnen irgendeinen Nutzen daraus ziehen können!

Und nur zur Verdeutlichung sei zweierlei gesagt:

Die Mischung macht´s!

Keine Kommunikationsstrategie ist eine sichere Form, ein Ziel zu erreichen. Und auch alle zusammen garantieren nichts. Aber: Je mehr Möglichkeiten bestehen, desto wahrscheinlicher wird es, das Geschehen beeinflussen zu können. Insofern gilt zweierlei:

Beispiel

Hinweis:
Zu „Die Mischung macht's!“ ist eine eigenständige Broschüre in der Direct-Action-Reihe erschienen. Siehe http://www.direct-action.de.vu (Bestell- und Downloadseiten).

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