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Inhaltsverzeichnis

Alles ausreizen: Graffiti, Militanz, Theater, Störung, Fakes

Intro: Am Beispiel - eine Woche in Giessen ... gegen die Apparate des Staates

Der Weg durch Giessen war nett: Am Sozialamt ... Farbe. Das Standesamt ... mit Sprüchen besprüht gegen normierte Beziehungen. Das Arbeitsamt ... Stinkflüssigkeit in mehreren Räumen und Parolen gegen Arbeit auf den Wänden. Das Finanzamt ... stinkig und auf den langen Fassaden voller Sprüche - von “Geld stinkt” über “Keine Macht für niemand” usw. Auch die Verwaltungen der Zentralen Aufnahmestelle für Asylsuchende waren besprüht und z.T. beschädigt. Giessen erlebte eine Aktionsnacht gegen Behörden. Und in den Folgetagen mehr: Ein gezieltes Fake, eine Nacht voller Graffiti und Aktionen in der Stadtverordnetenversammlung ... mit einigen Stunden Polizeigewahrsam für 3 Aktivistis. Die folgenden Informationen setzen sich aus vielen Einzelberichten zusammen - mündlich, per eigener Beobachtung verschiedener Leute, zusammengesammelten Fotos, Faxen und Scans sowie aus der Presse. Möglich ist, dass der Bericht sehr unvollständig ist, weil etwas untergegangen ist - in Giessen gilt nämlich eine strikte Absprache zwischen Stadtführung, Polizeichefs und Lokalpresse-Häuptlingen, dass über radikale, kreative politische Aktionen möglichst gar nicht berichtet wird. Das aber klappt nur solange, wie es sich eben verschweigen lässt ...

Die Chronik der Ereignisse

Die Reaktionen in der Presse

1. Direct-Action ... was ist das?

Der folgende Text soll in einem kurzen Überblick die Handlungsmöglichkeiten vorstellen, die innerhalb politischer Arbeit bestehen. Dabei werden nicht, wie sonst üblich, die gesellschaftlich vorgesehenen und formal ge- und verregelten Formen in den Vordergrund gestellt, sondern zunächst unabhhängig von dem, was die Herrschenden als Protestform gegen sich zulassen, das dargestellt, was zum Erreichen bestimmter Ziele möglich ist. Ebenso werden nur solche Aktionsformen beschrieben, die eine emanzipatorische Perspektive ermöglichen und diese auch in ihrem Binnenverhältnis zumindest umsetzen können. Als wichtiges Kriterium gilt, dass Aktionen und die mit ihnen vermittelten Positionen nicht das stärken dürfen, was wiederum Ursache von Unterdrückungsformen, Herrschaft, Ausbeutung, Umweltzerstörung usw. ist. Eine Aktion kann nur Details verbessern wollen oder grundlegende Änderungen anstreben – im günstigsten Fall ist das sogar miteinander verknüpft. Insofern hebt sich auch die künstliche Spaltung von Reform und Revolution auf. Wichtig ist dagegen, dass auch die Detailverbesserung nicht das Ganze verschlimmern darf – also: Keine Menschenrechte durch Krieg! Keine Kontrolle von Spekulationen durch eine Stärkung der staatlichen Machtinstrumente! Kein Ausstieg aus der Atomenergie durch die Ausdehnung von Marktmechanismen! Kein Ende von Folter durch eine Weltregierung! Keine soziale Sicherung durch mehr Verregelung des Alltags!
Die folgenden Vorschläge folgen den Ideen der „direkten Aktion“, d.h. des selbstbestimmten Handelns zur Verbesserung der eigenen Lebensumstände. Ebenso folgen sie der Logik, dass Macht nur als Gegenmacht emanzipatorisch sein kann, d.h. wenn sie sich gegen die Machtausübung anderer bzw. gegen strukturelle Macht (Herrschaft) wehrt. Gleiches gilt für Gewalt. Nach innen, d.h. innerhalb der durch emanzipatorische Aktion oder Aneignung geschaffenen gesellschaftlichen Subräume (politische Gruppen, Netzwerke, Räume usw.) dagegen gilt es, Herrschaft und Gewalt nicht wieder entstehen zu lassen oder konsequent zu vermindern. Die folgenden Punkte sind Aspekte solcher Aktionen und Projekte. In ihnen sollen die verschiedenen Handlungsstrategien sichtbar werden, die „Direct-Action“ ausmachen.


1.1 Alle Aktionsformen ausreizen!

1.2 Utopien entwickeln und diskutieren

Diese und andere Einzelaspekte müssen nicht nebeneinander stehen. Der Reiz, es zusammen zu verwirklichen, ist hoch. Wer eine Aktion fährt gegen ständige Verwertung, dabei gleichzeitig auf einen Umsonstladen hinweisen und über Utopien diskutieren kann, mit einem eigenen Medium weitergehende Informationen streut usw., hat andere Handlungsmöglichkeiten als einzelne Gruppen, die alles immer wieder bei Null anfangen. Neben der Vernetzung verschiedener Ansätze können auch bewusst Orte geschaffen werden, wo Protest, Freiraum, Gegenöffentlichkeit, Selbstorganisierung usw. zusammenkommen – z.B. in der Form bunter sozialer Zentren oder zeitlich beschränkter „Gegenwelten“ inmitten der Normalität des markt- und herrschaftsförmigen Alltags, wie es z.B. mit dem UtopieCamp im Sommer 2003 in Gießen versucht (und überwiegend verboten) wurde. Die dortigen Ansätze sind ausbaubar.

Beispiel: Aktionstage gegen Bombodrom

Im Sommer 2003 fanden Aktionstage gegen den von der Bundesregierung geplanten Angriffsübungsplatz bei Wittstock (Bombodrom) statt. In den zehn Tagen entwickelte sich eine hohe Vielfalt unterschiedlicher Aktionsformen, die sich gegenseitig unterstützten und jeweils sehr unterschiedliche Kreise ansprachen.

Die subversiven Aktionen

Am 1. August fand am geplanten „Bombodrom“ eine skurile Demo statt. Angemeldet war sie von einer „Dörflichen Initiative für Heide und Sicherheit“, die sich als Unterstützerin des Übungsplatzes zeigte. Das Fake, tatsächlich aus dem Aktionscamp gegen den Bombenabwurfplatz heraus organisiert, irritierte in der Region und vor allem in der Presse mächtig. Die Presseagentur dpa bemühte sogar das Bundesamt für Verfassungsschutz, um Informationen über die veranstaltende Gruppe zu bekommen. Auch die Polizei war ziemlich verwirrt, zumal sie den Anmelder zweimal bei Protesten auf dem Truppenübungsplatz kontrollierte. Am Tag der Demonstration schickte sie eine Einsatzhundertschaft, um Zusammenstöße zwischen den DemonstrantInnen und dem Camp zu verhindern ... Die Demo selbst war ziemlich bunt, schrill und absurd. Viele hatten sich als SoldatInnen verkleidet, mit blutigen Verbänden und total bekloppten Schildern vom Fronttranspi „Bomt die Kanickel aus der Heide!“ bis zu „Deutsche Kollonin in allen Öhlstaten!“ Unterwegs gab es Lieder und Parolen wie „Osama bin Laden ist überall, jagen wir ihn mit Überschall“. Die Lokalpresse erschien vor Ort, es gelang ihr aber nicht, das Ganze zu durchschauen. Am nächsten Tag erschien ein Bericht unter der Überschrift „Küchentechnik dank Militär“. Die Lieder, die auf der Demo gesungen wurden, waren umgetextet auf bekannte Melodien (Pionier-Kinderlied aus der DDR-Zeit und „Die Internationale“, siehe Broschüre „Der Ton macht die Aktion“ und www.projektwerkstatt.de/lieder).

Auszüge aus den Redebeiträgen:

Ideensammlung zu Aktionen rund um das „Bombodrom“

Zunächst fand auf dem Campgelände der Freien Heide in Schweinrich um 13 Uhr eine Einführung in Direct-Action als Workshop statt. Es ging vor allem darum, Ideen zu sammeln für Aktionen im Rahmen der kommenden Aktionstage gegen die Nutzung der anliegenden Heide als „Bombodrom“. Die entstandene Liste sollte ein kompakter Überblick über Formen und Möglichkeiten direkter Aktionen sein. Sie wurde nacheinander von verschiedenen Leuten immer weitergeführt und wird hier in dem Zustand dokumentiert, wie er am letzten Tag auf dem Computer der Direct-Action-Plattform zu finden war. Deutlich sichtbar wird, wie sehr unterschiedliche Elemente benannt wurden. Ein Teil wurde in den Folgetagen umgesetzt.

Überblick über Aktionsformen:

Als besondere Wünsche für die Vertiefung wurden genannt:

Konkrete Ideensammlung:

Zu allen Ideen gibt es technische Tipps, aber auch weitere Beispiele für schon gelaufene Aktionen unter der Direct-Action-Seite im Internet: www.direct-action.de.vu.

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