Mischung
Inhaltsverzeichnis |
Alles ausreizen: Graffiti, Militanz, Theater, Störung, Fakes
Intro: Am Beispiel - eine Woche in Giessen ... gegen die Apparate des Staates
Der Weg durch Giessen war nett: Am Sozialamt ... Farbe. Das Standesamt ... mit Sprüchen besprüht gegen normierte Beziehungen. Das Arbeitsamt ... Stinkflüssigkeit in mehreren Räumen und Parolen gegen Arbeit auf den Wänden. Das Finanzamt ... stinkig und auf den langen Fassaden voller Sprüche - von “Geld stinkt” über “Keine Macht für niemand” usw. Auch die Verwaltungen der Zentralen Aufnahmestelle für Asylsuchende waren besprüht und z.T. beschädigt. Giessen erlebte eine Aktionsnacht gegen Behörden. Und in den Folgetagen mehr: Ein gezieltes Fake, eine Nacht voller Graffiti und Aktionen in der Stadtverordnetenversammlung ... mit einigen Stunden Polizeigewahrsam für 3 Aktivistis. Die folgenden Informationen setzen sich aus vielen Einzelberichten zusammen - mündlich, per eigener Beobachtung verschiedener Leute, zusammengesammelten Fotos, Faxen und Scans sowie aus der Presse. Möglich ist, dass der Bericht sehr unvollständig ist, weil etwas untergegangen ist - in Giessen gilt nämlich eine strikte Absprache zwischen Stadtführung, Polizeichefs und Lokalpresse-Häuptlingen, dass über radikale, kreative politische Aktionen möglichst gar nicht berichtet wird. Das aber klappt nur solange, wie es sich eben verschweigen lässt ...
Die Chronik der Ereignisse
- Attacken auf Behörden: Die Idee einer Anti-Behörden-Night schwebte wohl schon länger durch die Diskussion. Es gab keine zentrale Planung, nur die Idee. Agiert wird in autonomen Gruppen (nein ... nicht das verbalposerige des Klischee-„Autonomen“, sondern als Begriff für Selbstbestimmung und Eigenständigkeit), nach eigener Überzeugung und Strategie. Zusammengekommen sind aber offenbar etliche Attacken auf Behörden - an mehreren Orten berichteten MitarbeiterInnen aus den Behörden oder BesucherInnen von Stinkflüssigkeit in den Gebäuden, vielerorts waren angesprühte Parolen zu sehen. Mit den Attacken auf die Behörden sollte auf die verschiedenen Herrschaftsverhältnisse im Alltag hingewiesen werden - die Behörden standen für den formalen Teil dieser Herrschaft, zu der zudem das diskursive des genormten Denkens und des zugerichteten Verhaltens gehört. Erwischt hat es mindestens Arbeitsamt, Ausländerbehörde, Zentrales Aufnahmelager für AsylbewerberInnen in Giessen, das Sozialamt, das Standesamt und das Finanzamt. Die Fotos stammen vom Finanzamt. Offenbar beteiligten sich auch SprayerInnen an der Nacht, die an weiteren Orten sprühten. So wurde der Spruch an einem Universitätsgebäude, der vor einiger Zeit nicht vollendet werden konnte, weil die Bullen mit gezückter Waffe auftauchten, endlich auf „Den Staat abschaffen!“ ergänzt.
- Vermittlung via Fake: Im Stadtbild waren die Sprüche gut sichtbar. An einigen Behörden verschwanden sie am Tag drauf, an anderen standen sie noch lange Zeit. Die Presse und die Polizeipressestelle schwiegen. Doch nach allen Regeln der Kunst brachten es Unbekannte fertig, die Aktion in die Öffentlichkeit zu transportieren. Offenbar rund um alle oder einige der betroffenen Behörden wurde ein Anschreiben des Law-and-Order-Bürgermeisters Haumann verteilt, welcher selbst kurz zuvor, offenbar in die Ecke gedrängt von den vielen Aktionen, eine Presseinfo gegen die StörerInnen mit „Law and Order statt Lust und Laune!“ überschrieb ... ernsthaft! In dem Schreiben beschrieb der Bürgermeister die Aktionen und rief zu Solidarität mit den armen Behörden auf (siehe den Abdruck eines zugefaxten Exemplars am Ende). Nun musste die Presse dementieren ...
- Graffiti-Nacht: Der Zusammenhang liegt nahe - aber ist doch Spekulation. Am 27.3. fand in Giessen zum einen eine Veranstaltung des Polizeipräsidiums Mittelhessen mit dem Innenminister von Hessen, Volker Bouffier, statt zum Thema „Vandalismus und Graffiti“. Außerdem war eine Stadtverordnetensitzung angesagt - und mal wieder ging es um Law and Order sowie um die erfundene Bombendrohung, mit der der Bürgermeister Haumann (CDU) am 12.12.2002 die massiven Polizeieinsätze bei der Stadtverordnetensitzung begründete. Inzwischen hat Haumann zugegeben, gelogen zu haben. Aber das sei ja nicht so schlimm ... Naja - am 27.3. sah es in Giessen ganz nett aus. Die Innenstadt war mit sehr vielen schönen Schablonensprüchen versehen, oft an sehr auffälligen Orten (Eingängen von Kaufhäusern usw.). Auch der Platz rund um das Rathaus war verziert sowie, als Höhepunkt, die Zufahrt zum Polizeipräsidium. Das sahen die drei Aktivistis, die am Abend drauf unfreiwillig den Weg dorthin zurücklegen mussten. Bushaltestelle, Telefonkästen, Werbetafeln - alles war dick zugesprayt mit dem Schablonenspruch „Buntes Leben statt graue Wände und Einheitsmeinung“ sowie direkten Sprüche mit Bezug auf die Graffiti-Tagung.
- Stadtverordnetenversammlung: Mehrere Menschen besuchten ab 18.30 Uhr die Stadtverordnetenversammlung in Giessen. Etliche Bullen in Zivil warteten dort schon. Als die Aktivistis aus Projektwerkstatt und Giessen eintrudelten, tauchten wenig später auch Bedienstete des Staatsschutzes auf. Kurz vor Beginn der Versammlung wurde ein Aktivisti von einem Zivibullen angemacht: „Herr B. ... um das gleich klarzustellen: Wenn Sie sich einmal rühren, dann geht's zur Sache. Das ist auch mit dem Stadtverordnetenvorsteher Gail abgesprochen.“ Nicht nur diese platte Poserei, sondern auch interessant: Gegenüber der Presse sagte Gail später, dass er nicht gewusst habe, dass Polizei in Zivil anwesend war. In der Debatte um die Haumann-Lüge zur Bombendrohung also gleich die nächste Lüge. Uns überrascht das wenig, aber Aufklärung mag bei anderen die Bedenken zum Sinn der Demokratie mehren ... Anschließend folgte Langeweile - halt das Spiel um Abstimmungen, die längst klar sind und die Profilierung der Parteien in den Pseudodebatten des Parlaments. Und dann irgendwann der Tagesordnungspunkt wegen der Bombendrohung und des ganzen Bullen-Drumherums. Einige Aktivistis auf der Tribüne (gegenüber zwecks besseren Guckens hatten sich die Zivi-Bullen postiert) rollten ein Transparent herab (siehe großes Bild der 3-Foto-Collage). Der Stadtverordnetenvorsteher Gail unterbrach die Sitzung und forderte das Einrollen. Das geschah nicht. Langsam wurde alles zum großen Durcheinander ... nach einiger Zeit und Wortgefechten zwischen den Aktivistis auf der Tribüne und den PolitikerInnen im Saal erschien dann die uniformierte Bullerei (die Zivis wollten sich wohl nicht zu erkennen geben) und räumte die Aktivistis ab. Zwei von ihnen wurden dabei weggetragen, auf den Boden geworfen, gefesselt und bedroht („Steh auf oder es gibt Schläge!“). Das dritte Foto in der Collage zeigt die Situation kurz vor dem Wegtragen des letzten Aktivistis - das Transpi ist schon weg, im Saal komplettes Durcheinander. Drei Aktivistis wurden verhaftet und in die Bullenstation im Behördenzentrum verbracht. Dort gab es viel Mackerei, Ausziehen, Durchsuchen, aber auch immer wieder die angezettelte Debatte um sinnlose Bullenstrukturen, Herrschaft und ihre Wirkung in der Gesellschaft. Nach einiger Zeit wurden die drei bis zum Ende der Stadtverordnetenversammlung in das Polizeipräsidium Mittelhessen in der bekannten Ferniestrasse verbracht. Gegen 1 Uhr nachts kamen sie wieder frei. Anschließend fuhren einige es noch ein bisschen in Gießen herum zwecks liegengebliebenen Kram einzusammeln ... bis die Aktivistis bemerkten, dass ihnen immer das gleiche Auto folgte. Auf einem Parkplatz beobachteten sie das Fahrzeug. Einer näherte sich. Das Auto führ rückwärts in eine Bushaltestelle. Der Mensch ging hinterher ... das Auto wendete zur Bushaltestelle auf der anderen Seite. Jetzt gingen mehrere auf das Auto zu, von allen Seiten. Der Wagen wendete panikartig und schoss über die rote Ampel Richtung Bullenwache. Schade, weder Nummernschild noch Fotos waren in der Dunkelheit erkennbar/machbar. Aber ein lustiger Abschluss ...
Die Reaktionen in der Presse
- Haumann verurteilt gefälschtes Flugblatt GIESSEN (fm). Neue Flugblätter mit der gefälschten Unterschrift von Bürgermeister Heinz-Peter Haumann und dem ebenfalls gefälschten Logo der Stadt Gießen sind im Laufe des gestrigen Tages im Stadtgebiet aufgetaucht. In dem mit einem Passfoto von Haumann (“Oberbürgermeister der Stadt Gießen in spe”) und einer Fotomontage versehenem Schreiben werden die Gießenerinnen und Gießener dazu aufgerufen, dem amtierenden Stadtoberhaupt ihre Meinung über Schmierereien an öffentlichen Gebäuden mitzuteilen. Außerdem sollen sie die betroffenen Behörden “durch Spenden und Anteilnahme” unterstützen. Ziel dieser neuerlichen Aktion, so Haumann gestern in einer aktuellen Stellungnahme, sei die “Verunsicherung der Bürger” und eine “Verunglimpfung meiner Person”. Diese Absicht gehe jedoch nicht auf. Mehr als 100 Bürger hätten ihm in den vergangenen Wochen durch Anrufe, Schreiben und in persönlichen Gesprächen ihre Solidarität versichert, sagte Haumann gegenüber Pressevertretern. Nach Rücksprache mit dem Rechtsamt habe der Magistrat Strafanzeige erstattet, weil es sich bei den Fälschungen “nicht nur um Ordnungswidrigkeiten, sondern um Straftatbestände” handle. „Ich lasse mich nicht verunsichern von kriminellen Chaoten, die Recht und Ordnung mit Füßen treten - und die Bürger dürfen dies auch nicht tun“, heißt es in Haumanns Stellungnahme. Im übrigen gebe es ein “klares Erkennungszeichen für Fälschungen”: Der Bürgermeister werde sich nämlich niemals per Flugblatt an die Bürger wenden, sondern ausschließlich über amtliche Bekanntmachungen oder mit Presseveröffentlichungen. Quell: Giessener Anzeiger im Internet, 27.3.2003
- Wieder Polizei in Zivil im Stadtparlament: Demonstranten mussten weggetragen werden GIESSEN (ae). Mit den Stimmen der CDU/FWG/FDP-Koalition wurde am Ende PDS-Antrag „Missbilligung von Bürgermeister Haumann“ in namentlicher Abstimmung abgelehnt. Dafür stimmten SPD, PDS, Bürgerliste und die Bündnisgrünen mit Ausnahme einer Enthaltung. Für die PDS hatte Michael Janitzki diese Abstimmungsart verlangt, um FDP und FWG dazu zu zwingen „Farbe zu bekennen“ bei der Bewertung des Verhaltens von Bürgermeister Heinz-Peter Haumann (CDU). Haumann hatte in der turbulenten und durch viel Polizei geprägten Stadtverordnetensitzung vom 12. Dezember mit Verabschiedung des Haushalts und der Allgemeinen Gefahrenabwehrverordnung zur Situation gesagt: „Die Höhe dieser Befürchtungen ist eine Bombendrohung, die uns heute Nachmittag gegen 13.30 Uhr erreichte.“ Dass das „missverständlich“ war, und er nur die Möglichkeit einer Bombendrohung gemeint habe, hatte Haumann in der Hauptausschusssitzung am 17. März eingeräumt und sich ausdrücklich bei den Parlamentariern entschuldigt. ... Polizei war auch gestern wieder im Stadtverordnetensitzungssaal. Beamte in Zivil beobachteten eine kleine Demonstranten-Gruppe, die gegen 20.20 Uhr tatsächlich auch ein Transparent von der Zuschauertribüne herab entrollten. Sie weigerte sich es wieder einzuholen. Stadtverordnetenvorsteher Gail musste schließlich die Polizei rufen. Uniformierte trugen die Demonstranten um 20.30 Uhrweg. Gail und Haumann antworteten auf eine Janitzki-Frage, sie hätten von der Anwesenheit der Polizei in Zivil keine Kenntnis gehabt. (Quelle: Gießener Anzeiger im Internet
- Bericht zu den Aktionen mit Bildern (farbig!): http://www.de.indymedia.org/2003/03/47134.shtml.
- Später erhielten einige Aktivisten Anzeigen und eine Anklageschrift wegen Hausfriedensbruch. Der Prozeß wurde die Fortsetzung der Miscbung kreativer Widerständigkeit: http://www.projektwerkstatt.de/antirepression.
1. Direct-Action ... was ist das?
Der folgende Text soll in einem kurzen Überblick die Handlungsmöglichkeiten vorstellen, die innerhalb politischer Arbeit bestehen. Dabei werden nicht, wie sonst üblich, die gesellschaftlich vorgesehenen und formal ge- und verregelten Formen in den Vordergrund gestellt, sondern zunächst unabhhängig von dem, was die Herrschenden als Protestform gegen sich zulassen, das dargestellt, was zum Erreichen bestimmter Ziele möglich ist. Ebenso werden nur solche Aktionsformen beschrieben, die eine emanzipatorische Perspektive ermöglichen und diese auch in ihrem Binnenverhältnis zumindest umsetzen können. Als wichtiges Kriterium gilt, dass Aktionen und die mit ihnen vermittelten Positionen nicht das stärken dürfen, was wiederum Ursache von Unterdrückungsformen, Herrschaft, Ausbeutung, Umweltzerstörung usw. ist. Eine Aktion kann nur Details verbessern wollen oder grundlegende Änderungen anstreben – im günstigsten Fall ist das sogar miteinander verknüpft. Insofern hebt sich auch die künstliche Spaltung von Reform und Revolution auf. Wichtig ist dagegen, dass auch die Detailverbesserung nicht das Ganze verschlimmern darf – also: Keine Menschenrechte durch Krieg! Keine Kontrolle von Spekulationen durch eine Stärkung der staatlichen Machtinstrumente! Kein Ausstieg aus der Atomenergie durch die Ausdehnung von Marktmechanismen! Kein Ende von Folter durch eine Weltregierung! Keine soziale Sicherung durch mehr Verregelung des Alltags!
Die folgenden Vorschläge folgen den Ideen der „direkten Aktion“, d.h. des selbstbestimmten Handelns zur Verbesserung der eigenen Lebensumstände. Ebenso folgen sie der Logik, dass Macht nur als Gegenmacht emanzipatorisch sein kann, d.h. wenn sie sich gegen die Machtausübung anderer bzw. gegen strukturelle Macht (Herrschaft) wehrt. Gleiches gilt für Gewalt. Nach innen, d.h. innerhalb der durch emanzipatorische Aktion oder Aneignung geschaffenen gesellschaftlichen Subräume (politische Gruppen, Netzwerke, Räume usw.) dagegen gilt es, Herrschaft und Gewalt nicht wieder entstehen zu lassen oder konsequent zu vermindern. Die folgenden Punkte sind Aspekte solcher Aktionen und Projekte. In ihnen sollen die verschiedenen Handlungsstrategien sichtbar werden, die „Direct-Action“ ausmachen.
1.1 Alle Aktionsformen ausreizen!
- Aktionstechniken beherrschen und vermitteln: Viel politische Wirkung geht verloren, weil die AkteurInnen nicht spontan auf Situationen reagieren können. Meist gibt es nur eine oder wenige vorbereitete Aktivitäten, die organisatorischen Vorgaben werden von den Mitmachenden schon aus Mangel an Alternativen kommentarlos akzeptiert. Im Alltag fehlen Handlungsmöglichkeiten komplett, so dass sich Politik und Alltag auch dadurch spalten, dass es kaum Know-How oder überhaupt eine mentale Vorbereitung gibt darauf, politische Widerständigkeit auch am Arbeits- oder Ausbildungsplatz, beim Einkaufen, in der FußgängerInnenzone, im Bus oder Zug, in der Familie oder im FreundInnenkreis zu zeigen. Jeder gesellschaftliche Subraum ist ein Ort der ständigen Reorganisierung von Herrschaft und Unterdrückung – folglich kann auch jeder Ort der richtige Platz sein, um diese zu demaskieren, abzuwehren und Alternativen zu diskutieren. Die Techniken dafür reichen von Kommunikationsmethoden (Subversion, Überidentifikation, verstecktes Theater usw.) bis Blockade- oder Sabotagetechnik, um auch in Situationen, wo das hilfreich sein könnte, agieren zu können. Wenn in einer Stadt oder Region viele Menschen und viele politische Gruppen über das nötige Wissen für Aktionen verfügen, wird alles deutlich einfacher werden, weil die Vorbereitungszeit verkürzt wird, weil viele Einzelne auch ohne ständige Anleitung der führenden Personen loslegen können und jederzeit eine Reaktion z.B. auf Diskriminierungen, Unterdrückung und andere Vorgänge im Alltag erfolgt. Das Know-How kann über gemeinsame Seminare, Trainings, Aktionen mit Auswertung, Internetseiten und Broschüren eingeworben und weitergegeben werden (z.B. www. direct-action.de.vu). Hinzu kommen Erfahrungen und kleine Hilfsmittel, die mensch fortan immer dabei hat – von passenden Schraubenschlüsseln über Pfeifen bis zu anderen Werkzeugen.
- Kommunikation und Vermittlung: Die Qualität einer Aktion, die nicht nur im Einzelfall helfen will, misst sich darin, wie stark sie eine Kommunikation mit Menschen aufbauen kann und die gewünschten Inhalte vermittelt. Unter diesem Gesichtspunkt erscheinen die zur Zeit gängigen politischen Aktionsformen eher ungeeignet. Die meisten Demonstrationen, Mahnwachen, Petitionen, Unterschriftensammlungen und vergleichbaren Aktionen erreichen kaum Menschen drumherum oder vermitteln kaum etwas über einfache Parolen oder das Gefühl hinaus, irgendetwas getan zu haben. Theater, vor allem versteckte Aufführungen mit Einbindungen der Menschen drumherum in die Handlung, Subversion, Irritation oder auch die direkte Einwirkung auf scheinbar normale Abläufe können viel stärker Kommunikation aufbauen, mit bislang als „normal“ geltendem brechen und den Blick auf Alternativen oder gar Visionen richten. Teil jeder Aktion sollte daher die Frage sein, wie die Inhalte, von der Kritik bis zur Vision, vermittelt werden.
- Subversion: Die Ausstattung von Staat, Konzernen, Marktinstitutionen und großen Organisationen mit repressiver Macht, Steuerung von Diskursen und öffentlicher Wahrnehmung sowie der Einflußnahme auf Medien ist fast unendlich. Es besteht keine Chance, hier ähnliche „Power“ aufzubauen und die Herrschaftssysteme mit gleichen Methoden zu besiegen. Im Einzelfall können Überraschungsmomente gelingen, wobei Überraschung schon selbst ein Mittel der Kreativität ist und damit eine auf gleiche Mittel setzende Strategie überwindet. Neben der Kreativität, die innerhalb herrschaftsarmer, von Selbstbestimmung und Vielfalt getragener Systeme entwickelt werden kann, ist die Subversion zentrales Mittel, der geballten Macht von Staat und Marktelementen entgegenzutreten. Subversion meint, die Kraft des Gegenüber nicht zu bekämpfen, sondern so umzulenken, zu verändern und zu verdrehen, dass sie für die eigenen Ideen oder zumindest gegen das Gegenüber gewendet werden kann. Zum einen können die Handlungen der Machtsysteme verdreht werden, zum anderen können die Apparate und Handelnden selbst so umgelenkt werden, dass sie gegen sich zu arbeiten beginnen. Beispiel für ersteres sind Ideen aus der kreativen Antirepression, bei der die Repression selbst genutzt wird, um die Funktionsweise und die Interessen der Herrschenden zu demaskieren. Festnahmen, Personalienkontrollen, Gerichtsverfahren, Knäste usw. werden als Aktionsflächen umgestaltet, um die Hintergründe sowie im günstigsten Fall Visionen jenseits von Repression zu thematisieren. In ähnlicher Weise können Parlamentssitzungen, die Atmosphäre in Kaufhäusern, die allgegenwärtige Werbung, die Autoritätsgläubigkeit, der Ordnungswahn und vieles mehr für Aktionen genutzt werden. Überidentifikation, d.h. das Nachspielen des Angegriffenen in noch glaubwürdiger, aber übersteigerter Form, kann Interessen von Machtapparaten demaskieren. Die kreative Umgestaltung von Werbeflächen kann schon dann, wenn nur einzelne Worte oder Buchstaben verändert werden, völlig andere Aussagen sichtbar machen – ohne großen Aufwand. Fakes (Fälschungen z.B. auf amtlichen oder sonstigen Briefbögen oder Ankündigungen tatsächlich auch gewollter Vorgänge wie Gratisfahrtage usw.) und andere Kommunikationsguerilla setzt auf Autoritätsgläubigkeit und verwandelt diese in politische Aktion. Der Aufwand ist meist niedrig und die Wirkung hoch, wenn Subversion angewendet wird. Der zweite Fall von Subversion ist der Einsatz der Gegenseite zu den eigenen Zwecken. So kann eine Straßenblockade erreicht werden, in dem per anonymen Anruf der Polizei glaubhaft gemacht wird, dass auf einer Kreuzung Straftaten geschehen. Polizei als Dauerbegleitung bei Aktionen kann auch zu Statisten bei Theater verwandelt werden.
- Kreative Antirepression: Repression ist ein wichtiges Mittel des Staates zur Durchsetzung von Interessen und zur Aufrechterhaltung einer gewollten Ordnung. Sie hat Einschüchterung sowie im Einzelfall auch das physische Aus-dem-Verkehr-ziehen von AkteurInnen zum Ziel. Ersteres ist das wichtigere. Repression und ihre Androhung gehören neben dem unstrategischen Vorgehen, den Spaltungen in politischer Bewegung sowie den verkürzten, populistischen Positionen zu den Hauptgründen für den geringen Erfolg politischer Aktion. Daher ist es wichtig, die Wirkung von Repression zu verringern. Hierfür ist zum einen ein wirksamer Schutz vor Repression nötig. Hier haben politische Gruppen in der Vergangenheit bereits Praxiserfahrung gesammelt und Strukturen aufgebaut. Die Reduzierung auf Repressionsschutz reicht aber nicht. Wer nur über Repression und die Möglichkeiten redet, sich davor zu schützen, begibt sich in eine defensive Stellung. Sichtbar ist auch, dass die Angst vor Repression bereits eines der Hauptargumente für die Nichtteilnahme an Aktionen ist. Zum defensiven Schutz muss die offensive Variante der Antirepression kommen, d.h. Repressionsapparate und -vorgänge werden zu Aktionsorten verändert – kreativ und subversiv. Der Ausbau der Repression, Überwachung und Kontrolle macht diese Aktionsform in Zukunft noch wichtiger. Zudem bietet sie die Chance auf visionäre Debatten, denn auf Castoren, Nazis oder internationale Finanzinstitutionen kann unter den herrschenden Verhältnissen durchaus verzichtet werden – auf Repression nicht. Ihre Abschaffung zu fordern, führt unmittelbar zu Frage nach den gesellschaftlichen Bedingungen insgesamt.
- Militanz und die Gewaltfrage: In der Debatte um Aktionsstrategien nimmt die Frage nach Gewalt bereits seit längerer Zeit eine wichtige Stellung ein. Sowohl von militanzbefürwortender wie auch von gewaltfreier Seite wird oft behauptet, dass hier der Schlüssel zu Erfolg und Misserfolg liegt. Die Begründungen dafür sind dürftig. Denn die Frage der Militanz ist keine grundsätzliche, sondern eine Entscheidung im jeweiligen Augenblick. Emanzipatorische Politik kann nur da stattfinden, wo Menschen nicht Gesetzen oder selbst auferlegten Formalien gerecht werden, sondern selbst sowie kommunikativ (d.h. in Diskussion und Reflexion mit anderen) entscheiden. Welche Aktionsmethode sinnvoll ist, kann nicht ohne Kenntnis der Situation geklärt werden. Die Ablehnung von Gewalt basiert auf der Position, dass eine gewaltfreie Gesellschaft nicht mit Gewalt geschaffen werden kann. Mit der gleichen Logik ließe sich formulieren, dass eine atomstromfreie Zukunft nur unter Verwendung von Solarstrom herbeigeführt werden kann und eine autofreie Zukunft nur per Fahrrad und zu Fuß. Eine Begründung zu dieser schlichten Behauptung erfolgt nie. Es wird darauf gehofft, dass diese Setzungen – als Axiom, d.h. wie ein mathematischer Regelsatz formuliert – unhinterfragt als Glaubensgrundsatz übernommen wird. Ähnlich absurd sind auch die gewaltbefürwortenden Positionen, wenn z.B. formuliert wird, dass die Gewalt des Staates nur mit Gewalt zu brechen ist. All solche Positionen schalten den Mensch als denkendes, handelndes und reflektierendes Wesen aus und unterstellen ihn Grundsätzen, die nicht mehr zu hinterfragen sind. Zur Frage von Gewalt erscheinen andere Überlegungen viel sinnvoller: Die konkrete Vorgehensweise bei Aktionen muss frei wählbar sein. Allerdings bedeutet gerade das, dass intensiv abgewogen, kreativ und emanzipatorisch entschieden wird, d.h. das Selbstbestimmungsrecht von Menschen ist gerade sehr hoch bewertet. Militante wie gewaltfreie Aktionen werden daher immer versuchen, Menschen nicht oder möglichst wenig in ihrer Selbstentfaltung und damit auch in ihrer körperlichen Unversehrtheit einzuschränken. Gewalt als Mittel innerhalb politischer Bewegung scheidet aus, weil es antiemanzipatorisch wirkt, per Gewalt dort Herrschaftsverhältnisse durchzusetzen, wo Herrschaftsfreiheit bereits verwirklicht werden könnte. Ganz anders ist Gegengewalt von unten als soziale Notwehr einzuschätzen. Wo sich Gewalt gegen Gewalt richtet, dient sie dem Ende der vorhandenen Gewalt und wirkt nur solange, wie diese besteht. Wer rassistische oder sexistische Übergriffe beenden will, wird oft auch Gewalt oder deren Androhung nutzen müssen. Ist das Ziel erreicht, endet sie. Diese Gewalt als Gegengewalt ohne Aufbau eigener Gewaltverhältnisse kann nicht mit Gewalt als Ausübung von Herrschaft gleichgesetzt werden. Daher ist die Frage „Gewalt – ja oder nein?“ auch ein Reden über zwei Arten von Gewalt, die aus emanzipatorischer Sicht nichts miteinander zu tun haben. Die Zerstörung von Gewaltverhältnissen ohne Aufbau eigener Gewalt ist immer etwas grundsätzlich anderes als die Ausübung von Herrschaft durch Gewalt. Das eine kann je nach Lage Teil emanzipatorischer politischer Aktion sein, das andere niemals.
- Aktionen als offene Strukturen gleichberechtigter Teile: Innerhalb von Aktionen und Projekten sind Herrschaftsverhältnisse unter emanzipatorischem Blickwinkel immer falsch, da sie den Aufbau oder die Akzeptanz von Herrschaft in einem gesellschaftlichen Subraum bedeuten, obwohl anderes möglich wäre. Emanzipation, d.h. der Abbau von Herrschaft, die (Selbst-)Befreiung von Menschen und deren Selbstentfaltung, ist aber immer und überall nötig. Es gibt keine wichtigen und unwichtigen Orte in der Gesellschaft, für die nach strategischen Gesichtspunkten entschieden werden könnte, wo Herrschaftsabbau sinnvoll ist und wo nicht. Die Orte, wo der eigene Gestaltungsspielraum groß ist, bieten sich besonders an für Experimente der Organisierung von Gleichberechtigung und Herrschaftsfreiheit. Zudem entsteht Vielfalt und Kreativität nur dort, wo die Menschen sich frei entfalten und ihre Ideen verwirklichen können. Herrschaftsfreiheit kann sowohl innerhalb von Gruppen und sozialen Projekten angestrebt werden wie auch in Vernetzungen und Bündnissen zwischen den Gruppen und AkteurInnen. Die bisherige Praxis politischer Organisierung ist deutlich anders, d.h. es wird auch darum gehen, sich das Know-How an nichthierarchischen Methoden, Entscheidungsfindungen und Organisierungsformen anzueignen, umzusetzen und weiterzuentwickeln (siehe z.B. unter www.hierarchnie.de.vu).
- Freiräume: Die gesellschaftlichen Verhältnisse engen den selbstbestimmten Handlungsraum ständig ein. Zeitvorgaben durch Arbeit, Ausbildung, Familie oder Staat, finanzielle Abhängigkeiten, materielle Engpässe, Zurichtungen und Erwartungsdruck beeinflussen das Verhalten ständig. Das drückt auf den Alltag, aber auch auf die politische Organisierung. Jede Aktion steht unter der ständigen Bedrohung durch Angst, Erschöpfung, Stress, Zeit- und Geldmangel der AkteurInnen. Dominanzen werden gefördert, weil oft nur die Führungspersonen materiell und vom Status her abgesichert agieren können. In einer solchen Situation ist es wichtig, Aktionsplattformen zu schaffen, auf denen der äußere Druck minimiert werden kann. Die politische Gruppe als soziales Projekt mit Einkommens- und Zeitausgleich, gleichberechtigtem Zugang zu allen Wissens- und materiellen Ressourcen sowie aktivem Dominanzabbau kann hierfür ebenso ein Aktionsfeld sein wie die Schaffung von Orten als Freiräumen, d.h. Häusern, Plätzen und Einrichtungen, in denen alle Menschen gleichberechtigt Zugang zu allen Ressourcen haben. Kreative Ideen sind gefragt, um auch formal sicherzustellen, dass nicht Haus- oder Vereinsrecht Dominanzstrukturen absichern (siehe z.B. die Strategien des Mietshäusersyndikats oder der Stiftung Freiräume). Die Idee der Freiräume schafft noch weitere Vorteile. Geschickt organisiert können sie den dort lebenden bzw. agierenden Menschen die Notwendigkeit zur marktförmigen materiellen Reproduktion nehmen oder verringern. Wer nicht mehr 8 Stunden arbeiten muß, um zu überleben, hat mehr Zeit. Wer von seinen Ängsten befreit wird um das tägliche Überleben, kann offensiver in Aktionen gehen. Zudem sind solche Projekte immer ein Reibungspunkt in einer herrschaftsförmigen Gesellschaft, d.h. dort, wo sie offensiv nach außen gehen, sind sie selbst eine politische Aktion. Die meisten heute existierenden alternativen Projekte kommen diesen Ideen jedoch nicht nahe. Sie sind Rückzugsnischen ohne Außenwirkung und verharren in der Wiederherstellung gesellschaftlicher Normalität im Innern. Oftmals ist der Zwang zur marktförmigen Wertschöpfung (Arbeiten für zahlende KundInnen) sogar größer als in der bürgerlichen Gesellschaft. Die Verbindung von Selbstorganisierung und Unabhängigkeit im Alltag mit offensiv-kreativer Politik stellen einige Projektwerkstätten dar.
- Gegenöffentlichkeit: Wesentliche Teile gesellschaftlicher Wahrnehmung und Diskurse werden über Medien organisiert. Politische Gruppen haben sich zu großen Teilen aus selbstorganisierten Medien zurückgezogen, die Mehrzahl der politischen, lokalen Zeitungen ist in den letzten Jahren eingegangen. Existent sind noch einige freie Radios, bei denen politische Gruppen auch aktiv mitwirken. Das ist jedoch deutlich zu wenig. Die identitären, d.h. meist mit Verbandsnamen und –logos ausgestatteten Einzelschriften und Flugblätter ersetzen eine Gegenöffentlichkeit nicht. Diese sollte kreativ und vielfältig sowie kooperativ, d.h. über die Grenzen von Gruppen hinweg wieder aufgebaut werden: Zeitungen, Internetseiten, Wandzeitungen, Angebote in Kinos, Buch- und Veranstaltungsreihen, öffentliche Auftritte wie Speakers Corner usw.
1.2 Utopien entwickeln und diskutieren
- Utopien vermitteln, visionäre Diskussionen provozieren: Wo sich Politik auf den Einzelfall beschränkt, verliert sie oft das Ziel und nutzt Methoden, die zwar dem Einzelfall helfen (Nazis verjagen, eine Abschiebung verhindern, ein Gesetz stoppen ...), aber insgesamt die Lage zementieren oder gar verschlechtern (mehr Polizei, mehr Überwachung, neue Herrschaftsinstitutionen, Akzeptanz für bestehende Herrschaft usw.). Eine Verknüpfung ist daher schon aus strategischen Gründen nötig, um nicht selbst antiemanzipatorisch zu wirken – obwohl mensch doch „eigentlich das Richtige will“. Andererseits sind konkrete Anlässe einfacher in eine praktische Politik zu wandeln als grundsätzliche und langfristige Ziele. Daraus folgt, dass die Kombination das beste ist. Wenn es gelingt, Aktionen und Forderungen so zu formulieren und durchzuführen, dass weitergehende Entwürfe sichtbar oder Diskussionen dazu angezettelt werden, haben Aktivitäten immer einen doppelten Wert: Das konkrete Anliegen und das Vorantreiben der Debatte um mehr. Zusätzlich können noch Aktionsformen entwickelt werden, die ganz speziell die Debatte um gesellschaftliche Utopien vorantreiben.
- Projekte mit visionären Ansätzen verwirklichen: Was für Aktionen gilt, kann auch in konkrete Projekte integriert werden. Der Verzicht auf Herrschaft in der eigenen Organisierung und Vernetzung kann als Ansatz für die Debatte um Vision genutzt werden. Alternative Projekte können nicht nur als Haus, Platz oder Produktionsstätte sichtbar werden, sondern auch Ausgangspunkt von Diskussionen um eine Veränderung von Gesellschaft sein.
Diese und andere Einzelaspekte müssen nicht nebeneinander stehen. Der Reiz, es zusammen zu verwirklichen, ist hoch. Wer eine Aktion fährt gegen ständige Verwertung, dabei gleichzeitig auf einen Umsonstladen hinweisen und über Utopien diskutieren kann, mit einem eigenen Medium weitergehende Informationen streut usw., hat andere Handlungsmöglichkeiten als einzelne Gruppen, die alles immer wieder bei Null anfangen. Neben der Vernetzung verschiedener Ansätze können auch bewusst Orte geschaffen werden, wo Protest, Freiraum, Gegenöffentlichkeit, Selbstorganisierung usw. zusammenkommen – z.B. in der Form bunter sozialer Zentren oder zeitlich beschränkter „Gegenwelten“ inmitten der Normalität des markt- und herrschaftsförmigen Alltags, wie es z.B. mit dem UtopieCamp im Sommer 2003 in Gießen versucht (und überwiegend verboten) wurde. Die dortigen Ansätze sind ausbaubar.
Beispiel: Aktionstage gegen Bombodrom
Im Sommer 2003 fanden Aktionstage gegen den von der Bundesregierung geplanten Angriffsübungsplatz bei Wittstock (Bombodrom) statt. In den zehn Tagen entwickelte sich eine hohe Vielfalt unterschiedlicher Aktionsformen, die sich gegenseitig unterstützten und jeweils sehr unterschiedliche Kreise ansprachen.
- Vor allem die Bürgerinitiative vor Ort organisierte Wanderungen, Demonstrationen und Feste, wodurch viele AnwohnerInnen in die Aktionen eingebunden werden konnten. Innerhalb dieser Aktionen gab es Platz für recht vielfältige Elemente wie Gelände- oder Baumbesetzungen, Theater usw.
- Militante Aktionen, z.B. das Übermalen von Verbotsschildern am Rand des Truppenübungsplatzes sowie Kleinsabotage an Geräten.
- Kreative Veränderungen an Straßen, Gebäuden usw.
- Subversion und Überidentifikation durch die Gründung der „Dörflichen Initiative für Heide und Sicherheit“, mit der erfolgreich die eigene Gegenseite simuliert werden konnte.
Die subversiven Aktionen
Am 1. August fand am geplanten „Bombodrom“ eine skurile Demo statt. Angemeldet war sie von einer „Dörflichen Initiative für Heide und Sicherheit“, die sich als Unterstützerin des Übungsplatzes zeigte. Das Fake, tatsächlich aus dem Aktionscamp gegen den Bombenabwurfplatz heraus organisiert, irritierte in der Region und vor allem in der Presse mächtig. Die Presseagentur dpa bemühte sogar das Bundesamt für Verfassungsschutz, um Informationen über die veranstaltende Gruppe zu bekommen. Auch die Polizei war ziemlich verwirrt, zumal sie den Anmelder zweimal bei Protesten auf dem Truppenübungsplatz kontrollierte. Am Tag der Demonstration schickte sie eine Einsatzhundertschaft, um Zusammenstöße zwischen den DemonstrantInnen und dem Camp zu verhindern ... Die Demo selbst war ziemlich bunt, schrill und absurd. Viele hatten sich als SoldatInnen verkleidet, mit blutigen Verbänden und total bekloppten Schildern vom Fronttranspi „Bomt die Kanickel aus der Heide!“ bis zu „Deutsche Kollonin in allen Öhlstaten!“ Unterwegs gab es Lieder und Parolen wie „Osama bin Laden ist überall, jagen wir ihn mit Überschall“. Die Lokalpresse erschien vor Ort, es gelang ihr aber nicht, das Ganze zu durchschauen. Am nächsten Tag erschien ein Bericht unter der Überschrift „Küchentechnik dank Militär“. Die Lieder, die auf der Demo gesungen wurden, waren umgetextet auf bekannte Melodien (Pionier-Kinderlied aus der DDR-Zeit und „Die Internationale“, siehe Broschüre „Der Ton macht die Aktion“ und www.projektwerkstatt.de/lieder).
Auszüge aus den Redebeiträgen:
- Wir, und das sage ich in aller Deutlichkeit stehen für die Kaninchenbefreiung in der Heide. Und wir haben kein Dreck am Stecken!! Deswegen lasst uns ihnen ein deutliches Zeichen geben das sie inn unsere Vorgärten gehoppelt kommen und wir sie nur aufsammeln brauchen um sie ... naja wir wissen schon ... Und dann wird endlich die Zeit anbrechen, in der wir nur in den Garten gehen müssen, laut rufend: Kommt und lasst euch züchten, oder braten. Oder ... naja ... wie auch immer. Deswegen rufe ich heute unsere Freunde von der Bundeswehr zu: Jaaaa!!! Wir wollen das Bombodrom!! Treibt die lieben süßen Karnickels mit euren Bombern und Mörsern und Panzern und Granaten und Feldjägern und Soldaten und Rekruten zu uns ...
- Hier noch eine wichtige Nachricht von den staatlichen Sicherheitsbehörden. In letzter Zeit ist es häufiger zu Sachbeschädigungen gekommen. Insbesondere sind in vielen Fällen die metallenen Lärmschutzeinrichtungen am Rande des Platzes attackiert worden, die zusätzlich auf den Sicherheitsbereich der Bundeswehr hinweisen. Dies stellt eine Gefährdung der öfftentlichen Sicherheit dar, führt zu höherer Lärmbelästigung und muss unter allen Umständen verhindert werden. Falls Sie Erkenntnisse, Mutmaßungen oder Gerüchte in dieser Angelegenheit haben, bitte ich Sie im Namen der Vernunft uns unverzüglich Meldung zu machen um ungewollte Verletzungen durch den notwendigen Schusswaffengebrauch gegen Zivilisten zu verhindern. Alle Nummern der Gesetzeshüter stehen Ihnen zur Verfügung.
- Redebeitrag von Clas Clever Bundeswehrfanclub Entenhausen: Ich möchte heute die Gelegenheit am Schopfe packen, all denjenigen zu danken, die seit 60 Jahren dafür Sorge tragen, daß hier Flieger fliegen. Die Sowjetarmee schützte unsere Heimat 40 Jahre lang. Das Eigentum vieler Bürger und Landwirte wurde auf eigenen Wunsch zum Ruhme des Vaterlandes und für den Ausbau des Bombenabwurfplatzes Freie Heide dem Volkseigentum zugeführt. Nach dem bedauerlichen Absturz eines Ihrer Kampfflieger mußte sie den Platz verlassen. Darauf besetzte unsere Bundeswehr in einer großartigen Nacht- und Nebelaktion den Platz, um die Arbeit der Sowjetarmee fortzuführen. Was hat sich seither verändert? Neue ultraleise Flugzeuge werden aus ultrahohen Höhen ultraleichte Übungsbomben abwerfen - auf Wunsch auch mit Fallschirm. Die Flugzeuge werden mit Friedensengel bemalt um unsere Aufgabe als Friedenbringer zu dokumentieren. Die Streubomben streuen so weit, weiter geht es nicht. Und die lasergelenkten Bomben treffen punktgenau.
- Wir, die Deutsche Landmannschaft Afghanistan, möchten Euch herzlichst grüßen und unsere tiefste Verbundenheit mit Euch und Euren Zielen ausdrücken. Wir begrüßen ausdrücklich den Aufbau einer europäischen Angriffsarmee mit deutlicher Deutscher Prägung, um die Erschließung weiterer Kolonien, wie schon im Kosovo, zu fördern. Wir unterstützen die bundesdeutsche Regierung bei ihrer Absicht, auch Afghanistan als Deutsches Protektorat zu etablieren und werden diese Bemühungen weiterhin fördern. Auch mit unserer Hilfe wird am Deutschen Wesen Afghanistan genesen. Insofern sind wir ganz einer Meinung mit Herrn Struck, der unseren Wahlspruch prägte: „Die Verteidigung Deutschlands beginnt am Hindukush“. In der Tat erfordert die im Grundgesetz garantierte Verteidigung Deutschlands uneingeschränkten Zugang zu Märkten und Rohstoffen in aller Welt.
Ideensammlung zu Aktionen rund um das „Bombodrom“
Zunächst fand auf dem Campgelände der Freien Heide in Schweinrich um 13 Uhr eine Einführung in Direct-Action als Workshop statt. Es ging vor allem darum, Ideen zu sammeln für Aktionen im Rahmen der kommenden Aktionstage gegen die Nutzung der anliegenden Heide als „Bombodrom“. Die entstandene Liste sollte ein kompakter Überblick über Formen und Möglichkeiten direkter Aktionen sein. Sie wurde nacheinander von verschiedenen Leuten immer weitergeführt und wird hier in dem Zustand dokumentiert, wie er am letzten Tag auf dem Computer der Direct-Action-Plattform zu finden war. Deutlich sichtbar wird, wie sehr unterschiedliche Elemente benannt wurden. Ein Teil wurde in den Folgetagen umgesetzt.
Überblick über Aktionsformen:
- Unsichtbares Theater
- Fakes
- Subversive Kommunikation
- Repression/Antirepression
- Selbstorganisation, Schenkungsökonomie
- Sabotage
- Entwertung
Als besondere Wünsche für die Vertiefung wurden genannt:
- Theater
- Reclaim the Streets
- Umgang mit Repression/Herrschende zum Teil der Aktion machen
- Kommunikation steuern
- Autorität brechen
Konkrete Ideensammlung:
- Luftraum sperren.
- Friedenskarawane um den Platz machen: Mit Rädern, zu Fuß, mit Pferden usw. rund um den Platz. Am besten mit verschiedenen Aktionen an Orten und Stationen unterwegs.
- Kunstwerk/Monument gestalten, welches die Abneigung der Bürger zeigen soll: Der konkrete Vorschlag war ein größeres und höheres Monument aus Ton, hergestellt aus kleineren Teilen, die dann zusammenpassen und am Ort zusammengebaut werden.
- Kriegsspielzeug-Statue: Menschen bringen ihr Kriegsspielzeug mit und das Ganze wird (z.B. mit Beton) zu einem Denkmal zusammengefügt - u.a. wird damit alles unbrauchbar gemacht. Idee aus einer ähnlichen Aktion woanders: Kindern den Tausch gegen andere Spielsachen anbieten.
- Boot gestalten für den großen Umzug am Samstag-Abend in Alt-Ruppin: Konkrete Aktion für den jährlichen Bootsumzug in Alt Ruppin (eigenes Boot, Theatergruppen am Ufer ...).
- Stop-Schilder ergänzen: Die roten (8-eckigen) Verkehrsschilder in der Landschaft und in den Städten lassen sich (ohne dass ihre Funktion als Verkehrszeichen unkenntlich wird) schnell umgestalten durch ein zusätzliches Wort unter „Stop“, z.B. „Bombodrom“ oder „Kriegsübungen“ u.ä. Das lässt sich z.B. als Schablone machen und dann unter dem „Stop“-Schriftzug aufsprühen mit Autolack u.ä.
- Bundeswehr-Fakes: Es ist denkbar, selbst die Gegenrolle zu spielen und mit Rundschreiben, die in Briefkästen geworfen werden, oder Pressemitteilungen auf dem Briefbogen der Bundeswehr (z.B. Standortverwaltung des Übungsplatzes) die Debatte zu bereichern. Spannend wäre, die tatsächlichen Ziele der Bundeswehr (internationale Interventionsstreitmacht usw.) dort als Begründung für die Notwendigkeit der Bombenübungen zu benennen. Umfangreicher wäre die Idee einer Studie, die von der Bundeswehr in Auftrag gegeben wurde und deren Kurzform (z.B. ein Vierseiter) in Umlauf gebracht wird. Darin finden sich Tabellen und Kurven über Arbeitsplätze, Kosten usw., die durch den Flugbetrieb entstehen. Ganz „nebenbei“ finden sich dort auch Kosten für Verletzungen, Tote, Umweltschäden und deren Beseitigung als Positivaspekte mit verrechnet.
- Diskussionen, Veranstaltungen usw. mit Fluglärm stören: Wo BundeswehrvertreterInnen auftreten, werden deren Beiträge mit lautem Fluglärm gestört.
- Fakes von Behörden, Persönlichkeiten: Ähnlich wie unter 6. können auch Fakes von Bürgermeistern (z.B. dem von Wittstock) in Umlauf gebracht werden. Idee ist immer, die Argumentationen für den Flugplatz so darzustellen, dass die Hintergründe offensichtlicher werden im Gegensatz zu den Lügengebilden von Bundesregierung, Bundeswehr & Co. Denkbar ist ein Fake als Pressemitteilung oder als Massenflugblatt in Hausbriefkästen.
- Guerilla-Methode: der Wachschutz befährt ständig das Gelände auf bestimmten Straßen und Wegen, wo durch geschaufelte Gräben und getarnte Nagelbretter die Fahrzeuge lahmgelegt werden können. (Material: Hacke, Spaten)
- Bemalen der Straßen mit Sprüchen, Symbolen, wenn sie nicht befahren werden (nachts)
- Wachschutz durch eine Aktion auf sich lenken und dann das Fahrzeug heimlich mit PINKER FARBE bemalen und besprühen
- Wachschutz und Feuerwehr einbeziehen durch Anruf: „Ich möchte ein Feuer melden, ich glaube ich sehe ein Feuer mitten in der Heide“ (Bindung von Kräften)
- Es gibt eine öffentliche Aussage, dass der Platzkommandant (Engel) gerne mit uns ins Gespräch kommen will. Ein solches Gespräch vor dem Tor in Kuhlmühle einberaumen und im Wald eine Verstärkeranlage verstecken. Dann das Gespräch beginnen und immer beim Ansatz der Gegenrede Düsenlärm abspielen. Die Bundeswehr kommt so in die Situation unter ihrer eigenen Lärmbelästigung nicht mehr dialog-fähig zu sein.
- Schildertauschbörse
- Spiel ohne Grenzen: Disziplinen entwickeln, die innerhalb des Geländes Wettkämpfe darstellen, z.B. Baum klettern
- Luftballons steigen lassen
- Am Tag X die Heide begehen und bei Bombenabwürfen sich als menschliches Schutzschild in die Heide setzen
- Annoncenaktion: Eine Annonce aufgeben, das bei der Bundeswehr in Kuhlmühle nicht nur Militärschrott, sondern als Zeichen der Bürgernähe auch an einem Tag Hausschrott abgestellt werden kann.
- Soldaten als Schrottskulpturen in die Heide bauen/setzen/basteln
- Biertrinken in der Heide
- Irritationen: Die Nummern an den Schranken rund um das Gelände auswechseln oder unkenntlich machen. Ebenso etwas in die Schlösser spritzen, damit die Leute selbst nicht mehr ins Gelände gelangen.
- Plakat entwerfen, auf dem der Kommandant verkündet, dass der Bombenabwurf am soundsovielten beginnt und deswegen die Durchfahrtstraße gesperrt werden muss bzw. alle Personen sich unter der Tel.Nr. der Kommandantur eine Durchfahrtsgenehmigung einholen bzw. bei Zuwiderhandlung mit Ingewahrsamnahme rechnen müssen.
- Dementi der Kommandatur anfertigen in dem sie darauf hinweist, dass der Bombenabwurf erst später, nämlich am soundsovielten beginnt, alles andere aber zutreffend ist.
- Veröffentlichung der Kommandatur anfertigen, in der sie darauf hinweist, das der Zaunbau um den Platz aufgrund angekündigter Proteste, Anschläge etc... vorgezogen wird und am soundsovielten beginnt und deswegen Behinderungen im Straßenverkehr etc. von der Bevölkerung in Kauf genommen werden müssen. Unter der Tel.Nr.:...... können Infos eingeholt und Beschwerden abgegeben werden.
- Initative „Pro Bundeswehr“ gründen und am 1. August eine Gegendemo zur Kommandatur veranstalten. In Zeitung etc. dazu aufrufen. Prinzip „Überidentifikation“ einbauen
- Vermessungen ankündigen in Vorgärten, auf Behinderungen hinweisen und zur Zusammenarbeit aufrufen.
- Probeabwürfe ankündigen in Verbindung mit Lärmschutzmessungen an Häusern, öffentlichen Gebäuden etc. Das MLT (Mobiles LärmschutzTeam) als Ansprechpartner unter Tel-Nr.:...... ankündigen. Darauf hinweisen, das mit ihm Terminvereinbarungen getroffen werden müssen.
- Bekanntmachung, dass die Bundeswehr die militärische Nutzung des Platzes aufgibt aus finanziellen Gründen. Da es an Leuten fehlt, die Schilder abzubauen wird die Bevölkerung aufgefordert am...........in der Zeit von .....bis.......mit eigenen Hilfsmitteln die Schilderbegrenzung zu entfernen. Die Schilder sind in Kuhlmühle abzugeben oder dürfen auch als Erinnerung behalten werden (Der ehem. Platzkommandant)
- Merkheft anfertigen. Ev. Schäden während der Abwürfe klassifizieren. Versicherungstechnische Hinweise geben. Infostellen und Ansprechpartner nennen. Mit Werbeeinlagen „Pro Bundeswehr“, „Für Bombodrom“ etc. ...
Zu allen Ideen gibt es technische Tipps, aber auch weitere Beispiele für schon gelaufene Aktionen unter der Direct-Action-Seite im Internet: www.direct-action.de.vu.